Australien: Meta löscht 756.000 Jugend-Accounts
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Australien: Meta löscht 756.000 Jugend-Accounts

85 Prozent der von Australiens Social-Media-Verbot betroffenen Jugendlichen nutzen die gesperrten Plattformen weiterhin, 19 Prozent über gefälschte Profile. Meta hat 756.000 Konten entfernt und nennt das Erfolg. Der eSafety Commissioner nennt es unzureichend.

Quellen (8)
  1. Bloomberg: Meta Says It's Shut Down 750,000 Under-16 Accounts in Australiabloomberg.com
  2. RTÉ: Meta says it removed 756,000 Australian teen accountsrte.ie
  3. The Logical Indian: Meta Says It Has Removed Over 756,000 Suspected Teen Accountsthelogicalindian.com
  4. Telecompaper: Meta removes over 750,000 under-age accounts in Australiatelecompaper.com
  5. Tom's Guide: Meta shuts down Australian teens' accountstomsguide.com
  6. Al Jazeera: Meta sets date to remove Australians under 16aljazeera.com
  7. Notebookcheck: Social-Media-Verbot für Jugendliche in Australiennotebookcheck.com
  8. t-online: Meta sperrt 750.000 Jugend-Accountst-online.de
13. August 2026, 16:12 Uhr798 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Australien hat im Dezember 2025 als erstes Land der Welt ein gesetzliches Mindestalter für soziale Netzwerke eingeführt. Wer in Australien jünger als 16 Jahre ist, darf seitdem keine Accounts bei Instagram, Facebook, TikTok und anderen großen Plattformen haben. Meta hat nach eigenen Angaben seither 756.000 solcher Konten entfernt. Am Donnerstag muss das Unternehmen dem australischen Parlament erklären, warum die Aufsichtsbehörde trotzdem von großen Lücken spricht.

Die Zahl und ihre Grenzen

Meta veröffentlichte am 13. August 2026 die Gesamtbilanz seiner Löschaktionen für den Zeitraum Dezember 2025 bis Juni 2026: 462.000 Instagram-Konten und 294.000 Facebook-Konten wurden geschlossen, weil das Unternehmen sie Nutzern unter 16 Jahren zuschrieb. Das sind 756.000 Konten in sieben Monaten, eine Zahl, die Meta selbst als Beleg für die Ernsthaftigkeit seiner Compliance-Bemühungen ins Feld führt.

Wie Meta die Konten identifiziert, ist entscheidend für die Bewertung der Zahl: Das Unternehmen nutzt Algorithmen, die Profile, Beiträge, Kommentare und Bildunterschriften nach Hinweisen auf das Alter eines Nutzers analysieren. Eine aktive Altersverifikation, etwa durch Ausweisdaten, gehört nicht zum Standardverfahren. Das bedeutet: Wer beim Anlegen eines neuen Accounts einfach ein falsches Geburtsjahr eingibt, rutscht durch das Netz.

Australiens eSafety Commissioner Julie Inman Grant hatte bereits im März 2026 festgestellt, dass die Plattformen das Gesetz mit erheblichen Lücken umsetzen. In einem offiziellen Statement sprach die Behörde von großen Lücken in der Art und Weise, wie die Altersverifikation tatsächlich durchgeführt werde. Eine Studie des British Medical Journal, die im gleichen Zeitraum drei Monate nach Inkrafttreten des Gesetzes veröffentlicht worden war, zeigte: 85 Prozent der betroffenen Jugendlichen nutzten die gesperrten Plattformen weiter, 19 Prozent über gefälschte Profile.

Das Dilemma der Altersverifikation

Die australische Erfahrung macht ein grundsätzliches Problem sichtbar: Gesetzgeber können Plattformen verpflichten, das Alter ihrer Nutzer zu überprüfen. Wirklich zuverlässig lässt sich das aber nur mit Methoden erzwingen, die tief in die Privatsphäre aller Nutzer eingreifen, etwa durch Ausweispflichten im Netz oder biometrische Verfahren. Beides schafft neue Risiken: Datensicherheit, staatliche Überwachungsinfrastruktur, Ausschluss von Nutzern ohne gültige Dokumente.

