Vierter Schulstreik gegen Musterungen: Veranstalter melden 45.000
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Vierter Schulstreik gegen Musterungen: Veranstalter melden 45.000

Seit Juli hat die Bundeswehr fast 1.000 junge Männer gemustert, die im Fragebogen kein Interesse am Wehrdienst angegeben hatten. Dagegen streikten am 25. September nach Angaben der Veranstalter mehr als 45.000 Schülerinnen und Schüler in rund 100 Städten.

Quellen (17)
  1. BMVg: Bundeswehr weiter auf gesetzlich festgelegtem Aufwuchspfad (18.09.2026)bmvg.de
  2. Bundesgesetzblatt 2025 I Nr. 370: Wehrdienst-Modernisierungsgesetzrecht.bund.de
  3. Deutscher Bundestag: Bundestag stimmt für neues Wehrdienstgesetzbundestag.de
  4. Deutscher Bundestag: Regierungserklärung von Bundeskanzler Merz am 14. Mai 2025bundestag.de
  5. Augen geradeaus: Gesetz für Neuen Wehrdienst stehtaugengeradeaus.net
  6. t-online: Pistorius will flächendeckende Musterung schon ab 2027t-online.de
  7. Soldat & Technik: Bundeswehr sieht sich weiter auf gesetzlichem Aufwuchspfadsoldat-und-technik.de
  8. Sicherheit & Verteidigung: Bundeswehr mit 186.400 Soldaten knapp über der gesetzlichen Untergrenzesuv.report
  9. junge Welt: Bundeswehr auf Rekrutenjagd. Antwort interessiert nichtjungewelt.de
  10. ZDFheute: Schüler-Protest gegen Wehrpflicht, Zehntausende auf der Straßezdfheute.de
  11. ZDFheute: Zehntausende Schüler streiken gegen Wehrpflicht (5. März 2026)zdfheute.de
  12. Friedenskooperative: Schulstreiks gegen die Wehrpflicht am 25. September 2026friedenskooperative.de
  13. Nie wieder Krieg: Bundesweiter Schulstreik, 55.000 gegen die Wehrpflichtnie-wieder-krieg.org
  14. Perspektive: Dritter Schulstreik gegen Wehrpflichtperspektive-online.net
  15. Telepolis: Warum Schüler wieder gegen die Wehrpflicht auf die Straße gehentelepolis.de
  16. SoZ: Schulstreik gegen Wehrpflicht (Pressemitteilung der Streikenden)sozonline.de
  17. junge Welt: Vierter bundesweiter Schulstreik. Muster mich nichtjungewelt.de
27. September 2026, 11:37 Uhr852 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Fast 1.000 junge Männer, die im Fragebogen der Bundeswehr angegeben hatten, kein Interesse am Wehrdienst zu haben, sind seit Juli trotzdem gemustert worden. Das geht aus einer Mitteilung des Verteidigungsministeriums vom 18. September hervor. Eine Woche später, am 25. September, gingen nach Angaben der Initiative Schulstreik gegen Wehrpflicht mehr als 45.000 Schülerinnen und Schüler in rund 100 Städten auf die Straße. Beim vierten bundesweiten Schulstreik gegen die Wehrpflicht standen diese Musterungen im Mittelpunkt.

Was das Ministerium am 18. September mitteilte

Der Bundestag hat das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz am 5. Dezember 2025 mit 323 zu 272 Stimmen beschlossen, seit dem 1. Januar 2026 gilt es. Männer ab dem Geburtsjahrgang 2008 müssen einen Fragebogen der Bundeswehr beantworten, für Frauen ist er freiwillig. Für alle Männer, die ab dem 1. Januar 2008 geboren wurden, ist die Musterung zudem wieder Pflicht. Als die Koalition sich Anfang Dezember 2025 auf den Gesetzestext einigte, hieß es, die Bundeswehr werde zunächst vorrangig Freiwillige mustern. Verteidigungsminister Boris Pistorius hatte im Oktober 2025 gesagt: „Ab Mitte 2027 sind wir so weit. Dann können wir wieder flächendeckend mustern.“

Die Zahlen vom 18. September zeigen, dass die Bundeswehr schon jetzt auch Männer mustert, die nicht dienen wollen. Bis Ende August verschickte sie mehr als 451.400 Fragebögen, rund 96 Prozent der angeschriebenen Männer antworteten fristgerecht. Rund 3.400 Interessierte durchliefen ein Assessment, 1.155 Bewerber wurden eingeplant. Daneben musterte sie seit Juli fast 1.000 18-Jährige, die im Fragebogen kein Interesse an einer Verwendung bekundet hatten, nach Ministeriumsangaben im Rahmen freier Kapazitäten bei den Karrierecentern. Flächendeckend soll die Musterung erst ab Juli 2027 in 24 Musterungszentren laufen. Aus der Musterung selbst folgt keine Pflicht zum Dienst.

