
Landraub in Afrika: Wie Hamburger Konzerne profitieren
Quellen (20)
- Land Matrix Initiative – Africa Observatorylandmatrix.org
- GRAIN – The state of the global farmland grab (Land Matrix)grain.org
- Global Hunger Index 2024 – Mozambiqueglobalhungerindex.org
- IPC – Mozambique Acute Food Insecurity Oct 2025–Mar 2026ipcinfo.org
- Rights and Resources Initiative – Rights to Resources in Crisisrightsandresources.org
- Business & Human Rights Resource Centre – Kaweri Coffee Lawsuitbusiness-humanrights.org
- Witness Radio Uganda – Kaweri Plantation Vertreibungwitnessradio.org
- FIAN Deutschland – Teilerfolg nach 24 Jahren (Januar 2025)fian.de
- FIAN Deutschland – Kaweri Uganda Fallbeschreibungfian.de
- FIAN International – Fact Sheet Kaweri Case 2025fian.org
- taz – Landraub-Vorwurf gegen Deutsche Banktaz.de
- Cambodia News – DWS Deutsche Bank Land Grabbing Kambodschacambodia-news.net
- Heinrich Böll Stiftung – Soil Atlas Land Grabbingeu.boell.org
- EU Kommission – RED III Biokraftstoffeenergy.ec.europa.eu
- IPES-Food – Land Squeeze Report 2024ipes-food.org
- GRAIN – Land Grabbers in the Nacala Corridor Mozambiquegrain.org
- Grassroots International – Mozambique Movement to End Land Grabsgrassrootsonline.org
- Debevoise & Plimpton – EU CSDDD verabschiedet 2024debevoise.com
- Rettet den Regenwald – Landraub FAQregenwald.org
- farmlandgrab.org – Green Grab: Carbon Offsetting and Africafarmlandgrab.org
Im August 2001 erschienen ugandische Soldaten in vier Dörfern des Mubende-Distrikts im Westen des Landes. Den Bewohnern blieben Stunden, ihr Hab und Gut zu retten. Die Dörfer Kitemba, Luwunga, Kijunga und Kiryamakobe wurden abgerissen. Die 2.500 Hektar fruchtbares Land gingen an die Kaweri Coffee Plantation Ltd., eine hundertprozentige Tochter der Hamburger Neumann Kaffee Gruppe. Rund 4.000 Menschen verloren ihr Zuhause und ihre Felder.
Vierundzwanzig Jahre später, im Januar 2025, erhielten die ersten 54 der Vertriebenen ihre Entschädigung. Die Zahlung kam nicht vom Hamburger Konzern, der das Land bis heute bewirtschaftet, sondern vom ugandischen Staat. Die 258 Betroffenen, die 2022 einem Vergleich zugestimmt hatten, sollen zusammen umgerechnet rund 667.000 Euro erhalten. Die Neumann Kaffee Gruppe hat bislang keinen Cent gezahlt.
Der Fall Kaweri ist kein Ausnahmefall. Er steht exemplarisch für ein System, das seit zwei Jahrzehnten afrikanisches Ackerland in ausländische Hände transferiert und dem die europäische Klimapolitik einen weiteren Schub gegeben hat.
422 Deals, zehn Millionen Hektar
Die Land Matrix Initiative, eine internationale Forschungsplattform für großflächige Landtransaktionen, dokumentiert seit 2000 insgesamt 422 transnationale Landdeals im Agrarsektor in Afrika. Die beanspruchten Flächen summieren sich auf rund zehn Millionen Hektar, was in etwa der Fläche Südkoreas entspricht. 37 Prozent aller weltweiten Großlandtransaktionen finden laut Land Matrix auf dem afrikanischen Kontinent statt.
Äthiopien führt die Liste mit 40 Abkommen und rund einer Million Hektar an, gefolgt von Ghana mit 800.000 Hektar. Mosambik verzeichnet mit 110 dokumentierten Großabkommen die höchste Vertragsdichte. Gleichzeitig ist Mosambik eines der ärmsten Länder der Erde: Laut dem Global Hunger Index 2024 belegt es Rang 107 von 127 bewerteten Staaten. Rund 2,09 Millionen Menschen leiden derzeit unter akuter Ernährungsunsicherheit.
