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Amur-Leopard: Von 30 auf 130 Tiere

Amur-Leopard: Von 30 auf 130 Tiere

Als die Population des Amur-Leoparden Anfang der 2000er Jahre auf etwa 30 Tiere absackte, schienen die Überlebenschancen minimal. Heute zählt die Wildpopulation 128 bis 130 Individuen, ein Ergebnis russisch-chinesischer Schutzmaßnahmen, die als Vorlage für andere Artenschutzprojekte dienen.

1. Mai 2026, 9:02 Uhr 693 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Anfang der 2000er Jahre zählten Zoologen noch etwa 30 wildlebende Amur-Leoparden. Heute sind es 128 bis 130 Tiere, verteilt auf die grenzüberschreitenden Waldgebiete im russischen Fernen Osten und im Nordosten Chinas. Was wie eine nüchterne Statistik klingt, ist einer der spektakulärsten Erfolge des internationalen Artenschutzes der vergangenen Jahrzehnte.

Die seltenste Großkatze der Welt, einst dem Aussterben nah

Der Amur-Leopard (Panthera pardus orientalis) ist die nördlichste Unterart des Leoparden und die seltenste Großkatze der Erde. Sein Lebensraum beschränkt sich auf einen schmalen Korridor entlang der russisch-chinesischen Grenze, ein Waldgebiet mit kontinentalen Wintertemperaturen bis minus 35 Grad. Ende der 1990er Jahre hatten Wilderei, Lebensraumverlust durch Forstwirtschaft und zunehmende landwirtschaftliche Erschließung den Bestand auf einen kritischen Tiefstand gedrückt.

Wilderei ist das Kernproblem gewesen. Amur-Leopardenfell war auf ostasiatischen Schwarzmärkten seit Jahrzehnten begehrt. Russland und China verschärften ab Mitte der 2000er Jahre die Strafverfolgung erheblich: In Russland wurden die Bußgelder für die Jagd auf geschützte Raubkatzen auf umgerechnet mehrere tausend Euro pro Vergehen angehoben, mit Freiheitsstrafen bei wiederholten Verstößen. Die Wilderei ist seither stark zurückgegangen.

Ein weiteres Einzelereignis zeigt die Dimension der historischen Bedrohung: 2007 wütete ein Waldbrand im Südwesten der russischen Primorje-Region auf 200 Quadratkilometern und vernichtete einen erheblichen Teil des verbliebenen Leopardenhabitats. Zu diesem Zeitpunkt gab es weniger wildlebende Amur-Leoparden als Nashörner in einigen zentralafrikanischen Nationalparks.

Nationaler Park und grenzüberschreitende Zusammenarbeit

Die Trendwende begann mit strukturellen Maßnahmen. Russland gründete 2012 den Nationalpark „Land of the Leopard“ im Südwesten der Primorje-Region, ein Schutzgebiet von 2.799 Quadratkilometern, das gezielt für den Amur-Leoparden und den Amur-Tiger ausgewiesen wurde. Die Schaffung eines zusammenhängenden Schutzgebiets ohne Forstwirtschaft und Jagd erwies sich als entscheidend: In einem intakten Habitat erholen sich die Bestände der Hauptbeutetiere, vor allem Rehe und Sikahirsche und damit die Grundlage für die Leopardenpopulation.

2014 kam die internationale Dimension hinzu. Russische und chinesische Biologen unterzeichneten ein Kooperationsabkommen und installierten 214 Kamerafallen auf beiden Seiten der Grenze im Changbai-Gebirge. Durch genetische Analysen und Bildabgleiche lässt sich seitdem jedes einzelne Tier individuell identifizieren und grenzüberschreitend verfolgen. Das Hunchun-Naturreservat auf chinesischer Seite und der Nationalpark auf russischer Seite bilden seither ein zusammenhängendes Schutzgebiet.

Was die Zahlen verschweigen

128 bis 130 Tiere klingt nach einem soliden Bestand. In der Populationsbiologie gilt eine Gruppe von unter 500 Individuen aber als fragil: Genetische Verarmung und Zufallsereignisse wie Seuchen oder Waldbrände können den Bestand schnell destabilisieren. Wissenschaftler der Russischen Akademie der Wissenschaften warnen, dass die Tiere auf einem geografisch zu kleinen Gebiet konzentriert sind und ein einzelner Krankheitsausbruch schwerwiegende Folgen haben könnte.

Das erklärt das zweite Erhaltungsziel: 60 weitere Tiere sollen in ehemaligen Verbreitungsgebieten nördlich des heutigen Kernbestands angesiedelt werden. Erste Wiederansiedlungsversuche laufen im Lazovsky-Naturreservat in der zentralen Primorje-Region. Ob sich dort eine eigenständige zweite Population etablieren lässt, ist noch offen.

Zuchtprogramme als Rückversicherung

Parallel zur Wildpopulation koordiniert die Weltvereinigung für Zoos und Aquarien (WAZA) ein globales Zuchtprogramm. In Zoos weltweit leben rund 200 Amur-Leoparden. Diese Tiere dienen als genetische Reserve für den Fall eines Einbruchs der Wildpopulation und sollen bei weiter steigendem Wildbestand zur Wiederansiedlung genutzt werden. Europäische Zoos beteiligen sich an diesem Programm.

Was als Nächstes kommt

Das Erhaltungsziel der Internationalen Naturschutzunion IUCN lautet: mindestens 100 Tiere im Kernlebensraum und 60 in der wiederbesiedelten Zone bis 2030. Den ersten Teil haben die Schutzmaßnahmen bereits erfüllt. Den zweiten beginnen sie gerade. Das russisch-chinesische Monitoring soll in den kommenden Jahren auf weitere Grenzabschnitte ausgeweitet werden.

Die seltenste Großkatze der Welt lebt und sie wird langsam mehr.