Kanada rückt zur EU: Trump droht mit Feindseligkeit
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Kanada rückt zur EU: Trump droht mit Feindseligkeit

Von der Leyen hat vorgeschlagen, Kanada als erstes 'assoziiertes Mitglied' der EU aufzunehmen. Trump nennt das 'lächerlich' und droht der EU mit Feindseligkeit. Carney spricht heute im Europäischen Parlament, der Gipfel folgt im Oktober.

Quellen (9)
  1. t-onlinet-online.de
  2. Newsweeknewsweek.com
  3. berlinmorgenberlinmorgen.de
  4. euronewseuronews.com
  5. informedclearlyinformedclearly.com
  6. PRNewswire (Cohere/Aleph Alpha)prnewswire.com
  7. deutschland.dedeutschland.de
  8. Euronewseuronews.com
  9. PM.gc.capm.gc.ca
17. September 2026, 5:25 Uhr778 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Mark Carney hält heute seine Rede im Europäischen Parlament in Straßburg, während Donald Trump bereits mit „feindseligen Akten“ gegen die EU droht. Auslöser ist der Vorschlag von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Kanada als erstes „assoziiertes Mitglied“ der EU aufzunehmen. Was wie eine technische Fußnote klingt, ist geopolitisch folgenreich: Zum ersten Mal würde ein nicht-europäischer Staat strukturell in die institutionelle Architektur der Union eingebunden.

Sieben Jahrzehnte Handelsgefälle

Hinter Carneys Straßburg-Reise steckt ein strukturelles Problem, das jahrzehntelang toleriert werden konnte. Rund 72 Prozent aller kanadischen Exporte gehen in die USA. Das bilaterale Handelsvolumen zwischen Ottawa und Washington übersteigt 850 Milliarden US-Dollar, das Volumen zwischen Kanada und der EU liegt bei vergleichsweise bescheidenen 147 bis 150 Milliarden US-Dollar. Diese Asymmetrie war kein Problem, solange sie kein Risiko bedeutete.

Das änderte sich mit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus im Januar 2025. Seine Drohungen, Kanada zum 51. Bundesstaat zu machen und die eskalierenden Zollforderungen zwangen Ottawa zum Kurswechsel. Mark Carney gewann die Parlamentswahl im April 2025 auf einem klar souveränistischen Kurs. Seitdem hat Kanada Gegenzölle auf rund 700 US-Importe im Wert von 17,2 Milliarden Euro verhängt. Carney forderte Washington in einer Pressekonferenz auf, „stop doing memes and stop throwing shade“. Trump antwortete mit der Ankündigung, ab Januar 2027 auf kanadische Fahrzeuge 50-Prozent-Zölle zu erheben.

Ein assoziiertes Mitglied ohne Rechtsgrundlage

Von der Leyens Vorschlag stößt sofort an eine juristische Grenze. Artikel 49 des EU-Vertrags ist eindeutig: Mitglied kann nur „jeder europäische Staat“ werden. Kanada liegt auf einem anderen Kontinent. Eine reguläre Mitgliedschaft scheidet daher aus, weshalb der Begriff des „assoziierten Mitglieds“ für diesen Kontext neu geprägt wurde. Was das institutionell bedeutet, ist noch nicht ausformuliert, aber die genannten Bereiche geben Richtung vor: Technologie, Rüstung, Künstliche Intelligenz und Arktispolitik.

Gerade die Arktiskomponente hat strategisches Gewicht. Mit dem Rückgang des Meereises öffnen sich nördliche Seewege, die Kanada zu einem Schlüsselakteur machen. Die EU hat in dieser Region kaum direkten Einfluss. Eine Einbindung Kanadas böte Zugang, den die Union sonst nicht hätte. Bei der künstlichen Intelligenz ergänzen sich beide Partner: Der Turing-Preisträger Yoshua Bengio leitet in Kanada die Forschungsorganisation LawZero. Die Vereinbarung zwischen Cohere und Aleph Alpha, die erste transatlantische souveräne KI-Lösung zu entwickeln, ist ein konkretes industrielles Signal dieser Annäherung.

Trumps Reaktion als Gradmesser

Trump nennt den Vorschlag „lächerlich“ und droht der EU mit „feindseligen Akten“, falls sie die Annäherung an Kanada weiterverfolge. Was er damit konkret meint, ließ er offen. Die Geschichte der vergangenen zwei Jahre legt Zölle nahe. Das strategische Kalkül hinter seinem Widerstand ist erkennbar: Sein bevorzugtes Druckmittel sind bilaterale Verhandlungen. Wenn Washington jeweils einzeln mit Ottawa, Brüssel oder Berlin verhandelt, hat es mehr Hebel als gegenüber einem konsolidierten Block.

Indem Trump Kanada mit dem 51-Staaten-Narrativ und Zolldrohungen unter Druck gesetzt hat, treibt er das Land genau dorthin, wo er es nicht haben wollte: in engere Kooperation mit der EU. Die Frage, ob die EU ähnlich entschlossen reagieren kann wie Kanada, bleibt jedoch offen. Brüssel und Washington haben im Gegensatz zu Ottawa und Washington keine vergleichbare Eskalationsspirale durchlaufen.

Gipfel im Oktober, Zollfrist im Januar

Der EU-Kanada-Gipfel ist für Oktober 2026 geplant. Dort soll das Konzept des assoziierten Mitglieds weiter ausgeformt werden, bevor Trumps angedrohte 50-Prozent-Fahrzeugzölle ab Januar 2027 konkret werden. Für Kanada schafft der Zeitplan Druck: Premierminister Carney braucht etwas Sichtbares, bevor die kanadische Automobilindustrie in die nächste Eskalationsstufe eintritt.

Wie schnell das gelingen kann, ist ungewiss. Kritiker innerhalb der EU weisen auf das immer noch nicht vollständig ratifizierte Freihandelsabkommen CETA hin, das seit 2017 vorläufig gilt und von mehreren Mitgliedsstaaten bis heute nicht abschließend ratifiziert wurde. Ein noch ambitioniöseres Assoziationskonzept dürfte ähnliche Hürden stoßen. Was Carneys Auftritt heute in Straßburg und der Oktober-Gipfel leisten können, ist zuerst ein politisches Signal einer strategischen Partnerschaft: Ottawa sucht einen Anker jenseits von Washington und Brüssel ist bereit, ihn anzubieten.

Update 17. September, 18:06 Uhr: Carneys Rede im Europaparlament ist gehalten und wurde mit einer stehenden Ovation bedacht. Von der Leyen lud Kanada öffentlich als erstes 'assoziiertes Mitglied' der EU ein; die Abgeordneten standen auf und applaudierten. Carney nahm die Einladung an, machte aber unmissverständlich klar: 'Kanada ist nicht in der Position, Vollmitglied der EU zu werden und strebt das auch nicht an.' Er formulierte die neue Partnerschaft als eigenständiges Projekt, nicht als Reaktion auf Trump: 'Kanada und Europa sind zusammen stärker.'

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