Moringasamen filtern 98 Prozent Mikroplastik aus Wasser
Mikroplastik ist praktisch überall: in Flüssen, im Leitungswasser, im Meersalz und mittlerweile auch im menschlichen Blut. Günstige, einfach herzustellende Filtermethoden fehlen vor allem in Regionen ohne komplexe Wasserinfrastruktur. Forscher des Instituts für Wissenschaft und Technologie der Universidade Estadual Paulista (ICT-UNESP) haben nun gezeigt, dass Extrakt aus den Samen des Moringabaums mehr als 98 Prozent der Mikroplastikpartikel aus Trinkwasser entfernen kann. Die Studie wurde im April 2026 im Fachjournal ACS Omega der American Chemical Society veröffentlicht.
Warum Mikroplastik so schwer zu filtern ist
Mikroplastikpartikel tragen eine negative elektrische Ladung an ihrer Oberfläche. Diese Ladung lässt sie sich gegenseitig abstoßen und verhindert, dass sie zusammenklumpen und durch konventionelle Filter eingefangen werden könnten. In modernen Wasserwerken werden deshalb chemische Koagulantien eingesetzt, meist Aluminiumsulfat. Diese Substanzen neutralisieren die Ladung der Partikel, woraufhin sie aneinander haften und sich als größere Flocken aus dem Wasser abscheiden lassen.
Das Problem: Aluminiumsulfat hinterlässt Rückstände und erzeugt toxischen Schlamm, der entsorgt werden muss. Für kleine Gemeinden in Entwicklungsländern ist das oft kaum zu bewältigen. Genau hier setzt die Moringatechnologie an.
Wie Moringasamen die Koagulation übernehmen
Der Moringabaum (Moringa oleifera), im Deutschen auch als Meerrettichbaum bekannt, stammt ursprünglich aus Indien und wächst heute in weiten Teilen der Tropen. Seine Samen enthalten Proteine, die positiv geladen sind und deshalb dieselbe Wirkung entfalten wie chemische Koagulantien: Sie binden sich an die negativ geladenen Mikroplastikpartikel, neutralisieren deren Ladung und ermöglichen so die Bildung filtrierbarer Flocken.
Die Forscher aus São José dos Campos stellten aus den Samen eine wässrige Salzlösung her und testeten sie an PVC-Partikeln, einem der häufigsten Mikroplastiktypen. Das Ergebnis: Der Moringaextrakt entfernte mehr als 98 Prozent der Partikel aus dem Testwasser. Im Direktvergleich schnitt er genauso gut ab wie Aluminiumsulfat. In alkalischem Wasser war der pflanzliche Extrakt sogar konsistenter und zuverlässiger.
Entscheidender Vorteil: biologische Abbaubarkeit
Der Moringaextrakt ist vollständig biologisch abbaubar und nach aktuellen Erkenntnissen nicht giftig. Das macht ihn besonders interessant für Regionen, in denen keine chemischen Entsorgungsanlagen verfügbar sind. Die Herstellung des Extrakts ist vergleichsweise einfach: Die Samen werden gemahlen, in Salzwasser aufgelöst und filtriert. Spezielle Laborausrüstung ist dafür nicht zwingend nötig.
Leitwissenschaftler Thiago Lemos von der ICT-UNESP betonte in einer Pressemitteilung der Universität, der Ansatz sei besonders für Gemeinden interessant, die auf dezentrale Wasseraufbereitung angewiesen seien. In São José dos Campos laufen Feldtests mit Wasser aus dem Fluss Paraíba do Sul, einem der wichtigsten Wasserlieferanten der Region.
Einordnung: Was noch fehlt
Die Studie hat methodische Einschränkungen, die Forscher selbst benennen. Getestet wurden bislang ausschließlich PVC-Partikel, nicht andere verbreitete Kunststofftypen wie Polyethylen, Polypropylen oder Polystyrol. Ob der Moringaextrakt ähnlich gut gegen diese Varianten wirkt, ist noch nicht belegt. Außerdem wurden die Versuche im Labor durchgeführt, nicht im Maßstab einer Wasseraufbereitungsanlage. Industrielle Tests stehen noch aus.
Der Ansatz ist zudem auf die Verfügbarkeit des Moringabaums angewiesen. In tropischen Regionen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas ist die Pflanze weit verbreitet. In gemäßigten Klimazonen, also auch in Europa, wächst sie nicht und müsste importiert werden. Für die Regionen, die am stärksten von mangelhafter Wasserinfrastruktur betroffen sind, ist das aber ohnehin kein Problem.
Ausblick
Die Forscher planen als nächsten Schritt Pilottests in einer kommunalen Wasseraufbereitungsanlage in São José dos Campos. Ergebnisse werden bis Ende 2026 erwartet. Parallel laufen Versuche, den Extrakt auch auf andere Mikroplastiktypen anzuwenden. Sollten die Feldtests die Laborergebnisse bestätigen, wäre die Technologie nach Einschätzung der Forschungsgruppe mit verhältnismäßig geringem Aufwand in bestehende Wasserwerke integrierbar.