Ob die Geladenen erscheinen mussten, ist nicht eindeutig geklärt. Laut Bericht der jungen Welt wurde Betroffenen auf Nachfrage gesagt, das Erscheinen sei nicht verpflichtend. Eine Ministeriumssprecherin sagte der Zeitung, alle Gemusterten seien selbstständig angereist. Die Organisatoren des Schulstreiks sprechen dagegen von Zwangsmusterungen.

Der vierte Streiktag in Zahlen

Die Zahl von 45.000 stammt von den Veranstaltern. Eine bundesweite Polizeistatistik gibt es nicht, die Polizei nannte nur regionale Zahlen: 2.400 Demonstrierende in Berlin-Wedding, 700 in München, 400 in Nürnberg, 200 in Stuttgart und 180 in Frankfurt.

Der bislang größte Streiktag war es auch nach den Angaben aus der Bewegung selbst nicht. Zum ersten Schulstreik am 5. Dezember 2025, dem Tag der Bundestagsabstimmung, meldeten Unterstützer mehr als 55.000 Jugendliche in über 100 Städten. Für den zweiten am 5. März 2026 nannten die Veranstalter 50.000 Teilnehmende bundesweit, die Berliner Polizei zählte damals rund 3.000 in der Hauptstadt. Zum dritten am 8. Mai berichtete das bewegungsnahe Portal Perspektive von rund 45.000 Streikenden in etwa 150 Städten. Die Beteiligung liegt damit seit Dezember nach Veranstalterangaben in derselben Größenordnung.

Inhaltlich richtete sich der Streik gegen die Musterungen, gegen Bundeswehrwerbung an Schulen und für eine Umschichtung von Militärausgaben in Bildung, Kultur und Gesundheit. Eine Pressemitteilung der streikenden Schüler stand unter der Losung „Nein zu Wehrpflicht, Zivildienst und Krieg“. Bela Breitner, Sprecher der Initiative, sagte laut ZDF: „Erst Fragebögen, jetzt die angekündigten Zwangsmusterungen, die eigentlich erst Juli 2027 beginnen sollten. Die Bundesregierung meint es ernst damit, die Wehrpflicht schrittweise einzuführen.“ Ein Kieler Schüler brachte das Selbstverständnis laut junger Welt auf die Formel: „Wir sind die Generation Widerstand, die weiter gegen die Wehrpflicht streikt, bis sie vom Tisch ist.“

Was das Gesetz erlaubt und was nicht

Der Wehrdienst selbst bleibt freiwillig, solange der Bundestag nichts anderes beschließt. Macht die verteidigungspolitische Lage oder die Personallage der Streitkräfte es erforderlich, entscheidet der Bundestag durch ein eigenes Gesetz über eine Bedarfswehrpflicht. Ein Losverfahren sieht das Gesetz nur für einen Sonderfall innerhalb einer solchen Bedarfswehrpflicht vor: Gibt es mehr geeignete Wehrpflichtige als Bedarf, kann ein Zufallsverfahren über die Einberufung entscheiden, wenn alle anderen Maßnahmen ausgeschöpft sind. Wie dieses Verfahren aussieht, bleibt ebenfalls einem weiteren Gesetz vorbehalten.

Die Streikenden fürchten dennoch, dass die Musterungen den schrittweisen Übergang zur Wehrpflicht vorbereiten. Pistorius selbst hatte der Musterung eines ganzen Jahrgangs im Oktober 2025 auch eine sicherheitspolitische Funktion zugeschrieben, weil sie in Russland wahrgenommen werde: „Auch das ist Abschreckung.“

Merz' Ziel und der Stand beim Personal

Bundeskanzler Friedrich Merz hatte in seiner ersten Regierungserklärung am 14. Mai 2025 angekündigt, die Bundeswehr solle konventionell zur stärksten Armee Europas werden. Das Wehrdienstgesetz legt einen Aufwuchspfad fest: Bis 2035 soll die Truppe auf bis zu 260.000 aktive Soldatinnen und Soldaten wachsen, für 2026 gilt ein Korridor von 186.000 bis 190.000. Ende August dienten laut Ministerium rund 186.400 Aktive. Das liegt im Korridor, aber nur rund 400 über der Untergrenze. Gegenüber Juli sank die Zahl um rund 300, was das Ministerium mit saisonalen Abgängen von Freiwilligen erklärt. Bis Jahresende erwartet es steigende Zahlen.

Ab Januar 2027 muss das Ministerium berichten

Ab dem 1. Januar 2027 muss das Verteidigungsministerium dem Bundestag halbjährlich über den Personalaufwuchs berichten, so schreibt es der neue § 91a des Soldatengesetzes vor. An diesen Berichten wird ablesbar, ob die Bundeswehr ihre Korridore hält. Verfehlt sie einen Korridor, müsste der Bundestag in einem neuen Gesetzgebungsverfahren über eine Bedarfswehrpflicht abstimmen. Ab Juli 2027 soll außerdem der ganze Jahrgang 2008 gemustert werden. Die Schulstreikbewegung kündigt an, weiter zu streiken, bis die Wehrpflicht vom Tisch ist.

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