HPV-Impfung senkt Krebsrisiko bei Männern um 46 Prozent
Wer als Junge gegen HPV geimpft wurde, hat als Erwachsener fast die Hälfte weniger Chance, an einem durch Humane Papillomaviren verursachten Krebs zu erkranken. Das zeigt eine im April 2026 in JAMA Oncology veröffentlichte Studie, die mit mehr als einer Million Männer die bisher umfangreichste Untersuchung zu diesem Thema darstellt. Der Befund hat politisches Gewicht: Weltweit wird die HPV-Impfung noch immer überwiegend für Mädchen und Frauen empfohlen, obwohl HPV für über 90 Prozent aller Analkrebserkrankungen und mehr als 70 Prozent aller Krebserkrankungen im Hals und Rachenraum verantwortlich ist.
Die Studie im Detail
Forscher verglichen 510.260 geimpfte mit 510.260 ungeimpften Männern im Alter von 9 bis 26 Jahren und beobachteten sie bis zu zehn Jahre lang. Die Gruppen wurden durch statistische Anpassung vergleichbar gemacht. Ergebnis: Geimpfte Männer hatten insgesamt 46 Prozent weniger HPV-bedingte Krebserkrankungen als Ungeimpfte. Bei Jungen, die im Alter von 9 bis 14 Jahren geimpft wurden, sank das Risiko um 42 Prozent. Bei Männern, die erst zwischen 15 und 26 Jahren geimpft wurden, betrug die Reduktion sogar 50 Prozent, weil in dieser Altersgruppe die Krebsrate insgesamt höher ist und die absolute Schutzwirkung damit messbarer ausfällt.
Für die Studie wurde ausschließlich der nonavalente HPV-Impfstoff ausgewertet, der gegen neun verschiedene HPV-Typen schützt und derzeit als Standardimpfung gilt. Er ist seit 2015 zugelassen und in Deutschland als Gardasil 9 bekannt.
Welche Krebsarten betrifft das?
HPV ist kein Einzelvirus, sondern eine Gruppe von über 200 verwandten Viren. Einige davon sind für Menschen harmlos, andere lösen Krebs aus. Bei Männern betroffen sind vor allem:
- Krebs im Hals und Rachen (Oropharynxkarzinom): Über 70 Prozent der Fälle werden durch HPV verursacht, Tendenz steigend.
- Analkrebs: Über 90 Prozent der Fälle gehen auf HPV zurück.
- Peniskrebs: Über 60 Prozent der Fälle sind HPV-assoziiert.
Besonders Krebs im Hals und Rachen hat in vielen westlichen Ländern in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen, vor allem bei Männern mittleren Alters. Dieser Trend wird direkt mit steigenden HPV-Infektionsraten in Verbindung gebracht.
Lange vernachlässigt: Männer als Impfzielgruppe
Die HPV-Impfung wurde ursprünglich vor allem für Mädchen entwickelt, weil sie vor Gebärmutterhalskrebs schützt. Doch auch Männer sind Überträger des Virus und erkranken selbst. In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die HPV-Impfung seit 2018 für Jungen im Alter von 9 bis 14 Jahren. In vielen anderen Ländern fehlt diese Empfehlung für Männer nach wie vor oder wird deutlich schwächer umgesetzt als bei Mädchen.
Das ist aus Sicht der Herdenimmunität ein Problem: HPV überträgt sich sexuell. Wenn nur Frauen geimpft werden, bleiben Männer als Reservoir für das Virus und als Erkrankungsrisiko für sich selbst ungeschützt. Die neue Studie belegt nun erstmals im großen Maßstab, was Expertinnen und Experten seit Jahren vermuteten: Der Schutz funktioniert bei Männern genauso wie bei Frauen.
Was bedeutet das für die Praxis?
Der American Cancer Society zufolge wurde bereits 2023 weniger als die Hälfte der Jungen im Impfalter in den USA vollständig gegen HPV geimpft, während die Rate bei Mädchen deutlich höher liegt. In Deutschland liegt die Impfquote bei Jungen laut Robert-Koch-Institut bei rund 50 Prozent, bei Mädchen bei etwa 65 Prozent. Die neue Datenlage dürfte Druck auf Gesundheitsbehörden ausüben, die Aufklärungskampagnen für männliche Jugendliche zu verstärken.
Die Ständige Impfkommission hat die HPV-Impfung für alle Kinder und Jugendlichen zwischen 9 und 14 Jahren als Standardimpfung eingestuft. Nachholimpfungen sind bis 17 Jahre möglich und werden von den Krankenkassen übernommen. Bis zum Alter von 26 Jahren können Männer die Impfung als Einzelfallleistung erhalten; ob die Kasse zahlt, hängt von der jeweiligen Kasse ab.
Einschränkungen der Studie
Wie bei jeder Beobachtungsstudie lässt sich keine absolute Kausalität belegen. Die Forscher nutzten statistische Methoden, um die Gruppen vergleichbar zu machen, aber unbekannte Störfaktoren können nicht vollständig ausgeschlossen werden. Zudem erfasst die Studie nur Daten aus Ländern, in denen strukturierte Impfprogramme bestehen. Langzeitdaten über 25 oder 30 Jahre liegen noch nicht vor, da der nonavalente Impfstoff erst 2015 eingeführt wurde.
Dennoch: Eine Studie mit über einer Million Teilnehmern über bis zu zehn Jahre Beobachtungszeit ist in der medizinischen Forschung selten. Der Befund ist statistisch belastbar. Der nächste Schritt liegt nun bei den nationalen Gesundheitsbehörden: Am 15. April 2026 hat die WHO ihre globalen Empfehlungen zur HPV-Impfung bekräftigt und ausdrücklich auch Jungen eingeschlossen. Ob und wie schnell Länder ohne männliche Impfprogramme nachziehen, wird die Entwicklung der HPV-bedingten Krebszahlen in den kommenden Jahrzehnten prägen.