Das Muster ist überall ähnlich. Regierungen vergeben Konzessionen für die produktivsten Böden, oft ohne die betroffene Bevölkerung zu konsultieren. In Afrika regeln gewohnheitsrechtliche Landnutzungssysteme (Customary Tenure) schätzungsweise rund 78 Prozent der tatsächlichen Landnutzung. Diese mündlich tradierten Rechte tauchen in staatlichen Grundbüchern nicht auf. Wenn ein Investorenvertrag geschlossen wird, gelten sie rechtlich nicht.
Die Organisation GRAIN, die globale Landnahmen dokumentiert und analysiert, nennt das Muster einen stillen Kolonialismus: Nicht mit Flaggen und Kanonenschiffen werde Land angeeignet, sondern mit Notarverträgen, Offshore-Strukturen und der stillen Duldung von Regierungen, die auf Auslandsinvestitionen angewiesen sind.
Hamburgs bitterer Kaffee: Der Fall Kaweri
Die Neumann Kaffee Gruppe (NKG), mit Sitz in Hamburg, gilt als einer der weltgrößten Kaffeehändler. Über ihre Tochtergesellschaft Kaweri Coffee Plantation Ltd. betreibt sie in Uganda auf den 2.500 Hektar, die 2001 gewaltsam von der lokalen Bevölkerung geräumt wurden, eine Exportplantage.
Die Geschichte der Vertreibung ist vom Business & Human Rights Resource Centre und von Witness Radio Uganda umfassend dokumentiert. Im August 2001 rückte das ugandische Militär in die vier Dörfer ein. Häuser wurden zerstört, Felder geplättet. Für die rund 4.000 Betroffenen brach damit ihre Existenzgrundlage weg.
401 Familien reichten 2002 Klage ein. Das Verfahren dauerte zwei Jahrzehnte. 2022 akzeptierten 258 Klägerinnen und Kläger ein Vergleichsangebot der ugandischen Staatsanwaltschaft: eine Gesamtsumme von umgerechnet rund 667.000 Euro zuzüglich 38.000 Euro für Anwaltskosten. Im Januar 2025 erhielten nach FIAN-Angaben erstmals 54 der 258 Betroffenen ihre Zahlung. Mehr als 80 Prozent der ursprünglich Vertriebenen warten noch.
Die Neumann Kaffee Gruppe hat sich an keiner der Zahlungen beteiligt. FIAN Deutschland, das die Betroffenen seit 2002 begleitet, fordert seit Jahren direkte Verantwortungsübernahme durch das Hamburger Unternehmen. Laut FIAN stehen die Betroffenen nicht nur ohne Kompensation da, sondern wurden teils erneut von Land vertrieben, auf dem sie nach der ursprünglichen Vertreibung neu anzufangen versucht hatten. Witness Radio Uganda dokumentiert diese Kettenreaktion: Vertreibung erzeugt Vertreibung.
Ein Gericht hatte die gewaltsame Vertreibung 2013 für rechtswidrig erklärt. Das Berufungsgericht hob das Urteil 2015 auf und ordnete eine Neuverhandlung an. Das Verfahren gilt als exemplarisches Beispiel für die Schwierigkeiten, gegen transnationale Konzerne im Globalen Süden Rechtsdurchsetzung zu erwirken. Die FIAN International Fact Sheet 2025 zum Fall beschreibt das ugandische Rechtssystem als strukturell überfordert gegenüber einem finanzstarken deutschen Konzern.
Deutsche Banken als Finanziers des Landraubs
Das Engagement deutscher Finanzinstitute beim Thema Landraub geht über den Kaweri-Fall hinaus. Bereits 2010 geriet die Deutsche Bank in den Fokus. Recherchen der taz und des ARD-Magazins Report Mainz zeigten, dass drei Fonds der Deutsche-Bank-Tochter DWS Investment GmbH insgesamt 10,9 Millionen Euro in das thailändische Unternehmen Khon Kaen Sugar Industry (KSL) investiert hatten. KSL hatte laut UN-Dokumenten im Jahr 2006 gemeinsam mit Partnern in Kambodscha rund 400 Bauernfamilien gewaltsam von ihren Reisfeldern verdrängt, um dort Zuckerrohr anzubauen.
