Rechnungshof: Erzeugungs- und Importziele 2030 nicht realisierbar
Investigativ

Rechnungshof: Erzeugungs- und Importziele 2030 nicht realisierbar

Der Bundesrechnungshof hat die Wasserstoffstrategie der Bundesregierung in einem Sonderbericht vom Oktober 2025 scharf kritisiert. Weder die vorgesehene inländische Erzeugung noch die geplanten Importe seien bis 2030 realisierbar und trotz milliardenschwerer Förderung drohe eine dauerhafte staatliche Subventionierung der Wasserstoffwirtschaft zulasten der Bundesfinanzen.

Quellen (18)
  1. Wasserstoff-Strategie droht zu scheitern - Behörden Spiegelbehoerden-spiegel.de
  2. Deutscher Bundestag Drucksache 21/2425 --- Bericht nach § 99 der Bundeshaushaltsordnung über die Umsetzung der Wasserstoffstrategie des Bundesdserver.bundestag.de
  3. Bundesrechnungshof - Umsetzung der Wasserstoffstrategie des Bundesbundesrechnungshof.de
  4. Executive summary - Global Hydrogen Review 2025 - IEAiea.org
  5. Renewable and low-carbon hydrogeneuroparl.europa.eu
  6. Global Hydrogen Review 2025iea.blob.core.windows.net
  7. Bundestag beschließt das Wasserstoff-Beschleunigungsgesetz - Deutscher Bundestagbundestag.de
  8. Drucksache 21/3286dserver.bundestag.de
  9. Fortschreibung der Nationalen Wasserstoffstrategie Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK)bmftr.bund.de
  10. Delegated act on low-carbon hydrogeneuroparl.europa.eu
  11. Air Products to Exit Three U.S.-Based Projects | News Releaseairproducts.com
  12. Studie: Wärmepumpe viel effizienter als Heizen mit Wasserstoff | ZFKzfk.de
  13. Presseinformation: Bundesrechnungshof bestätigt Handlungsbedarf: DWV fordert klare Nachfrageimpulse und marktorientierte Maßnahmen für den Wasserstoffhochlauf - DWVdwv-info.de
  14. Subject:hydrogeneurope.eu
  15. Klimaschutz: Bundesrechnungshof warnt vor Milliardenrisiken bei Wasserstoffhandelsblatt.com
  16. EU rules for renewable hydrogeneuroparl.europa.eu
  17. Executive summary - Global Hydrogen Review 2026 - IEAiea.org
  18. Production - Global Hydrogen Review 2026 - IEAiea.org
12. Oktober 2026, 4:59 Uhr805 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Mehr als sieben Milliarden Euro hat der Bund 2024 und 2025 an Subventionen für den Wasserstoffhochlauf bereitgestellt, wie ein Sonderbericht des Bundesrechnungshofs zeigt.

Was die Strategie vorsieht und was fehlt

Das dafür nötige Angebot soll durch Erzeugung im Inland und mindestens zur Hälfte durch Importe gedeckt werden. Schon die Nationale Wasserstoffstrategie von 2020 sah ab 2021 einen jährlichen Monitoringbericht zum Hochlauf vor, doch bis zum Erscheinen des Rechnungshofberichts lag kein Monitoringbericht vor.

Probleme bei Erzeugung, Import und Nachfrage

Die Bundesregierung erreicht nach Einschätzung der Prüfer weder ihre inländischen Erzeugungsziele für grünen Wasserstoff noch kann sie den erwarteten Bedarf über Importe decken. Ihre bisherigen Maßnahmen seien nicht hinreichend wirksam. Ohne verbindliche Vorgaben zur Umrüstung von Gaskraftwerken auf Wasserstoff fehle ein wichtiger Nachfrageimpuls für den Hochlauf. „Das gesetzliche Ziel einer möglichst sicheren, preisgünstigen, umweltverträglichen und klimaneutralen Versorgung mit Wasserstoff liegt in weiter Ferne", schreiben die Prüfer laut dem Behörden Spiegel.

Ein Kernnetz ohne synchrone Nachfrage

Parallel sollen bereits 2030 zwei Drittel des geplanten Wasserstoff-Kernnetzes bereitstehen, obwohl die Auslastung absehbar gering bleibt. Weil die Zahl der Netznutzer anfangs gering sein wird, wird den Kernnetzbetreibern laut Rechnungshof ein Teil ihrer Netzkosten zunächst über ein Amortisationskonto aus einem staatlich abgesicherten Darlehen erstattet, das mit steigender Nutzerzahl und steigenden Erlösen getilgt werden soll. Ein nicht synchronisierter Netzaufbau treibt nach Einschätzung der Prüfer die Netzkosten und die Kosten dieser Zwischenfinanzierung unnötig in die Höhe. Laut Rechnungshof ist einem Gutachten für das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie zufolge eine Bundesförderung von Angebot, Nachfrage und Speicherung nötig, damit dieser Finanzierungsmechanismus funktioniert. Scheitert der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft, könnte das den Bundeshaushalt zusätzlich mit einem zweistelligen Milliardenbetrag belasten.

