Rechtsextreme Gewalt auf Höchststand seit 2016
Im Jahr 2025 wurden in Deutschland 1.598 rechts motivierte Gewalttaten registriert, der höchste Wert seit 2016. Was die Zahl allein nicht erfasst, macht die Lage erst vollständig verständlich: Ein Gewerkschafter aus Baden-Württemberg, der seit Jahren an Demonstrationen gegen Rechtsextremismus teilnimmt, bekommt seine Einbürgerung vom Verfassungsschutz blockiert. Die Behörde, die rechtsextreme Netzwerke beobachten soll, stuft sein Engagement als verdächtig ein.
Was die Zahlen zeigen
Das Bundeskriminalamt hat die Zahlen zur politisch motivierten Kriminalität für 2025 vorgelegt: 1.598 rechts motivierte Gewalttaten, ein Anstieg um 110 Fälle gegenüber 2024 (1.488) und um 328 Fälle gegenüber 2023 (1.270). Der Trend zeigt seit drei Jahren nach oben. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) erklärte, die demokratische Ordnung werde fast täglich von Extremisten angegriffen. Die Hauptdelikte sind Körperverletzungen und gefährliche Körperverletzungen, also physische Angriffe auf Menschen.
Regional zeigt sich ein deutliches Gefälle. In Mecklenburg-Vorpommern kommen 145 rechts motivierte Straftaten auf 100.000 Einwohner, der höchste Wert in Deutschland und fast dreimal so hoch wie der Bundesschnitt von 51. Sachsen-Anhalt folgt mit 142, Brandenburg mit 139. Für ostdeutsche Länder ist das kein neues Muster, aber die Schere zu westdeutschen Bundesländern ist in den vergangenen drei Jahren größer, nicht kleiner geworden.
Wer kämpft und wer verdächtigt wird
Der Fall des Gewerkschafters Danial Bamdadi illustriert, wie staatliche Behörden Menschen bestrafen können, die öffentlich gegen rechtsextreme Gewalt auftreten. Bamdadi hatte in den vergangenen Jahren wiederholt an Kundgebungen gegen Rechtsextremismus in Baden-Württemberg teilgenommen. Als er seinen Einbürgerungsantrag stellte, blockierte der Verfassungsschutz: Seine Teilnahme an den Anti-Rechts-Demonstrationen wurde als linksextremistische Aktivität klassifiziert. Die Einbürgerung wurde abgelehnt.
Das Ergebnis ist paradox: Ein Mensch, der öffentlich gegen rechtsextreme Gewalt aufsteht, wird von derselben Behörde erfasst, die rechtsextreme Strukturen beobachten soll. Der Verfassungsschutz operiert mit Klassifizierungskriterien, nach denen politisches Engagement gegen Rechts zur linksextremen Aktivität werden kann, wenn an Veranstaltungen auch Gruppen teilnehmen, die der Verfassungsschutz selbst im linksextremen Spektrum verortet. Die Konsequenz: Menschen, die sich einbürgern lassen wollen oder ihren Aufenthaltsstatus schützen müssen, überlegen zweimal, bevor sie auf eine Anti-Rechts-Demonstration gehen.
Zivilgesellschaftliche Organisationen, darunter Amnesty International und Gewerkschaftsverbände, weisen seit Jahren auf diese Einschüchterungswirkung hin. Auf eine parlamentarische Anfrage erklärte das Bundesinnenministerium, die Einstufung erfolge im Einzelfall und werde sorgfältig geprüft. Wie viele ähnliche Fälle es bundesweit gibt, ist nicht bekannt.
Der größere Zusammenhang
Die Statistik erfasst nur gemeldete und als rechts motiviert klassifizierte Fälle. Kriminologen schätzen die Dunkelziffer erheblich. Ein beträchtlicher Teil rechts motivierter Delikte wird weder angezeigt noch korrekt eingestuft. Die reale Zahl liegt höher als 1.598.
Deutschland steht vor dem gleichen Problem wie Schweden, Österreich oder die Niederlande, wo rechts motivierte Straftaten in den vergangenen Jahren ebenfalls gestiegen sind. Was Deutschland unterscheidet, ist der ausgeprägte regionale Unterschied. In Teilen Vorpommerns oder des östlichen Sachsens ist das Risiko für Angehörige bestimmter Gruppen um ein Vielfaches höher als der Bundesschnitt. Für die Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, für Sinti und Roma, für politisch Engagierte in strukturschwachen Regionen ist die Zahl 1.598 kein Abstraktum.
Was als nächstes passiert
Das BKA veröffentlicht die PMK-Statistik jährlich. Die nächste Gesamtschau erscheint Mitte 2026. Dobrindt hat Konsequenzen in der Koalition angekündigt, ohne sich zu konkretisieren. In früheren Jahren folgten solchen Ankündigungen vor allem Forderungen nach erweiterten Überwachungsbefugnissen, also genau dem Instrument, das im Fall Bamdadi das Problem verursacht hat. Ob die Koalition stattdessen die Klassifizierungspraxis des Verfassungsschutzes reformiert, ist ungeklärt.
Im Bundestag wird in den kommenden Wochen über den Haushaltsansatz für das Programm Demokratie Leben! beraten, das zivilgesellschaftliches Engagement gegen Extremismus fördert. Der Ansatz für 2026 liegt nach Auskunft aus dem Innenausschuss unter dem Niveau des Vorjahres. Steigende Gewalt, sinkende Prävention: Das ist das Bild, das Statistik und Haushalt zusammen zeichnen.