
Belgrad: FAZ-Frage wird zur Propagandawaffe
Quellen (14)
- Horizonthorizont.net
- EPD Medienmedien.epd.de
- turi2turi2.de
- Newsroom.denewsroom.de
- Vremevreme.com
- t-online Ukraine-Blogt-online.de
- t-online Vučićt-online.de
- Epoch Timesepochtimes.de
- Watsonwatson.ch
- Berliner Zeitungberliner-zeitung.de
- Kettner Edelmetallekettner-edelmetalle.de
- t-online Strafverfahrent-online.de
- Berliner Zeitung Strafverfahrenberliner-zeitung.de
- sn.atsn.at
Serbien ist kein NATO-Mitglied, beliefert die Ukraine nicht mit Waffen und hat die westlichen Sanktionen gegen Russland nicht mitgemacht. Trotzdem war Belgrad am 8. August der Schauplatz einer Pressefrage, die von Moskau bis zur AfD für Empörung sorgte. FAZ-Korrespondent Michael Martens wollte von Präsident Wolodymyr Selenskyj wissen, was Europäer konkret tun könnten, um der Ukraine zu helfen, "mehr russische Soldaten zu töten". Die FAZ distanzierte sich von der Formulierung. Martens verteidigt sie. Was folgte, war ein Lehrstück über Informationskriegsführung und die Grenzen des Journalismus in einem anhaltenden Stellungskrieg.
Selenskyjs erste Visite in Serbien
Selenskyj reiste am 8. August erstmals seit dem russischen Angriff im Februar 2022 offiziell nach Serbien. Der Besuch hatte diplomatisches Gewicht. Serbien gehört zu den wenigen europäischen Ländern, die sich den westlichen Sanktionen gegen Russland bis heute nicht angeschlossen haben. Staatschef Aleksandar Vučić empfing Selenskyj mit militärischen Ehren und sendete damit ein Signal nach Brüssel und nach Moskau zugleich: Belgrad pflegt beide Beziehungen, lässt sich jedoch auf keine Seite vollständig festlegen.
Die Vereinbarungen des Treffens blieben bescheiden. Die Delegationen unterzeichneten eine Absichtserklärung zur Kooperation in Landwirtschaft und Lebensmittelsicherheit, ein Freihandelsabkommen soll bis Jahresende ausgearbeitet werden. Militärische Zusammenarbeit lehnte Vučić auf der gemeinsamen Pressekonferenz ausdrücklich ab. Der serbische Staatschef betonte, seine humanitäre Hilfe für die Ukraine zu verstärken, ohne dabei eine Seite militärisch zu unterstützen.
Vučić äußerte sich danach in einem Podcast des Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner zu seiner Lageeinschätzung: Er glaube, Europa stehe "am Anfang eines größeren Krieges". Er habe gehofft, irgendjemand werde etwas für den Frieden tun, aber es sei "nichts passiert und wird so schnell nichts passieren". Der Mann, der zwischen Moskau und Brüssel balanciert und keinen Vorteil darin hat, optimistisch zu klingen, spricht damit eine nüchterne Einschätzung aus.
Missverständliche Formulierung. Klarer Impuls.
Die Frage von Michael Martens im Wortlaut: "Was können wir konkret tun, um Ihnen zu helfen, mehr Russen, mehr russische Soldaten zu töten?" Den Zusatz "russische Soldaten" fügte er nach einer kurzen Pause selbst hinzu. Martens ist FAZ-Balkankorrespondent, die Pressekonferenz war sein Terrain.
Die FAZ-Pressestelle reagierte noch am Wochenende: Die Frage sei "missverständlich formuliert" gewesen, was man bedauere. Inhaltlich distanzierte sich die Redaktion jedoch nicht von der Substanz. Laut FAZ bezog sich die Formulierung auf eine reale Debatte unter Verteidigungsexperten, wie man die russische Armee personell unter Druck setzen könnte, um Moskau zu Friedensverhandlungen zu bewegen. Diese sogenannte Attritionsstrategie, die auf steigende russische Verluste als Mittel zur Kriegsbeendigung setzt, wird tatsächlich in Forschungsinstituten wie der RAND Corporation und in westlichen Hauptstädten diskutiert.
Martens selbst erklärte auf X, seine Formulierung sei eine Anspielung auf ein Winston Churchill zugeschriebenes Zitat aus dem Zweiten Weltkrieg gewesen. Er hält die Frage nicht für einen Fehler, sondern für notwendig und legitim. Selenskyjs Antwort ignorierte den umstrittenen Wortlaut vollständig. Er rief zur finanziellen Unterstützung der ukrainischen Rüstungsindustrie auf: Die Ukraine könne Waffen günstiger produzieren als andere Länder, brauche aber Mittel, um die heimische Kapazität zu verdoppeln. Zum Töten äußerte er sich nicht.
Russland, AfD und BSW in gemeinsamer Empörung
Die Reaktionen verteilten sich auf ein breites politisches Spektrum, das in seiner Zusammensetzung aufschlussreich ist.