Meta setzt bewusst auf das schwächere Verfahren der algorithmenbasierten Erkennung. Der Vorteil: Es braucht keine Ausweisdaten. Der Nachteil: Es lässt sich leicht umgehen. Wer ein neues Konto mit falschem Geburtsdatum anlegt, fällt nicht auf, solange Posts und Profilbild nicht eindeutig auf ein jüngeres Alter hindeuten. Die 756.000 gelöschten Konten erfassen damit vor allem diejenigen, die sich selbst erkennbar als Minderjährige präsentiert hatten, nicht diejenigen, die das Gesetz aktiv umgehen wollten.

Der Medienwissenschaftler und Netzrechtsforscher James Meese von der RMIT-Universität Melbourne bezeichnete die KI-Erkennung als strukturell unzureichend für den gesetzgeberischen Zweck. Das Gesetz verlange einen Effekt, den das eingesetzte Instrument technisch nicht sicherstellen könne.

Was das Parlament morgen fragen wird

Am 14. August 2026 treten Vertreter von Meta, TikTok, Google und Snap vor einen Ausschuss des australischen Parlaments. Die Anhörung ist eine direkte Folge der Compliance-Kritik des eSafety Commissioners. Im Mittelpunkt stehen drei Fragen: Wie werden die Altersverifikationssysteme konkret eingesetzt? Welche Schritte unternehmen die Plattformen gegen die dokumentierten Umgehungsstrategien? Und warum hat kein Unternehmen bisher härtere Verfahren implementiert, obwohl das Gesetz dies ausdrücklich nahelegt?

Die Plattformen haben bis zur Anhörung ausgeführt, dass härtere Methoden datenschutzrechtliche Risiken mit sich brächten. Das Argument ist technisch nachvollziehbar und politisch bequem zugleich, weil es die Verantwortung zurück an den Gesetzgeber spielt: Wenn das Parlament zuverlässige Altersverifikation will, muss es definieren, welche Methoden es akzeptiert.

Was Deutschland daraus lernen kann

Deutschland diskutiert ein ähnliches Gesetz. Familienministerin Karin Prien (CDU) sprach sich im Juni für eine gesetzliche Altersgrenze von 13 Jahren aus, verbunden mit Altersverifikationspflicht. Eine Expertenkommission der Bundesregierung hatte zwei Alternativen vorgelegt: eine einheitliche Altersgrenze wie in Australien oder ein funktionsbasiertes Verbot, das bestimmte algorithmische Mechanismen für alle Minderjährigen untersagt, unabhängig vom Account-Alter.

Australiens Erfahrung stärkt das Argument für den zweiten Ansatz. Verbote, die am Konto und seiner Altersangabe ansetzen, lassen sich mit minimalem Aufwand umgehen. Verbote, die an spezifischen Funktionen wie Endlos-Scrolling oder personalisierten Empfehlungsalgorithmen ansetzen, sind technisch schwerer zu ignorieren, weil sie nicht von der Kooperation des Nutzers bei der Altersangabe abhängen.

Die australische Bundesministerin für Kommunikation, Anika Wells, hat nach Bekanntwerden der Lücken angekündigt, das Gesetz nachzuschärfen. Australien ist damit der erste Staat, der nicht nur ein Jugendschutzgesetz für soziale Netzwerke eingeführt hat, sondern auch der erste, der die unvermeidlichen Reformrunden beginnt. Das ist nüchterner als ein Erfolgsnarrativ, aber realistischer: Gesetzgebung in diesem Bereich ist kein einmaliger Akt, sondern ein fortlaufender Prozess gegen lernfähige Systeme auf beiden Seiten.

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