
FAO: Weltmarktpreise für Weizen und Mais gestiegen
Quellen (18)
- FAO Food Price Index | Food and Agriculture Organization of the United Nationsfao.org
- Drucksache 21/6196dserver.bundestag.de
- Drucksache 21/6768dserver.bundestag.de
- Commodity derivatives regulatory framework | FCAfca.org.uk
- Wissenschaftliche Dienste Deutscher Bundestag Verbot von Nahrungsmittelspekulationen WD 5 – 3000 - 224/10bundestag.de
- Trade and Development Report 2025: Chapter 3unctad.org
- Lebensmittel : Macht der Rohstoffspekulanten nur ein Mythos - WELTwelt.de
- Trade and Development Report 2025 (Overiew)unctad.org
- Targeted consultation on the review of the functioning of commodity derivatives markets and certain aspects relating to spot energy marketsfinance.ec.europa.eu
- Subject:esma.europa.eu
- EUSurvey - Survey Xfia.org
- Position Limits for Derivatives | CFTCcftc.gov
- CFTC v. Kraft 15-2881 - Signed Consent Order 5.13.2022.pdfcftc.gov
- CFTC Settles Enforcement Action Against Kraft and Mondelēz | CFTCcftc.gov
- Policy der Raiffeisen KAG zur Nahrungsmittelspekulation, Jänner 2026a.storyblok.com
- Nahrungsmittelspekulation | Oxfam Deutschlandoxfam.de
- Inflation: When speculators profit from the food crisis | Foodwatch ENfoodwatch.org
- ESMA confirms go-live for weekly commodity derivatives position reportingesma.europa.eu
Der Weltmarktpreis für Weizen stieg im September 2026 gegenüber August um 6,3 Prozent auf den höchsten Stand seit August 2023, wie der FAO Food Price Index zeigt. Auch der globale Maispreis stieg gegenüber dem Vormonat um 5,6 Prozent auf den höchsten Stand seit mehr als drei Jahren. Die FAO nennt als weitere Gründe für den Weizenanstieg trockenes Wetter in Teilen Nordamerikas vor der Winterweizenaussaat und für den Maisanstieg weniger Exportverfügbarkeit in Brasilien. Unsicherheit über die Schifffahrt durch die Straße von Hormus hielt laut FAO zusätzlich die Sorgen um Treibstoff, Düngemittel und Frachtkosten hoch und stützte Rohstoffpreise, insbesondere für als Rohstoff für Biokraftstoffe genutzte Erzeugnisse wie Mais. Der gesamte Lebensmittelpreisindex der FAO lag im September bei 136.0 Punkten, 1,5 Prozent über dem revidierten Augustwert. Gegenüber seinem Höchststand vom März 2022 blieb er jedoch 15,1 Prozent niedriger.
Die Fraktion Die Linke fragte die Bundesregierung in ihrer am 10. Juni 2026 veröffentlichten Kleinen Anfrage nach den geltenden Positionslimits für Agrarrohstoffe. Sie bezeichnete die zunehmende Finanzialisierung der Weltagrarmärkte neben Dünger- und Energiepreisen als zusätzlichen Preistreiber, besonders in internationalen Krisen. Als Beleg verwies sie auf einen nach ihrer Darstellung sprunghaften Anstieg des Volumens von Spekulationsgeschäften in den Jahren 2007/2008 sowie 2022, jeweils als Reaktion auf geopolitische Krisen. Die Bundesregierung antwortete in ihrer Antwort vom 26. Juni 2026, valide Prognosen zur Preisentwicklung bestimmter Produktgruppen seien wegen der von zahlreichen Krisen geprägten globalen geopolitischen Lage nicht möglich. Zum möglichen Zusammenhang mit dem am 28. Februar 2026 begonnenen Krieg der USA und Israels gegen Iran erklärte sie, konfliktbedingte Energiepreissteigerungen hätten sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf die Lebensmittelpreise in Deutschland niedergeschlagen; sollten sich steigende Betriebsmittelpreise der Landwirtschaft in höheren Erzeugerpreisen niederschlagen, sei mit zeitlich verzögerten Preissteigerungen zu rechnen.