Das russische Außenministerium bezeichnete Martens als "braunen Propagandisten" und "erblichen Nazi", warf ihm vor, Russen zu entmenschlichen und Hass gegen Russland zu legitimieren. Das entspricht dem Standardrepertoire russischer Außenpolitikkommunikation gegenüber westlichen Journalisten, die unbequeme Fragen stellen. Zusätzlich starteten prorussische Blogs und Portale wie PI-News und "Pravda Deutschland" eine Kampagne und verbreiteten die Geschichte als angeblichen Beleg für Kriegspropaganda im deutschen Mainstream-Journalismus.
Innerhalb des Deutschen Bundestags war die Reaktion breiter: AfD-Bundestagsabgeordnete Diana Zimmer zeigte sich schockiert, dass ein deutscher Journalist offen frage, wie Europa helfen könne, russische Soldaten zu töten. BSW-Politikerin Sevim Dağdelen zog den Vergleich zum Vokabular nationalsozialistischer Kriegsführung. Auf Change.org entstand eine Petition zur Entlassung von Martens.
Bemerkenswert an dieser Verteilung: Russisches Außenministerium, AfD, BSW und ein Teil der Rechtsaußen-Publizistik befanden sich in einer ungewöhnlichen Empörungskoalition. Das macht ihre Kritik nicht zwingend falsch. Es erklärt jedoch, warum die FAZ sich inhaltlich nicht vollständig distanziert hat. Eine Redaktion, deren Position sich mit der des russischen Außenministeriums deckt, hätte ein gravierendes Glaubwürdigkeitsproblem.
Die FAZ schrieb an die serbische Zeitung "Vreme", die ebenfalls berichtete und machte eine klare Trennung: Von der Formulierung distanziere man sich, von Martens als Journalisten und Korrespondenten nicht. "Zur Pressefreiheit gehört das Recht, Fragen zu stellen, gerade auf einer Pressekonferenz", heißt es im FAZ-Schreiben. Zugleich kündigte die Redaktion an, Verleumdungen und Drohungen gegen Martens nicht zu dulden.
FAZ prüft juristische Schritte gegen Drohungen
Die Redaktion hat angekündigt, rechtliche Maßnahmen gegen Personen zu prüfen, die Martens bedroht oder verleumdet haben. Wie weit das in der Praxis trägt, ist offen. Russische Propagandakanäle und anonyme Social-Media-Konten sind für deutsche Gerichte kaum erreichbar.
Die inhaltliche Frage, die der Vorfall aufwirft, löst sich mit Klagen nicht. Soll westlicher Journalismus in einem Krieg, in dem eine Seite einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg führt, streng neutral formulieren? Oder sind manche Fragen in einem Stellungskrieg, der täglich Opfer fordert, in legitimer Weise direkter als in Friedenszeiten üblich? Martens und die FAZ haben sich vorerst für eine Position entschieden: Die Formulierung war unglücklich, die Intention war legitim. Diese Debatte ist mit dem Vorfall in Belgrad nicht abgeschlossen, sondern gerade erst eröffnet.
Aktualisierungen
Update 13. August, 20:00 Uhr: Dmitri Medwedew hat bei einer Sitzung des Expertenrats seiner Partei Einiges Russland am 13. August direkt in die Affäre eingegriffen. Zum Journalisten Michael Martens sagte er: „Ich werde diesem Menschen nichts Böses wünschen, aber auch nichts Gutes. Irgendwann wird er seinen Teil der Verantwortung tragen.“ Was er unter „Verantwortung“ versteht, ließ er offen. Kremlsprecherin Maria Sacharowa warf Martens vor, er betreibe die „Entmenschlichung von Russen“. Die russische Botschaft in Berlin sprach von „menschenverachtender Rhetorik“, die Botschaft in Washington unterstellte Deutschland, es träume vom „Vierten Reich“. Die FAZ hat angekündigt, juristisch gegen Drohungen an ihren Korrespondenten vorzugehen.
Update 17. August, 01:00 Uhr: Russland hat offiziell ein Strafverfahren gegen FAZ-Korrespondent Michael Martens eingeleitet. Laut der russischen Staatsagentur TASS wird das Verfahren nach Artikel 282 Absatz 2 des russischen Strafgesetzbuches geführt, dem Tatbestand der „Anstiftung zu Hass oder Feindschaft“. Bei einer Verurteilung drohen bis zu sechs Jahre Straflager. Russland prüft nach Berichten zudem, ob ein internationaler Haftbefehl ausgestellt wird. Die FAZ erklärte, der Redaktion seien die Ermittlungen bislang nicht bekannt gewesen. Für Martens, der sich in Deutschland aufhält, hat das Verfahren zunächst keine unmittelbaren Konsequenzen: Deutschland liefert eigene Staatsbürger nicht aus. Als Vergleich gilt der Fall des deutschen Karikaturisten Jacques Tilly, dem ein russisches Gericht in absentia 8,5 Jahre Straflager verhängte, ohne praktische Wirkung auf seinen Alltag in Düsseldorf.
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