DWS kündigte nach Bekanntwerden der Vorwürfe zunächst eine interne Überprüfung an und stieß die Beteiligung schließlich ab. Im April 2023 einigten sich rund 200 der betroffenen Familien in Kambodscha auf eine außergerichtliche Zahlung durch Akteure der Zuckerlieferkette. Die genaue Summe wurde nicht öffentlich gemacht. Die Analysten seien fortan angewiesen worden, ethische Kriterien in ihre Bewertungen einzubeziehen.
Global Witness warf der Deutschen Bank in den Folgejahren vor, weiterhin Unternehmen zu finanzieren, die in Südostasien und Afrika mit Landnahmen in Verbindung gebracht werden. Das Muster zeigt: Europäische Investoren treiben die Mechanismen des Landraubs nicht nur durch direkte Unternehmensführung an, sondern auch durch Kapitalflüsse, Pensionsfonds und Agrarfonds, deren Verbindung zur realen Vertreibung für die Anleger unsichtbar bleibt.
Der Soil Atlas der Heinrich Böll Stiftung dokumentiert, dass auch deutsche Entwicklungsinstitutionen wie die DEG (Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft) in der Vergangenheit Kredite an Agrarkonzerne vergeben haben, ohne ausreichende Prüfung möglicher Landrechtsverletzungen. NGOs wie FIAN und Misereor haben wiederholte Anfragen an das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gerichtet, diese Finanzierungspraktiken zu überprüfen.
Biokraftstoffe als Beschleuniger
Ein wesentlicher Motor des Landraubs ist die europäische Energiepolitik. Die überarbeitete Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU (RED III) sieht vor, dass der Transportsektor bis 2030 entweder 29 Prozent erneuerbare Energie nutzt oder die Treibhausgasemissionen um 14,5 Prozent senkt. Für fortschrittliche Biokraftstoffe gilt ein Sub-Ziel von 5,5 Prozent bis 2030.
Dieser Bedarf muss von irgendwo kommen. Und er treibt Investoren auf der Suche nach preisgünstigem Anbauland nach Afrika und Asien. Die Folgen sind dokumentiert: In Ghana kontrollierten bereits 2009 dreizehn ausländische Konzerne laut IPES-Food-Recherchen mehr als 1,07 Millionen Hektar, davon 730.000 Hektar in ökologisch sensiblen Wald-Savanne-Übergangszonen, überwiegend für Jatropha, einen nicht essbaren Ölsamen für Biodiesel. Die Plantagen scheiterten wirtschaftlich, hinterließen aber Umweltschäden und vertriebene Gemeinden.
In Mosambik waren zwischen 2007 und 2009 rund 433.000 Hektar für Großlandprojekte konzessioniert worden. Nur rund 32.000 Hektar davon waren für die Nahrungsmittelproduktion vorgesehen, wie GRAIN dokumentiert. Der Rest galt Exportkulturen oder Energieträgern. Gleichzeitig sind 80 Prozent der Mosambikaner Kleinbauern, die für ihre Ernährung auf ihren eigenen Feldern angewiesen sind.
Das Internationale Panel für Nachhaltige Ernährungssysteme IPES-Food warnt in seinem Land Squeeze Report 2024: Wenn die fruchtbarsten Böden systematisch für den Export reserviert werden, steigt die Unterernährung in den betroffenen Regionen. Die lokale Produktion für den Eigenbedarf bricht weg, weil die Menschen auf marginale Böden ausweichen müssen.