Was die Fraktion noch wissen wollte
Die Anfrage ging deutlich über die Preisprognose hinaus: Die Fraktion wollte wissen, wie hoch der Anteil rein finanzieller Akteure am Handelsvolumen bei Agrarderivaten ist und in welchem Umfang Positionsdaten großer Marktteilnehmer öffentlich zugänglich sind. Sie fragte außerdem, wie oft Positionslimits für Agrarrohstoffe in den vergangenen fünf Jahren überschritten wurden, welche Sanktionen folgten und ob die Bundesregierung die bestehenden Limits für ausreichend hält. Die Bundesregierung antwortete dazu, die Positionslimits seien in den letzten Jahren nicht überschritten worden, weshalb sie keinen Bedarf für eine Ausweitung der Erhebung und Veröffentlichung von Positionsdaten sehe. Ein Positionslimit ist die maximale Größe einer Nettoposition, die eine Person in bestimmten Warenderivaten halten darf, wie es die britische Finanzaufsicht FCA für ihren Markt beschreibt. Zudem fragte die Fraktion, wie die Bundesregierung zwischen legitimen Absicherungsgeschäften (Hedging) und spekulativen Geschäften unterscheidet. Eine weitere Frage betraf den außerbörslichen OTC-Handel mit Agrarderivaten: welcher Anteil des Handels dort stattfinde und wie eine Umgehung von Positionslimits über diesen Weg verhindert werde. Sie wollte außerdem wissen, ob der BaFin seit Kriegsbeginn am 28. Februar 2026 Überschreitungen der EU-Vorgaben zu Positionslimits bekannt seien und ob die Behörde seither verstärkte Überwachungsmaßnahmen ergriffen habe.
Was die Forschung zu Spekulation sagt
Schon eine zum Bearbeitungsstand Dezember 2010 erstellte und 2016 veröffentlichte Ausarbeitung der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages hielt fest, die Meinung der Experten zum Einfluss von Spekulanten auf Agrarmärkte sei sehr heterogen. Sie verwies unter anderem auf die Einschätzung der FAO, die es für möglich hielt, dass Spekulanten des organisierten Terminmarkts den damaligen Nahrungsmittelpreisanstieg mitverursacht hatten, selbst aber in einer Begrenzung oder einem Verbot des Spekulationshandels mehr Schaden als Nutzen sah. Eine 2014 von der WELT berichtete Untersuchung der Ökonomen Karl Finger und Stefan Reitz kam für den Zeitraum von 2006 bis 2013 bei zehn untersuchten Agrarrohstoffen, darunter Mais, Weizen, Kaffee und Zucker, zu einem anderen Ergebnis: kaum Anzeichen für eine systematische Preisbeeinflussung durch Spekulanten. Eine nachweisbare Preiswirkung zeigte sich mit ihren Methoden nur bei Kakao und Lebendrindern. Die Forscher selbst sahen dennoch weiteren Bedarf, weil Datenbasis, Definition der Händlergruppen und Abwicklungsformen des Nahrungsmittelhandels viele Fragen offenließen.
UNCTAD 2025: Finanzialisierte Nahrungsmittelmärkte
Die Handels- und Entwicklungsorganisation der Vereinten Nationen UNCTAD zeichnete in ihrem im Dezember 2025 veröffentlichten Trade and Development Report 2025 ein anderes Bild. Einnahmen aus Finanzintermediation machten demnach inzwischen mehr als 75 Prozent der Einnahmen großer Lebensmittelhandelsunternehmen weltweit aus. Die Preisbildung bei Nahrungsmittel- und Energierohstoffen spiegele zunehmend Finanzstrategien statt wirtschaftlicher Fundamentaldaten wider. Große Rohstoffhandelsunternehmen hätten sich seit 2010 zu zentralen Knotenpunkten zwischen Banken, Kapitalmärkten und Produzenten entwickelt und könnten damit laut UNCTAD Finanzschocks verstärken statt sie abzufedern. Nach einem ergänzenden Überblick der Organisation hätten es Produzenten in Entwicklungsländern zudem schwer, mit multinationalen Konzernen zu konkurrieren, die Finanzmärkte gezielt für Preisvorteile nutzten. UNCTAD folgerte, firmenbezogene Aufsicht und Selbstregulierung reichten nicht aus, um die sich entwickelnden systemischen Risiken zu adressieren. Sie forderte eine modernisierte, marktübergreifende Aufsicht.
Nach dem Konsultationsdokument der EU-Kommission vom Februar 2025 melden Handelsplätze innerhalb der EU nach der Finanzmarktrichtlinie MiFID täglich die Positionen ihrer Marktteilnehmer an die zuständigen nationalen Behörden, während die Marktteilnehmer selbst ihre Positionen täglich an den jeweiligen Handelsplatz melden müssen. Zusätzlich erfasst die Meldung an Transaktionsregister nach der EU-Verordnung EMIR alle Warenderivategeschäfte mit mindestens einer EU-Gegenpartei. Die europäische Wertpapieraufsicht ESMA erklärte in ihrer Stellungnahme vom Mai 2025, ihr seien von Marktteilnehmern, Handelsplätzen oder nationalen Behörden keine Bedenken zur Genauigkeit oder Vollständigkeit des bestehenden Positionsdatensatzes bekannt gemacht worden. Zugleich räumte die Behörde ein, die Kategorisierung von Finanzunternehmen aus Drittstaaten in den wöchentlichen Positionsberichten falle uneinheitlich aus, weil die Richtlinie dafür keine ausdrückliche Regelung vorsehe. ESMA sprach sich dafür aus, bei den Meldungen künftig auch die wirtschaftlich Berechtigten hinter Rohstoffderivatpositionen zu identifizieren, unabhängig davon, wie viele Unternehmen aus Drittstaaten in der Beteiligungskette stünden; das würde nach ihrer Einschätzung die Durchsetzung von Positionslimits und die Marktüberwachung erheblich verbessern. Insgesamt forderte die Behörde eine Gesamtüberprüfung der Derivatemeldungen, damit jedes Geschäft nur einmal gemeldet und anschließend mit allen zuständigen Behörden geteilt wird.
