RWE startet Europas größte Wasserstoffanlage in Lingen
Im niedersächsischen Lingen hat RWE mit der Inbetriebnahme der ersten 100-Megawatt-Phase seiner Grünwasserstoffanlage begonnen. Das Projekt GET H2 Nukleus soll beim Vollausbau auf 300 Megawatt die größte Elektrolyse-Anlage Europas werden und einen der größten bislang abgeschlossenen Grünwasserstofflieferverträge des Kontinents bedienen.
Warum Wasserstoff für die Industrie nicht ersetzbar ist
Deutschland importiert heute fast seinen gesamten Wasserstoff, rund 95 Prozent davon entstehen aus der Reformierung von Erdgas. Das ist ein strukturelles Problem für die Energiewende: Wasserstoff ist für bestimmte Industrieprozesse nicht durch andere Energieträger ersetzbar. Die Stahlindustrie benötigt ihn zur direkten Reduktion von Eisenerz ohne Koksöfen, die Chemieindustrie als Grundstoff für Ammoniak und Methanol, Raffinerien zur Entschwefelung von Kraftstoffen.
Die Bundesregierung hat in ihrer Nationalen Wasserstoffstrategie das Ziel formuliert, bis 2030 zehn Gigawatt Elektrolysekapazität im Inland aufzubauen. Stand 2026 liegt Deutschland noch weit hinter diesem Ziel. GET H2 Nukleus ist eines der wenigen Großprojekte, die aus der Planungsphase in die tatsächliche Umsetzung übergegangen sind.
Offshore-Wind spaltet Wasser
Das Grundprinzip ist die Elektrolyse: Strom spaltet Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff. Das entscheidende Detail ist die Stromquelle. RWE nutzt für GET H2 Nukleus ausschließlich Offshore-Windstrom aus der Nordsee. Der produzierte Wasserstoff hat damit einen CO₂-Fußabdruck nahe null.
Technisch setzt die erste Phase auf PEM-Elektrolyseure, also Proton-Exchange-Membrane-Technologie, geliefert vom britischen Hersteller ITM Power. In den weiteren Ausbaustufen kommen alkalische Elektrolyseure des deutschen Herstellers Sunfire hinzu. Im Vollausbau wird die Anlage drei Module zu je 100 Megawatt betreiben: zwei mit PEM-Technologie und eines mit alkalischer Elektrolyse.
Der erzeugte Wasserstoff wird in einem Kavernenspeicher in Gronau-Epe eingelagert, einem ehemaligen Salzstockbergwerk südlich von Münster. Kavernen eignen sich für großvolumige Wasserstoffspeicherung besonders gut, weil sie druckstabil und gasdicht sind.
Abnehmer und Wirtschaftlichkeit
RWE hat mit TotalEnergies einen 15-Jahres-Liefervertrag geschlossen. Der französische Energiekonzern wird ab 2030 jährlich 30.000 Tonnen grünen Wasserstoff für seine Raffinerie in Leuna, Sachsen-Anhalt, abnehmen. Das ist einer der größten Grünwasserstoff-Lieferverträge in Europa.
Ohne staatliche Unterstützung wäre das Projekt wirtschaftlich nicht darstellbar. Bund und das Land Niedersachsen fördern GET H2 Nukleus mit zusammen 492 Millionen Euro. Das Projekt gehört zu den Important Projects of Common European Interest, kurz IPCEI. Diese EU-Förderklasse ist für Industrieprojekte und Infrastrukturvorhaben mit strategischer Bedeutung vorgesehen, bei denen der Markt allein keine ausreichenden Anreize setzt.
Einordnung und Ausblick
Im Vollausbau wird GET H2 Nukleus fast doppelt so groß wie die bisher größte Elektrolyse-Anlage Europas. Dennoch bleibt die Dimension in Relation zum deutschen Industriebedarf begrenzt. Für eine vollständige Dekarbonisierung der deutschen Industrie sind Elektrolysekapazitäten im zweistelligen Gigawattbereich nötig. Lingen liefert einen Beweis, dass das Zusammenspiel aus privater Investition, staatlicher Förderung und langfristigen Abnahmeverträgen funktionieren kann.
Der erste 100-Megawatt-Block soll noch 2026 den kommerziellen Betrieb aufnehmen. Das zweite und dritte Modul folgen bis 2027. Die Lieferung an TotalEnergies beginnt 2030, wenn der Kavernenspeicher in die Logistik eingebunden ist.