Ozeanschutz: 10 Prozent erreicht, 3,3 effektiv
Seit April 2026 sind 10,01 Prozent des Weltmeers offiziell als Schutzgebiet ausgewiesen. Das Ziel galt eigentlich für 2020. Und nach strengen Kriterien sind von dieser Fläche nur 3,3 Prozent tatsächlich wirksam geschützt.
Wie der Meilenstein erreicht wurde
In den vergangenen zwei Jahren wurden rund fünf Millionen Quadratkilometer neue Schutzgebiete ausgewiesen, eine Fläche größer als die Europäische Union. Der Anstieg gegenüber 2024 beträgt 1,4 Prozentpunkte. Die offiziellen Zahlen stammen aus der Weltdatenbank der Schutzgebiete und Erhaltungsgebiete (WDPCA), die von UNEP und IUCN gemeinsam gepflegt wird.
Den größten Einzelbeitrag leistete Französisch-Polynesien: Das Meeresschutzgebiet Tainui Atea umfasst 4,5 Millionen Quadratkilometer und ist damit das flächenmäßig größte Meeresschutzgebiet der Welt. Es schließt nahezu alle Gewässer Französisch-Polynesiens ein, einschließlich der Surfwelle von Teahupo'o. Innerhalb des Gebiets sind Tiefseebergbau und Grundschleppnetzfischerei verboten. Allein diese Ausweisung erhöhte den globalen Meeresschutz in einem einzigen Schritt um 1,25 Prozentpunkte.
Flankiert wurde der Anstieg vom UN-Hochseeschutzabkommen (BBNJ-Agreement), das im Januar 2026 in Kraft trat. Es ermöglicht erstmals Schutzgebiete außerhalb nationaler Gewässer, also auf der Hohen See, die zwei Drittel der Ozeanoberfläche ausmacht.
Die Lücke zwischen Ausweisen und Schützen
Die 10,01 Prozent umfassen alle offiziell ausgewiesenen Flächen, unabhängig davon, wie sie verwaltet werden. Das Marine Conservation Institute in Seattle, das die unabhängige Bewertungsdatenbank MPAtlas betreibt, kommt zu einem deutlich anderen Ergebnis: Nur 3,3 Prozent des Ozeans gelten als vollständig oder weitgehend wirksam geschützt.
Der Unterschied erklärt sich durch die Anforderungen wirksamen Schutzes: Ein Meeresschutzgebiet muss Fischereiverbote oder starke Einschränkungen haben, kontrolliert werden und über einen bindenden Verwaltungsplan verfügen. Viele der ausgewiesenen Gebiete erfüllen keines dieser Kriterien. In der Fachsprache heißen sie Papierparks. David Attenboroughs Ozeandokumentarfilm von 2025 nannte deshalb nur drei Prozent des Ozeans wirklich geschützt.
Besonders deutlich wird die Lücke auf der Hohen See: Von diesen internationalen Gewässern, die mehr als 60 Prozent der Ozeanoberfläche ausmachen, sind erst 1,66 Prozent von Schutzgebieten abgedeckt.
Rückschritte durch US-Politik
Die Vereinigten Staaten haben das BBNJ-Abkommen bisher nicht ratifiziert. Unter der Trump-Administration wurden zudem bestehende Meeresschutzgebiete in amerikanischen Gewässern für Bergbau und Fischerei geöffnet. Das Marine Conservation Institute schätzt, dass diese Rücknahmen die globale Rate wirksam geschützter Flächen von 3,3 auf 2,6 Prozent drücken könnten. Die offiziell gemeldeten Zahlen steigen derweil weiter, weil andere Länder neue Gebiete ausweisen.
Was bis 2030 nötig wäre
Das Biodiversitätsabkommen von Kunming-Montreal aus dem Jahr 2022 verpflichtet die Unterzeichnerstaaten, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Ozeane unter Schutz zu stellen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss die ausgewiesene Fläche in weniger als vier Jahren verdreifacht werden. Der Anstieg der letzten zwei Jahre entspricht rechnerisch weniger als einem Drittel des noch nötigen Zuwachses.
Die erste Vertragsstaatenkonferenz des BBNJ-Abkommens soll noch 2026 stattfinden. Dort können erstmals konkrete Schutzgebiete auf der Hohen See vorgeschlagen werden. Umweltorganisationen drängen auf Schutz für den Mittelatlantischen Rücken und artenreiche Tiefseekuppen im Pazifik. Die entscheidende Frage ist nicht nur, ob neue Gebiete ausgewiesen werden, sondern ob sie tatsächlich kontrolliert werden.