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Hawaii pflastert Straßen mit Ozeanplastik

Hawaii pflastert Straßen mit Ozeanplastik

Forscher der Hawaiʻi Pacific University haben Ozeanplastik und verlorene Fischernetze in Straßenasphalt eingeschmolzen, ohne dass nach elf Monaten erhöhte Mikroplastikwerte messbar waren. Das Konzept könnte zwei Probleme gleichzeitig lösen: Ozeanverschmutzung und fehlende Verwertungskapazitäten für Recyclingmaterial.

1. Mai 2026, 8:42 Uhr 663 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Auf einem Testabschnitt einer Wohnstraße auf der Insel Oahu stecken zehntausende Meter im Meer verlorener Fischernetze, eingeschmolzen in den Asphalt. Forscherinnen der Hawaiʻi Pacific University haben eine Methode entwickelt, Ozeanplastik und recyceltes Polyethylen direkt in Straßenbelag zu integrieren, ohne dass dabei Mikroplastik in die Umwelt freigesetzt wird. Erste Feldmessungen nach elf Monaten sind vielversprechend und das Konzept könnte zwei Umweltprobleme gleichzeitig angehen.

Das doppelte Entsorgungsproblem

Hawaii steht vor einer doppelten Herausforderung. Einerseits treiben im Pazifik rund um die Inselgruppe massive Mengen verlassener Fischereigeräte, sogenannte Geisternetze, die Meeresökosysteme beschädigen und sich kaum wirtschaftlich einsammeln lassen. Andererseits landet täglich tonnenweise recyceltes Polyethylen auf Deponien, weil die Aufbereitungsinfrastruktur fehlt, um es kostengünstig weiterzuverwerten.

Die Forschungsgruppe am Center for Marine Debris Research der Hawaiʻi Pacific University fragte sich, ob beides gleichzeitig lösbar wäre: Ozeanplastik und Recyclingpolyethylen in Straßenbelag einschmelzen, statt es zu vergraben oder zu verbrennen.

Die Technik: Polymere als Bindemittelzusatz

Klassischer Asphalt enthält Bitumen als Bindemittel, dem Polymere zugesetzt werden, um Haltbarkeit und Wetterfestigkeit zu verbessern. In der Standardvariante, bekannt als SBS-Asphalt (Styrol-Butadien-Styrol), kommen synthetische Kunststoffe zum Einsatz. Das Hawaiier Team ersetzte diesen Kunststoffanteil durch recyceltes Polyethylen und gemahlene Fischernetze. Der entscheidende Unterschied: Das Plastik wird vollständig in das Bindemittel eingeschmolzen und liegt nicht als freies Partikel vor.

Das ist relevant, weil eine der Hauptsorgen bei Plastikstraßen die Freisetzung von Mikroplastik durch Reifenabrieb und Witterung ist. Die Messungen auf Oahu zeigen nach elf Monaten keine erhöhte Mikroplastikbelastung im Vergleich zu herkömmlichem SBS-Asphalt. Die Forscherinnen berichteten auf der ACS-Frühjahrstagung 2026, dass die meisten Mikroplastikpartikel in Straßennähe ohnehin vom Reifenabrieb stammen, nicht vom Asphalt selbst.

Parallele Tests auf dem Festland

Hawaii ist nicht das einzige Testfeld. Auf der Interstate 155 in Missouri werden neun verschiedene Recyclingmaterial-Kombinationen im Straßenbelag getestet, darunter Altgummi von Autoreifen, Polyethylen aus der Kunststoffsammlung und Textilfasern. Das US-Verkehrsministerium und mehrere Bundesstaaten finanzieren die Forschung gemeinsam. Das Interesse ist nicht zufällig: Straßen in den USA verbrauchen jährlich rund 100 Millionen Tonnen Bitumen, was potenziell gigantische Mengen Recyclingmaterial aufnehmen könnte, wenn die Technik skaliert.

Was noch nicht beantwortet ist

Elf Monate auf einer Wohnstraße sind kein Beweis für die Langzeittauglichkeit unter Schwerlastverkehr. Kritisch bleibt die Frage, wie sich der plastikmodifizierte Asphalt unter Lkw-Dauerbetrieb verhält, ob er bei extremer Hitze oder Frost anders reagiert als herkömmlicher Belag und wie seine Lebensdauer im Vergleich abschneidet. Die Forscherinnen haben Langzeitmessungen über 24 Monate angekündigt.

Außerdem ist die Frage der wirtschaftlichen Skalierung offen. Geisternetze aus dem Meer einzusammeln, zu zerkleinern und in Asphaltmischungen einzuarbeiten, erfordert Infrastruktur, die derzeit kaum existiert. Wie wettbewerbsfähig das gegenüber konventionellem Asphalt in großem Maßstab wäre, lässt sich noch nicht seriös beantworten.

Was als Nächstes kommt

Die Hawaiʻi Pacific University hat angekündigt, die Teststrecke auf Oahu auf weitere Straßenabschnitte auszuweiten und die Langzeitmessergebnisse im Jahresverlauf 2026 zu veröffentlichen. Das Hawaii-Verkehrsministerium begleitet die Tests. Eine erste reguläre Ausschreibung für plastikmodifizierten Asphalt ist frühestens für 2028 geplant, abhängig von den Ergebnissen der Langzeitmessungen.

Straßen brauchen regelmäßige Erneuerung, Plastik landet täglich im Meer. Dass beides zusammenpassen könnte, ist keine schlechte Ausgangshypothese.