Atomwaffenkonferenz: Erstmals mehr Sprengköpfe
Die 11. Überprüfungskonferenz des Atomwaffensperrvertrags hat am 27. April 2026 im UN-Hauptquartier New York begonnen. UN-Generalsekretär António Guterres überbrachte zum Auftakt eine seit Jahrzehnten ungewöhnliche Warnung: Die Zahl der Atomsprengköpfe weltweit steigt erstmals wieder, nachdem sie jahrzehntelang gesunken war. Für 191 Mitgliedstaaten, die bis zum 22. Mai verhandeln, ist das kein diplomatisches Hintergrundrauschen, es ist die Bilanz ihrer eigenen Versäumnisse.
Der Ausgangspunkt: Rüstungskontrolle in der Krise
Die Konferenz trifft auf eine Rüstungskontrollarchitektur, die in kurzer Zeit mehrere tragende Elemente verloren hat. Der New START-Vertrag zwischen den USA und Russland, der letzte verbliebene bilaterale Rüstungskontrollvertrag der beiden größten Atommächte, ist im Februar 2026 ausgelaufen. Russland hatte ihn schon 2023 formell ausgesetzt, Washington sprach von einer faktischen Suspendierung. Seit dem Ablauf existiert kein vertraglich gesicherter Mechanismus mehr, der die strategischen Atomwaffenarsenale beider Länder begrenzt oder gegenseitige Inspektionen ermöglicht.
Guterres fasste die Lage in drei Sätzen zusammen: „Verpflichtungen bleiben unerfüllt. Vertrauen und Glaubwürdigkeit schwinden. Die treibenden Kräfte der Verbreitung gewinnen an Dynamik.” Rüstungskontrolle sei „am Sterben”, warnte er und forderte die Mitgliedstaaten auf, dem Vertrag „neues Leben einzuhauchen”. Die Erinnerung an Hiroshima und Nagasaki, sagte Guterres, drohe zu verblassen.
Warum diese Konferenz besonders schwer wird
Der Atomwaffensperrvertrag verpflichtet Kernwaffenstaaten zur Abrüstung und Nichtkernwaffenstaaten zum Verzicht auf den Erwerb von Atomwaffen. Das Versprechen der Atommächte, ihre Bestände zu reduzieren, ist seit Gründung des Vertrags 1968 weitgehend unerfüllt geblieben. Die Überprüfungskonferenzen von 2015 und 2022 endeten beide ohne Abschlussdokument, weil kein Konsens zu erreichen war.
2026 ist die geopolitische Ausgangslage noch schwieriger. Der russisch-ukrainische Krieg hat Russland und westliche Länder tief zerstritten. Russische Drohungen mit taktischen Atomwaffen in den ersten Kriegsjahren haben in westlichen Hauptstädten die Bereitschaft zu Abrüstungskonzessionen stark verringert. Gleichzeitig rüstet China sein Nukleararsenal in einem Tempo auf, das US-Analysten als historisch einordnen. Und der Iran-Krieg setzt das Nichtverbreitungsregime unter direkten Druck: Iran stand kurz vor einer atomaren Schwellenkompetenz, als die USA und Israel im Februar 2026 einschritten. Was die Konferenz mit dieser Situation anfangen soll, ist die eigentliche offene Frage.
Deutschlands Haltung und Wadephuls Besuch
Bundesaußenminister Johann Wadephul reiste zur Eröffnung der Konferenz nach New York. Er betonte, die Konferenz biete die Chance, neue Wege zu finden, die Errungenschaften des Vertrags zu sichern und sich auf nukleare Abrüstung zu konzentrieren. Deutschland gehört zu den Ländern, die im Rahmen der NATO an der nuklearen Teilhabe beteiligt sind. Bundeswehr-Piloten können im Bündnisfall US-Atomwaffen einsetzen. Deutschland nimmt damit eine Doppelrolle ein: Befürworter des NPT-Rahmens bei gleichzeitiger Einbindung in westliche Abschreckungsstrukturen.
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hatte zuletzt betont, Deutschland brauche die nukleare Abschreckung „mehr denn je”. Das ist kaum eine Position, von der aus sich leicht Abrüstungsfortschritte einfordern lassen. Für andere Mitgliedstaaten, die auf konkreten Zeitplänen zur Waffenreduktion bestehen, klingt das wie eine Absage. Wadephul navigiert in New York also zwischen dem deutschen Sicherheitsinteresse an Abschreckung und dem außenpolitischen Anspruch, Abrüstung voranzutreiben.
Das Atomwaffenverbot als Spaltpilz
Neben dem NPT existiert seit 2017 ein zweiter Vertrag: der Atomwaffenverbotsvertrag (TPNW), der Atomwaffen vollständig verbietet. Er hat 68 Ratifikationen, wird aber von keinem der neun Atomwaffenstaaten und keinem NATO-Mitglied unterstützt. Die erste Überprüfungskonferenz des TPNW ist für November oder Dezember 2026 in New York geplant. Das erzeugt eine direkte Konkurrenz: Während NPT-Pragmatiker auf schrittweise Verbesserungen setzen, fordern TPNW-Befürworter ein grundsätzliches Verbot.
Viele Nichtkernwaffenstaaten drängen in New York auf verbindlichere Abrüstungsversprechen. Die Atommächte USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich blocken das traditionell ab. Das ist keine neue Dynamik, aber angesichts steigender Sprengkopfzahlen und einer globalen Sicherheitslage, die sich in zwei Jahren erheblich verschlechtert hat, wirkt der Graben tiefer als je zuvor.
Was bis zum 22. Mai entschieden werden muss
Die zentrale Frage ist, ob die 191 Mitgliedstaaten bis zum 22. Mai ein gemeinsames Abschlussdokument verabschieden können. Drei gescheiterte Überprüfungskonferenzen in Folge würden die Glaubwürdigkeit des NPT als Steuerungsinstrument ernsthaft beschädigen.
Konkret stehen zwei Fragen im Mittelpunkt. Erstens: Können die Atommächte einer Sprache zustimmen, die ihre Abrüstungsverpflichtungen bekräftigt, ohne konkrete Zahlen oder Fristen zu nennen? Zweitens: Wie wird der Iran-Krieg in das Dokument eingebettet? Als Mahnung für das Nichtverbreitungsregime oder als Ausnahme, die mit Militärgewalt gelöst wurde? Letzteres würde einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen für andere Staaten, die über Atomwaffenprogramme nachdenken. Elf Konferenzen haben den NPT bisher am Leben gehalten. Die zwölfte Frage ist, was „am Leben” noch bedeutet.