Eine neue Variante tritt hinzu. GRAIN und farmlandgrab.org dokumentieren, dass Carbon-Offset-Projekte zum neuen Vehikel des Landraubs werden. In der Demokratischen Republik Kongo und der Republik Kongo sind bereits mehr als je eine Million Hektar für Kohlenstoffzertifikate unter Vertrag genommen worden. Der grüne Grab folgt der gleichen Logik wie der klassische Agrar-Landraub: Externe Akteure sichern sich Rechte an afrikanischem Land, die lokale Bevölkerung verliert ihre Lebensgrundlage.
Recht ohne Biss: Die CSDDD und ihre Grenzen
Die EU hat auf den Druck reagiert. Die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD), im Mai 2024 verabschiedet und am 25. Juli 2024 in Kraft getreten, verpflichtet europäische Unternehmen zu Sorgfaltspflichten bei Menschenrechten und Umwelt entlang ihrer gesamten Lieferketten. Konzerne müssen potenzielle Verstöße identifizieren, verhindern und melden. Bei Missachtung drohen Bußgelder.
Was die Richtlinie leistet: Sie schafft erstmals einen verbindlichen EU-Rahmen für unternehmerische Verantwortung jenseits der eigenen Betriebsgrenzen. Langjährige Forderungen von FIAN, Misereor und Brot für die Welt finden sich in Teilen darin wieder.
Was sie nicht leistet: Die Anwendungsschwellen sind hoch. Ab dem 26. Juli 2029 gilt die Richtlinie nur für EU-Unternehmen mit mehr als 5.000 Mitarbeitern und mehr als 1,5 Milliarden Euro Jahresumsatz sowie für außereuropäische Konzerne mit entsprechendem EU-Umsatz. Nach der Omnibus-I-Reform des EU-Parlaments vom März 2026 sind kleinere Unternehmen dauerhaft ausgeschlossen.
Entscheidend ist außerdem: Die Richtlinie verpflichtet zu Sorgfalt, nicht zu Wiedergutmachung. Selbst wenn ein Konzern Menschenrechtsverstöße entlang seiner Lieferkette dokumentiert, entsteht daraus keine automatische Entschädigungspflicht für historisches Unrecht. Der Fall Kaweri, der 24 Jahre zurückliegt, fiele auch nach vollständiger CSDDD-Anwendung nicht unter das neue Recht.
FIAN International und die Menschenrechtsorganisation Grassroots International hatten im Konsultationsverfahren auf niedrigere Schwellenwerte und eine explizite Haftungsregelung gedrängt. Grassroots International dokumentiert, dass gerade in Mosambik die betroffene Bevölkerung trotz jahrelanger Proteste keine rechtlich durchsetzbare Handhabe gegenüber Investoren hat. Der Lobbyverband BusinessEurope hatte erfolgreich auf hohe Schwellenwerte und begrenzte Haftung gedrängt. Das Ergebnis ist ein Kompromiss, der für die am stärksten betroffenen Gemeinden wenig bedeutet.
CSDDD ab 2029: Fortschritt mit engen Grenzen
Was bleibt, ist ein ernüchterndes Bild. 401 ugandische Bauernfamilien kämpften 24 Jahre. 54 von ihnen erhielten im Januar 2025 Geld vom ugandischen Staat. Über 80 Prozent warten noch. Und das ugandische Rechtssystem, auf sich allein gestellt, hat nach zwei Jahrzehnten keine vollständige Wiedergutmachung erzwingen können.
Die systemische Dimension reicht weiter. Der Internationale Währungsfonds und die Weltbank hatten durch Strukturanpassungsprogramme seit den 1980er Jahren afrikanische Volkswirtschaften zur Exportorientierung gezwungen und damit jene Nachfragestrukturen geschaffen, die Großlanddeals erst rentabel machen. Europäische Investoren und Pensionsfonds stellen das Kapital. Die EU-Biokraftstoffpolitik liefert den Markt. Lokale Regierungen, oft auf Auslandsinvestitionen angewiesen, unterschreiben die Verträge.
GRAIN, Rettet den Regenwald und die Rights and Resources Initiative fordern neben schärferen Sorgfaltspflichten auch ein Ende jener EU-Biokraftstoffpolitik, die neue Investitionen in Agrarprojekte auf afrikanischem Boden antreibt. