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International
EU und USA gegen China: der Rohstoffpakt

EU und USA gegen China: der Rohstoffpakt

Die EU und die USA haben Ende April eine Absichtserklärung zur gemeinsamen Rohstoffpolitik unterzeichnet. Hinter dem nüchternen Diplomatentitel steckt ein strategischer Kurswechsel: Brüssel und Washington wollen ihre Abhängigkeit von China bei Lithium, Kobalt und Seltenen Erden reduzieren.

8. Mai 2026, 3:01 Uhr 752 Wörter · 4 Min. Lesezeit

97 Prozent der Lithiumverarbeitung, 90 Prozent der Verarbeitung Seltener Erden, 97 Prozent der Magnesiumproduktion: Wer diese Zahlen kennt, versteht, warum EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič, US-Außenminister Marco Rubio und US-Handelsbeauftragter Jamieson Greer am 24. April im State Department in Washington ein Memorandum of Understanding unterzeichneten. Das Dokument trägt den sperrigen Namen „U.S.-EU Critical Minerals Action Plan“. Hinter dem Diplomatentitel steht ein einfacher Befund: Europa und Amerika sind in der Rohstoffversorgung so abhängig von China, dass sie es sich strategisch nicht mehr leisten können, weiter allein zu handeln.

Was das Abkommen konkret vorsieht

Das MoU ist rechtlich nicht bindend. Es ist der erste Schritt eines mehrstufigen Prozesses, an dessen Ende ein verbindliches plurilaterales Abkommen stehen soll. Einen Zeitplan gibt es dafür noch nicht. Vereinbart wurde die gesamte Lieferkette: Exploration, Abbau, Verarbeitung, Raffinierung, Recycling und Forschung sollen koordiniert werden. Konkret geplant sind gemeinsame Preisgrenzen (sogenannte border-adjusted price floors), die das Dumping chinesischer Staatsbetriebe abwehren sollen, sowie gemeinsame Standards für Transparenz und Nachhaltigkeit beim Abbau.

Der Aktionsplan soll laut EU-Pressemitteilung vom 27. April der „primäre Mechanismus zur Koordinierung der Handelspolitik“ zwischen beiden Seiten werden. Welche spezifischen Mineralien darunter fallen, nennen die offiziellen Dokumente nicht. Praktisch relevant sind Lithium, Kobalt, Seltene Erden, Magnesium und Nickel. All das wird für Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen, Windräder und Rüstungsgüter gebraucht.

Wie dramatisch die Ausgangslage ist

Dass die EU in kritischen Rohstoffen von China abhängig ist, ist bekannt. Wie konzentriert diese Abhängigkeit ist, zeigt ein Bericht des Europäischen Rechnungshofs vom Februar 2026: Die EU-Ziele des Critical Raw Materials Act (CRMA), die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten bis 2030 auf maximal 65 Prozent zu begrenzen, seien bei aktuellem Tempo kaum erreichbar. Für Lithium und Seltene Erden verarbeitet China mehr als 90 Prozent der globalen Fördermengen. Selbst wenn die EU mehr in eigene Minen investiert, muss das Erz danach irgendwo verarbeitet werden. Genau da fehlen in Europa die Kapazitäten.

China hat seine marktbeherrschende Stellung in den vergangenen zwei Jahrzehnten systematisch aufgebaut: durch staatlich subventionierte Raffinierungskapazitäten, durch Investitionen in Minen in der Demokratischen Republik Kongo (die 63 Prozent des globalen Kobalts fördert) und durch Exportbeschränkungen auf Materialien wie Gallium und Germanium, die es seit 2023 als Druckmittel einsetzt. Auf diesen Strukturvorteil ist das Abkommen zwischen EU und USA die erste gemeinsame Antwort des Westens.

Der gordische Knoten: US-Zölle auf Europa

Das Abkommen wurde trotz erheblicher Spannungen unterzeichnet. Die Trump-Administration erhebt weiterhin 50 Prozent Zölle auf europäischen Stahl und Aluminium sowie hohe Abgaben auf eine Reihe weiterer EU-Waren. Šefčovič musste nach Washington fliegen, um ein Rohstoffabkommen mit einer Regierung zu vereinbaren, die gleichzeitig europäische Industrien mit Zöllen trifft. Die Logik dahinter ist geopolitisch: Im Wettbewerb mit China überwiegen gemeinsame Interessen die bilateralen Differenzen, zumindest in dieser Frage.

Über 50 zivilgesellschaftliche Organisationen, darunter das Netzwerk Gerechter Welthandel, kritisierten den übergeordneten EU-USA-Handelsdeal, zu dem das Rohstoffabkommen gehört, aus einem anderen Grund: Im Paket ist auch eine Pflicht enthalten, fossile Brennstoffe im Wert von 750 Milliarden US-Dollar aus den USA zu importieren. Diese Zahl ist ein politisches Zugeständnis an die US-Gasindustrie. Das Europaparlament war nicht in die Verhandlungen eingebunden. Auch das stößt auf Kritik, weil Handelsabkommen dieser Größenordnung eigentlich parlamentarischer Legitimation bedürfen.

Ob der Aktionsplan die Lücke schließt

Die Ankündigung kommt zu einem Moment, an dem der Druck wächst. Chinas Exportbeschränkungen auf strategische Materialien sind seit 2023 kein hypothetisches Risiko mehr, sondern gelebte Handelspolitik. Gleichzeitig kämpfen europäische Batteriehersteller wie Northvolt mit Finanzierungsproblemen, während chinesische Konkurrenten wie CATL staatlich gestützt expandieren. Ein nicht bindendes MoU löst diese Strukturprobleme nicht. Es schafft aber einen institutionellen Rahmen, in dem koordinierte Investitionen möglich werden.

Bis Ende 2026 soll der Aktionsplan konkrete Projekte identifiziert haben. Im Frühjahr 2027 steht die nächste Überprüfungskonferenz an. Ob bis dahin ein verbindliches Abkommen folgt, hängt auch davon ab, wie die Zollverhandlungen zwischen EU und USA verlaufen. Für den Moment gilt: Das Rohstoffabkommen ist der erste westliche Versuch, Chinas Marktmacht in der Materialversorgung strukturell herauszufordern. Einen schnellen Erfolg verspricht es nicht.

Quellen (7)