FIA und ISDA reagierten in ihrer Stellungnahme vom April 2025 zurückhaltend auf Reformpläne der EU-Kommission: Transaktionsmeldungen seien für Unternehmen eine erhebliche und wachsende Belastung. Kommission, ESMA sowie ACER sollten laufende Überprüfungen aussetzen, solange keine gründliche Analyse des tatsächlichen Datenbedarfs der Aufsicht vorliege. In den USA begründete dagegen die endgültige Regelung von 2020 ein bundesweites Positionslimit für 25 physisch gelieferte Warenderivatekontrakte und bestimmte verknüpfte Instrumente; zuvor waren nur neun sogenannte Legacy-Kontrakte erfasst. Jedes Limit im sogenannten Spot-Monat darf laut der US-Terminmarktaufsicht CFTC höchstens 25 Prozent der geschätzten lieferbaren Warenmenge betragen. In Großbritannien legen dagegen laut FCA die jeweiligen Handelsplätze selbst die Positionslimits für gelistete Warenderivate fest, etwa für Kakao, Kaffee, Zucker und Weizen.
Vergleich ohne Schuldeingeständnis
Die CFTC warf Kraft Foods Group und Mondelez Global in ihrer Klage vor, den Preis des Dezember-Weizenfutures 2011 an der Chicago Board of Trade sowie am Kassamarkt manipuliert oder dies versucht zu haben und dabei Positionslimits überschritten zu haben. Die Unternehmen bestritten die vorgeworfenen Positionsüberschreitungen und die ebenfalls vorgeworfenen fiktiven Geschäfte. Der gerichtlich bestätigte Vergleich sah neben einer Unterlassungsanordnung die Zahlung einer Geldstrafe von 16 Millionen US-Dollar vor.
Fondsgesellschaften zwischen Vorsicht und Zweifel
Auch Vermögensverwalter reagieren auf die unsichere Befundlage: Die Raiffeisen KAG schloss in ihrer Policy mit Stand Jänner 2026 Agrar-Futures auf Getreide, Fleisch und Soft-Commodities wie Zucker, Kaffee oder Kakao für alle von ihr verwalteten Fondsportfolios vorbehaltlich der in der Policy genannten Ausnahmen und kundenspezifischen Vereinbarungen aus. Die Gesellschaft räumte dabei selbst ein, es gebe keine klaren Antworten auf die Frage, ob Futures-Investoren für Verwerfungen bei Nahrungsmittelpreisen verantwortlich seien, weil akademische Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen kämen. Sie begründete ihren Ausschluss dennoch mit sozialgesellschaftlichen Gründen: Angesichts der Unsicherheit über die Wirkungen und der hohen Bedeutung von Nahrungsmitteln für die Lebensgrundlagen vieler Menschen sei Spekulation im Zweifel abzulehnen. Oxfam Deutschland macht in ihrer Position zur Nahrungsmittelspekulation maßlose Spekulation mit Agrarrohstoffen für starke Preissprünge und globale Nahrungsmittelkrisen mitverantwortlich und fordert ein strenges Regelwerk, um künftige Hungerkrisen zu vermeiden. Auch Foodwatch fordert, Nahrungsmittelspekulation zu begrenzen, unter dem Slogan „Feed people not banks“.
Neues Meldesystem war laut ESMA für den 3. September 2026 angekündigt
ESMA kündigte an, der überarbeitete Rahmen für die wöchentliche Meldung von Positionen in Warenderivaten solle am 3. September 2026 live gehen. Der ursprünglich angekündigte Starttermin war zuvor bereits verschoben worden; laut ESMA wurde die zusätzliche Zeit für technische und organisatorische Vorbereitungen verwendet. Die EU-Kommission erklärte in ihrem Konsultationsdokument vom Februar 2025, sie wolle prüfen, ob ein einheitlicher Meldemechanismus zumindest für Energieprodukte an Spot- und Terminmärkten den Datenzugang der Aufsichtsbehörden verbessern könnte; andere Rohstoffe und Emissionsberechtigungen seien von dieser Prüfung ausdrücklich ausgenommen. Ob daraus Gesetzesänderungen folgen, ließ die Kommission offen; sie erklärte, die Konsultation könne gegebenenfalls zu Anpassungen etwa von MiFID oder REMIT führen.
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