Die Studie, die Impfgegner liebten, ist zurückgezogen
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Die Studie, die Impfgegner liebten, ist zurückgezogen

Das BMJ Public Health hat eine weithin missbrauchte Studie zur COVID-Übersterblichkeit zurückgezogen. Impfgegner zitierten sie als Beweis für Impfschäden. Die Autoren hatten nie eine solche Verbindung hergestellt.

Quellen (8)
  1. n-tvn-tv.de
  2. RTHKnews.rthk.hk
  3. CIDRAPcidrap.umn.edu
  4. MedicalBriefmedicalbrief.co.za
  5. Roskilde Universityruc.dk
  6. New Zealand Doctornzdoctor.co.nz
  7. Retraction Watchretractionwatch.com
  8. ORForf.at
12. August 2026, 6:42 Uhr805 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Die Peer-Reviewer hatten grünes Licht gegeben. Impfgegner in aller Welt zitierten sie als zentralen Beleg. Und das BMJ Public Health ließ sie monatelang stehen, mit einem Warnhinweis, aber ohne Rückzug. Heute, mehr als zwei Jahre nach ihrer Veröffentlichung, hat das renommierte britische Fachblatt die Studie von Saskia Mostert und ihrem Team offiziell zurückgezogen. Begründung: fehlerhafte Zuordnung von Todesursachen und zu wenig eigenständige wissenschaftliche Arbeit.

Die Behauptung: Was die Studie sagte

Die niederländische Kinderonkologin Saskia Mostert vom Princess Maxima Center for Pediatric Oncology in Utrecht publizierte die Studie im Juni 2024 im BMJ Public Health. Sie und drei Ko-Autoren analysierten Sterbedaten aus 47 westlichen Ländern und kamen zu einem beunruhigenden Befund: Die Übersterblichkeit sei in diesen Ländern drei aufeinanderfolgende Jahre lang erhöht geblieben, obwohl Impfkampagnen durchgeführt und Eindämmungsmaßnahmen umgesetzt worden waren.

Die Studie selbst stellte keine direkte Verbindung zwischen Impfungen und Übersterblichkeit her. Aber sie tat auch nichts, um einer solchen Interpretation aktiv entgegenzuwirken. Die Ambiguität war das Problem.

Was Wissenschaftler kritisierten

Bereits wenige Wochen nach der Veröffentlichung meldeten sich Epidemiologen und Statistiker öffentlich zu Wort. Das Center for Infectious Disease Research and Policy (CIDRAP) der Universität Minnesota veröffentlichte eine ausführliche Kritik: Die Methodik zur Berechnung der Übersterblichkeit sei fehlerhaft, die Zuordnung zu Todesursachen unzuverlässig. Die Studie verwechsle, so die Kritik, Korrelation mit Kausalität und treffe keine ausreichenden Aussagen darüber, was die erhöhte Sterblichkeit tatsächlich verursacht hatte.

Die Universität Roskilde in Dänemark bezeichnete das Papier als irreführend und forderte gemeinsam mit anderen Forschungseinrichtungen den Rückzug. Das BMJ selbst versah die Studie im Juni 2024, kurz nach der Veröffentlichung, mit einem Expression of Concern, einem formalen Warnhinweis und hielt fest, die Studie belege nicht, dass Impfstoffe Hauptursache der Übersterblichkeit seien. Gleichzeitig leitete die BMJ-Gruppe eine eigene Untersuchung ein, an der sich auch das Princess Maxima Center beteiligte.

Diese Untersuchung dauerte mehr als zwei Jahre. Heute, am 12. August 2026, veröffentlichte das BMJ Public Health den formalen Rückzug. Als Gründe nennt das Fachblatt ausdrücklich Fehlinformationen über Todesursachen sowie eine zu geringe Eigenleistung der Autoren, die in weiten Teilen auf bereits publiziertem Datenmaterial aufbauten, ohne ausreichend neue Analysen beizusteuern. Zwei der vier Autoren und das Princess Maxima Center unterstützten den Schritt. Über die Position der verbleibenden zwei Autoren ist nichts bekannt.

Wie Impfgegner die Studie nutzten

In den zwei Jahren zwischen Veröffentlichung und Rückzug wurde die Studie zu einem der meistzitierten Belege in Impfgegner-Netzwerken. Auf Social-Media-Plattformen, in einschlägigen Newslettern und bei Anhörungen in mehreren US-Bundesstaaten tauchte sie als angeblicher wissenschaftlicher Beweis auf, dass COVID-Impfungen Massentod verursacht hätten. Dabei machte die Studie genau diese Aussage nicht. Die Autoren analysierten lediglich das Vorhandensein erhöhter Sterblichkeitszahlen, ohne deren Ursache abschließend zu bestimmen.

Das reichte. Die Lücke zwischen dem, was die Studie tatsächlich belegte und dem, was Impfgegner daraus schlossen, war groß genug für viralen Missbrauch. WHO und führende Epidemiologen stellten mehrfach klar, dass COVID-Impfungen nach allen belastbaren Studien im Jahr 2021 allein schätzungsweise 20 Millionen Todesfälle verhindert haben. Diese Gegendarstellung hatte in den Teilen der Öffentlichkeit, die der Studie glaubten, wenig Wirkung.

Was der Rückzug jetzt bedeutet

Formal markiert der Rückzug das Ende der wissenschaftlichen Legitimität des Papiers. Keine peer-reviewte Zeitschrift darf es mehr als gültige Quelle zitieren, keine Meta-Analyse darf es in ihre Berechnungen einbeziehen. In der akademischen Welt ist das eine deutliche Grenzziehung.

In der Praxis ist der Schaden schwerer zu reparieren. Studien, die viral gegangen sind und in Millionen von sozialen Medienbeiträgen zirkuliert haben, verschwinden nicht, wenn ihre Herkunftsquelle den Rückzug erklärt. Der Rückzug selbst wird in Impfgegnerforen als Beleg für angebliche Zensur gedeutet werden, nicht als wissenschaftliche Korrektur.

Was der Fall illustriert, ist ein strukturelles Problem des Peer-Review-Systems: Der Rückzug dauerte zwei Jahre. In dieser Zeit konnte die Studie ungehindert als Argument verwendet werden. Epidemiologen fordern seit Längerem schnellere Mechanismen für den Umgang mit Studien, die methodische Mängel haben und gleichzeitig starke politische oder ideologische Wirkung entfalten. Ob die wissenschaftlichen Verlage darauf reagieren, ist offen. Bis dahin gilt die alte Faustregel der Desinformationsforschung: Eine Lüge ist dreimal um die Welt gerannt, bevor die Wahrheit die Schuhe findet.

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