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Mohammadi auf Intensivstation: Nobelkomitee alarmiert

Mohammadi auf Intensivstation: Nobelkomitee alarmiert

Die iranische Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi erlitt im Gefängnis zwei Episoden vollständiger Bewusstlosigkeit und liegt nun auf der Intensivstation. Ihr Bruder sagt, sie befinde sich am Rand des Todes. Das Nobelkomitee fordert dringend ihre Verlegung zu Spezialisten in Teheran.

3. Mai 2026, 1:00 Uhr 632 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Narges Mohammadi, iranische Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 2023, liegt auf einer Intensivstation im Krankenhaus der westiranischen Stadt Sanandaj. Ihr Bruder Hamidreza Mohammadi sagte der Nachrichtenagentur AP, sie befinde sich „am Rand des Todes". Die 54-Jährige erlitt im Gefängnis zwei Episoden vollständiger Bewusstlosigkeit und eine schwere kardiovaskuläre Krise. Das Norwegische Nobelkomitee fordert die iranischen Behörden dringend auf, sie in ein Spezialistenzentrum in Teheran zu verlegen.

Von der Haft in den Notfall

Mohammadi war am 12. Dezember 2025 in Mashhad verhaftet worden, als sie an einer Gedenkfeier für einen Menschenrechtsanwalt teilnahm. Im Februar 2026 verurteilte ein iranisches Gericht sie zu mehr als sieben Jahren Haft. Bereits am 24. März hatte sie im Zentralgefängnis Sanandaj einen Herzinfarkt erlitten, ohne sofortige medizinische Versorgung zu erhalten. Seit diesem Vorfall hat sich ihr Zustand nach Angaben ihrer Stiftung „katastrophal verschlechtert".

Die Verlegung ins Krankenhaus erfolgte laut ihrer Familie in letzter Minute. Ihre Angehörigen erklärten, der Schritt sei „möglicherweise zu spät gekommen". Mohammadis Krankengeschichte ist umfangreich: Sie hat eine vorbestehende Herzrhythmusstörung, hat eine Lungenembolie durchgemacht, trägt eine Blutgerinnselbildung im Bein und hat bereits mehrfach Stents und Angioplastien erhalten. Die Ärzte in Sanandaj seien mit ihrer Krankengeschichte nicht vertraut, teilte die Stiftung mit.

Warum das Nobelkomitee einschreitet

Das Norwegische Nobelkomitee veröffentlichte am Freitag eine Erklärung, in der es die iranischen Behörden auffordert, Mohammadi in eine Spezialklinik in Teheran zu verlegen, wo sie von Ärzten behandelt werden könne, die ihre Krankengeschichte kennen. Das Komitee bezeichnete die derzeitige Situation als medizinisch inakzeptabel. Es ist das zweite Mal seit Mohammadis Verhaftung, dass das Nobelkomitee direkt bei den iranischen Behörden interveniert.

Die iranischen Behörden haben bislang nicht auf die Forderung reagiert. Das ist kein Einzelfall: Iran ignoriert regelmäßig internationale Forderungen nach angemessener medizinischer Versorgung politischer Gefangener. Amnesty International dokumentiert seit Jahren, dass Häftlinge mit ernsthaften Erkrankungen systematisch von angemessener Behandlung ferngehalten werden, um Druck auf sie auszuüben.

Wer Narges Mohammadi ist

Mohammadi erhielt 2023 den Friedensnobelpreis für ihren Kampf gegen die Unterdrückung von Frauen im Iran und ihren Einsatz für Menschenrechte und Freiheit für alle. Zum Zeitpunkt der Preisverleihung in Oslo war sie in Haft. Ihre Kinder nahmen den Preis stellvertretend entgegen. Mohammadi ist seit Jahren zwischen Verhaftungen, Haftstrafen und kurzen Freilassungen hin und her gerissen: Die jüngste Verhaftung im Dezember 2025 war ihre insgesamt zehnte.

Mohammadi ist Vizepräsidentin der Defenders of Human Rights Center, der Organisation, die von der ebenfalls mit Haftstrafen belegten Anwältin Shirin Ebadi mitgegründet wurde. Vor ihrer jetzigen Verhaftung hatte Mohammadi nach eigenen Angaben insgesamt 13 Jahre in iranischen Gefängnissen verbracht, in mehrere Haftperioden aufgeteilt.

Ein System unter Druck

Der Iran befindet sich seit dem Irankrieg unter massivem außenpolitischen Druck. Die Wirtschaft leidet unter westlichen Sanktionen, der Ölexport über die Straße von Hormus ist beschränkt. In dieser Lage zeigt das Regime nach innen Härte: Die Behandlung prominenter Aktivisten wie Mohammadi ist kein Zufall, sondern Teil des politischen Kalküls.

Die Freilassung Mohammadis würde innenpolitisch als Schwäche gedeutet. Gleichzeitig würde ihr Tod in Haft international einen Sturm auslösen, der die ohnehin angeschlagene internationale Stellung des Iran weiter beschädigen würde. Teheran ist in dieser Frage gefangen zwischen innenpolitischer Logik und außenpolitischen Kosten.

Was in den nächsten Tagen entscheidet

Das Nobelkomitee verlangt eine Antwort der iranischen Behörden auf seine Forderung nach einer Verlegung. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch haben angekündigt, den Fall weiter öffentlich zu machen. In europäischen Hauptstädten laufen nach Angaben von Mohammadis Stiftung diplomatische Kontakte auf Regierungsebene. Die nächsten 48 bis 72 Stunden entscheiden, ob Teheran eine Verlegung zulässt oder ihr Tod in staatlicher Obhut international riskiert wird.