Wal Timmy verlässt die Ostsee: Reise in den Atlantik
Nach 57 Tagen in einem Gewässer, das für Buckelwale kaum überlebensfähig ist, verlässt Wal Timmy jetzt die Ostsee. Am Dienstagabend übernahm der Schlepper "Robin Hood" eine wasserführende Barge mit dem geschwächten Tier aus der Wismarer Bucht und steuerte die offene Ostsee an. Das Bemerkenswerte: Timmy schwamm von selbst in den Transportkahn hinein.
Ein Wal am falschen Ort
Buckelwale haben in der Ostsee nichts zu suchen. Das Brackwasser, der geringe Salzgehalt und der Mangel an Krill und kleinen Fischschwärmen machen das Binnenmeer für eine Art, die täglich Hunderte Kilogramm Nahrung braucht, zur Todesfalle. Am 3. März 2026 tauchte Timmy erstmals im Hafen von Wismar auf, weit entfernt von seinen atlantischen Jagdgründen. Wie er in die Ostsee geriet, ist ungeklärt. Solche Verirrungen kommen gelegentlich vor, enden aber fast immer tödlich: Der Wal findet keine ausreichende Nahrung, verliert Orientierung und Kräfte.
Die erste Strandung ereignete sich am 23. März nahe Timmendorfer Strand, daher sein Name. In den folgenden Wochen strandete das Tier mehrfach in der Wismarer Bucht, befreite sich jeweils kurz und landete erneut auf einer Sandbank oder in einem Seitenarm. Am tiefsten Punkt lag Timmy wochenlang auf dem Grund des Kirchsees bei der Insel Poel, einem Flachwassergebiet mit zeitweise nur 40 Zentimetern Wassertiefe, knapp genug, um den Atem nicht zu verlieren. Mehrere Rettungsversuche scheiterten, darunter Versuche, ihn mit Booten in tiefere Gewässer zu lotsen, die den Wal in Panik versetzten und das Tier erneut stranden ließen.
Der Moment, auf den alle gewartet hatten
Am 28. April gab Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) grünes Licht für eine letzte Rettungsaktion. Tierärztin Dr. Kirsten Tönnies hatte Timmy nach eingehender Untersuchung für transportfähig erklärt, auch wenn sein Zustand laut Tönnies "reduziert, aber nicht abgemagert" sei. Seine Atmung sei flacher geworden, ein Zeichen zunehmender Erschöpfung. Am Nachmittag begann das internationale Rettungsteam aus Fachleuten aus Hawaii, den Niederlanden und Deutschland damit, einen rund hundert Meter langen Korridor durch den Schlamm des Kirchsees zu baggern, um den Wal zur wartenden Barge zu führen.
Was dann passierte, überraschte alle Beteiligten: Timmy schwamm ohne weiteres Zutun von selbst in den Transportkahn hinein. Um 14:45 Uhr war das Tier in der Barge. "So eine Euphorie habe ich noch nie erlebt", sagte einer der beteiligten Taucher. Am Abend übernahm Schlepper "Robin Hood" die Barge und schleppte sie aus der Wismarer Bucht auf die offene Ostsee. Tönnies äußerte sich erleichtert: "Natürlich sind wir alle unglaublich froh." Ob Timmys freiwilliger Einstieg ein Zeichen von Kooperation oder schlicht von Erschöpfung war, wollte sie nicht bewerten.
Route und Zeitplan
Stand Mittwochfrüh ist der Konvoi in der offenen Ostsee und passiert auf dem Weg Richtung Norden die Insel Fehmarn. Das geplante Ziel ist Skagen, der nördlichste Zipfel Dänemarks am Eingang zur Nordsee. Die Fahrt soll dreieinhalb Tage dauern; bei planmäßigem Verlauf würde Timmy am 2. Mai gegen Mittag den Skagerrak erreichen. Von dort soll das Tier weiter in die Nordsee und schließlich in den offenen Atlantik geleitet werden, wo Buckelwale ihren natürlichen Lebensraum haben. Eine Alternativroute durch den Nord-Ostsee-Kanal bleibt als Option, falls das Wetter oder Timmys Verfassung es erfordern.
Die Kosten der gesamten Rettungsaktion tragen ausschließlich private Geldgeber: der MediaMarkt-Mitgründer Walter Gunz und die Unternehmerin Karin Walter-Mommert. Staatliche Mittel fließen nicht. Das Land Mecklenburg-Vorpommern hat die Aktion genehmigt und mit der Wasserpolizei Wismar begleitet, nicht jedoch finanziert.
Wissenschaftliche Skepsis bleibt
Ungeachtet des gelungenen Verladens zweifeln viele Meeresbiologinnen und Meeresbiologen am Erfolg der Mission. Eine Expertin des renommierten Walprogramms auf Hawaii hatte das Team bereits Wochen zuvor unter öffentlichen Vorwürfen verlassen und die Rettungsstrategie als zu riskant für das geschwächte Tier bezeichnet. Greenpeace und das Deutsche Meeresmuseum halten sich fern: Beide Organisationen waren an den Planungen nicht beteiligt. Kritiker argumentieren, dass ein Buckelwal in Timmys Zustand, der seit Wochen kaum Nahrung aufgenommen hat und dauerhaft unter Stress stand, durch einen dreieinhalbtägigen Transport erheblich belastet wird.
Das Rettungsteam sieht den freiwilligen Einstieg als Gegenargument: Ein Tier, das kooperiert, ist weniger gestresst als eines, das gewaltsam verladen werden muss. Die Skepsis der Fachgemeinschaft bleibt dennoch und das Ergebnis der Reise ist ungewiss.
Was als Nächstes kommt
In den nächsten dreieinhalb Tagen überquert Timmy in einem mit Meerwasser gefüllten Kahn die westliche Ostsee, begleitet von Tierärztin Tönnies und Pflegern, die seinen Zustand rund um die Uhr überwachen. Am 2. Mai soll der Konvoi Skagen passieren und in die Nordsee einfahren. Dort ist Timmys Lebensraum zumindest deutlich geeigneter als die Ostsee: ausreichend Salzwasser, Nahrung und größere Tiefen. Gelingt der Transport und findet Timmy im Atlantik seinen Weg zurück zu einer Walgruppe, wäre es eine der aufwendigsten Walrettungen, die je in Nordeuropa organisiert wurden. Scheitert er, hätte eine monatelange, von öffentlicher Anteilnahme begleitete Aktion ein tragisches Ende gefunden.
Aktualisierungen
Update 1. Mai, 14:00 Uhr: Rund 20 Kilometer vor Skagen drehte der Konvoi am 30. April überraschend um und fuhr in die Ostsee zurück. Der Kapitän des Schleppschiffs „Robin Hood" nannte schwieriges Wetter als Grund. Am 1. Mai zeigten Livestreamaufnahmen, wie das Becken der Barge mit Wasser geflutet wurde, was Beobachter als Vorbereitung einer Freilassung interpretierten. Das Deutsche Meeresmuseum warnte jedoch ausdrücklich davor, Timmy jetzt ins offene Wasser zu entlassen: Ein bereits geschwächtes Tier, das direkt aus einer Flachbodenbarge freikäme, laufe Gefahr zu ertrinken, weil es möglicherweise nicht mehr die Kraft hat, eigenständig aufzutauchen. Das Rettungsteam hat sich zur nächsten Route bisher nicht öffentlich geäußert.