Tankerangriff in Hormus: 20.000 Seeleute als Geiseln
Iranische Schnellboote der Revolutionsgarden haben am Samstag in der Straße von Hormus Schüsse auf einen Tanker abgefeuert. Die britische Schifffahrtsbehörde UKMTO bestätigte den Vorfall: Zwei IRGC-Boote näherten sich rund 20 Seemeilen nordöstlich von Oman einem Handelsschiff, eröffneten ohne Vorwarnung das Feuer und zwangen das Schiff zur Kursänderung. Besatzung und Schiff blieben unverletzt. Für die rund 2.000 Handelsschiffe mit 20.000 Seeleuten, die seit über sechs Wochen im Persischen Golf eingeschlossen sind, ist es eine weitere Botschaft: Hormus bleibt ein Kriegsgebiet.
Was am Samstag in Hormus geschah
Der Angriff ereignete sich wenige Stunden nach dem erneuten Schließungsbeschluss. Irans Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf hatte die zweite Sperrung der Meerenge mit der fortgesetzten US-Seeblockade iranischer Häfen begründet. Die Revolutionsgarden ließen den Worten schnell Taten folgen: Zwei Schnellboote näherten sich einem Handelsschiff, ohne vorher den Funkkontakt zu suchen und eröffneten das Feuer.
Nach dem Beschuss änderte der Tanker seinen Kurs. Eine Gruppe von rund 20 Handelsschiffen, die sich nach der kurzen Öffnung am Freitag auf die Meerenge zubewegt hatte, brach den Versuch ab und kehrte um. Das Sicherheitsunternehmen Windward hat seit Kriegsbeginn am 28. Februar 2026 mindestens 21 bestätigte Angriffe der IRGC auf Handelsschiffe in der Region dokumentiert. Der Samstagsvorfall ist der erste direkte Beschuss nach der schnellen Abfolge von Öffnung und Schließung in den letzten 36 Stunden.
Iran drohte gleichzeitig, Schiffe, die Blockade missachteten, „in Flammen aufgehen zu lassen”. Das Weiße Haus antwortete, die US-Marine werde jeden Versuch, die eigene Blockade zu durchbrechen, unmittelbar unterbinden. Zwischen zwei inkompatiblen Blockaden und zwei Nuklearmächten, die sich gegenseitig mit Schiffsversenkung bedrohen, liegt die Handelsschifffahrt de facto still.
2.000 Schiffe, 20.000 Seeleute ohne Ausweg
Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation IMO zählt rund 2.000 Handelsschiffe mit etwa 20.000 Seeleuten, die seit dem Ausbruch des Konflikts im Persischen Golf festsitzen. Die Internationale Transportarbeitergewerkschaft ITF hat nach eigenen Angaben mehr als 1.000 E-Mails von Besatzungsmitgliedern erhalten, die um Rückholung in ihre Heimatländer bitten. Viele befinden sich seit über sechs Wochen auf ihren Schiffen, ohne Möglichkeit, an Land zu gehen. UN-Experten haben die Lage als humanitäre Krise ohne Präzedenz in der Nachkriegszeit eingestuft.
Unter den festsitzenden Schiffen befinden sich laut Verband Deutscher Reeder mindestens 50 Schiffe deutscher Reedereien. Vorräte an Treibstoff und Lebensmitteln an Bord schwinden, Schiffe können nicht zur planmäßigen Wartung in Trockendocks einlaufen. Das Internationale Rote Kreuz hat Schutzzonen für Handelsschiffe in der Meerenge gefordert, bislang ohne Reaktion der Kriegsparteien. Was als Energiepreiskrise begann, hat eine humanitäre Dimension angenommen, die in der öffentlichen Debatte kaum vorkommt.
Ölpreise zwischen Hoffnung und Rückschlag
Die Öffnungsankündigung von Außenminister Abbas Araghchi am Freitag hatte an den Energiemärkten eine heftige Reaktion ausgelöst: Brent-Rohöl fiel um rund zehn Prozent auf etwa 88 US-Dollar je Barrel. Die Hoffnung währte weniger als einen Tag. Nach der erneuten Schließung und dem Tankerangriff am Samstag stabilisierte sich Brent bei rund 90 bis 96 US-Dollar, weit unterhalb der Spitzenwerte von über 120 Dollar aus den Wochen der vollständigen Blockade.
Für deutsche Verbraucher bleibt die Ausgangslage widersprüchlich. Das Koalitionsentlastungspaket mit 17 Cent Mineralölsteuersenkung tritt erst im Mai in Kraft. Ob es an der Zapfsäule ankommt, entscheidet sich nicht in Berlin, sondern am Verhandlungstisch in Islamabad. Bei der ersten Tankrabattaktion 2022 gaben die Mineralölkonzerne nur einen Teil des staatlichen Nachlasses an die Kunden weiter. Bundeskartellamtspräsident Andreas Mundt hat die Konzerne bereits aufgefordert, die Steuersenkung diesmal vollständig weiterzugeben.
Drei Tage bis zum 21. April
Die zweiwöchige Waffenruhe, die Pakistan am 8. April vermittelt hatte, läuft am Dienstag aus. Eine zweite Verhandlungsrunde in Islamabad hat keinen bestätigten Termin. Der grundlegende Streit ist ungelöst: Die USA fordern ein 20-jähriges Moratorium für Irans Atomprogramm, Teheran bietet maximal fünf Jahre. Die US-Seeblockade iranischer Häfen bleibt in Kraft, bis ein Abkommen unterzeichnet ist. Eine offene Meerenge und eine US-Blockade iranischer Häfen gleichzeitig zu haben ist die strukturelle Unmöglichkeit, die seit Wochen keine Seite auflöst.
Analysten der Internationalen Energieagentur rechnen bei einer dauerhaften Schließung mit Brent-Preisen über 150 US-Dollar je Barrel, im Extremfall bis zu 200 Dollar. Die IEA hat bereits 400 Millionen Barrel strategischer Reserven freigegeben, was etwa 20 Tagen des normalen Hormusdurchsatzes von rund 20 Millionen Barrel täglich entspricht. Eine Verlängerung der Waffenruhe um zwei weitere Wochen ist nach US-Angaben im Gespräch. Am Dienstag entscheidet sich, ob der nächste Zyklus Verhandlungen oder Eskalation bringt.