Grüner Wasserstoff bleibt nach Einschätzung des Rechnungshofs wegen seines hohen Preises absehbar nicht wettbewerbsfähig, weshalb privaten Akteuren der Investitionsanreiz fehlt. Der Haushaltsgesetzgeber stellte deshalb allein 2024 insgesamt 4,3 Milliarden Euro und 2025 mehr als 3 Milliarden Euro bereit, vor allem für Subventionen an Unternehmen. Weil Wasserstoff auch künftig teuer bleibe, sei eine staatliche Dauerförderung absehbar: Allein für Importe könnte der Mittelbedarf zum Ausgleich der Preisdifferenz zwischen grünem Wasserstoff und Erdgas im Jahr 2030 zwischen 3 und 25 Milliarden Euro liegen. „Solange nicht absehbar ist, dass Wasserstoff preislich wettbewerbsfähig wird, droht eine staatliche Dauerförderung die bereits aus den Fugen geratenen Bundesfinanzen weiter unter Druck zu setzen", erklärte Bundesrechnungshof-Präsident Kay Scheller laut dem Behörden Spiegel.

Außerhalb Chinas kostete die Herstellung und Installation eines Elektrolyseurs 2024 nach Angaben der Internationalen Energieagentur 2.000 bis 2.600 US-Dollar pro Kilowatt, in China dagegen 600 bis 1.200 US-Dollar.

Auch die Klimawirkung von Erzeugung, Transport und Nutzung von Wasserstoff sei mit erheblichen Unsicherheiten behaftet, insbesondere beim Import könnten erhebliche Treibhausgasemissionen entstehen. Damit internationale Produzenten grünen Wasserstoff anbieten, musste die Bundesregierung laut Rechnungshof bei ihren Nachhaltigkeitsanforderungen bereits Zugeständnisse machen. Der Rechnungshof sieht deshalb das Risiko, dass eine nachhaltige Versorgung mit grünem Wasserstoff nicht gelingt.

Weder grüner noch blauer Wasserstoff seien absehbar wettbewerbsfähig, langfristige Subventionen könne der Bundeshaushalt nicht tragen, die gesetzlichen Klimaziele seien aber ohne beide Wasserstoffarten nicht erreichbar, so das Ministerium. Als Konsequenz kündigte es an, Marktrahmen und Instrumentenmix anzupassen, hielt aber selbst fest, dass auch diese Maßnahmen die Preisdifferenz zu fossilen Alternativen absehbar nicht ausgleichen könnten.

Auch der Europäische Rechnungshof bezeichnete laut einem EPRS-Briefing in einem Bericht von 2024 die EU-Ziele für Produktion und Import von erneuerbarem Wasserstoff als unzureichend datenbasiert und übermäßig ambitioniert und sah die EU nicht auf Kurs, sie zu erreichen. Weltweit wuchs die Produktion von emissionsarmem Wasserstoff 2024 zwar um 10 Prozent, machte aber weiterhin weniger als 1 Prozent der globalen Wasserstoffproduktion aus, wie die Internationale Energieagentur in ihrem Global Hydrogen Review 2025 feststellte. Das aus angekündigten Projekten abgeleitete Potenzial für 2030 sank laut der Agentur erstmals, von 49 auf 37 Millionen Tonnen jährlich, weil Projekte verzögert oder abgesagt wurden.

Der Rechnungshof fordert einen „Realitätscheck" der Wasserstoffstrategie: Die Bundesregierung müsse neu bewerten, ob und wann grüner Wasserstoff ohne dauerhafte Subventionen in ausreichenden Mengen, zu einem wettbewerbsfähigen Preis sowie klimaneutral und nachhaltig verfügbar sein kann. Finde sie keine Lösungen für diese Herausforderungen, benötige sie rechtzeitig einen Plan B, um die Klimaneutralität bis 2045 auch ohne dauerhaft subventionierte Wasserstoffwirtschaft zu erreichen. Am 26. Februar 2026 verabschiedete der Bundestag mit den Stimmen von CDU/CSU und SPD das Wasserstoff-Beschleunigungsgesetz, das laut Bundesregierung Zulassungsverfahren beschleunigen soll und in der beschlossenen Fassung auch Dampfreformierungsanlagen erfasst, die mit CO2-Abscheidung kohlenstoffarmen Wasserstoff erzeugen. Der Bundesrat hatte gefordert, das Gesetz auch auf die industrielle Nutzung von Wasserstoff in Stahl- und Chemieindustrie auszuweiten. Die Bundesregierung lehnte das ab und verwies darauf, dass der Entwurf auf Herstellung und Bereitstellung zugeschnitten sei. Die AfD-Fraktion griff die Kritik des Rechnungshofs in einer Kleinen Anfrage auf und bezeichnete das Vorgehen der Bundesregierung unter Berufung auf den Bericht als praktisch planwirtschaftlichen Ansatz. Festzuhalten bleibt, was der Rechnungshof selbst betont: Trotz Förderungen in Milliardenhöhe verfehlt die Bundesregierung die Ziele ihrer eigenen Wasserstoffstrategie, was nach seiner Einschätzung die Klimaneutralität, den Industriestandort Deutschland und die Stabilität der Bundesfinanzen gefährdet.

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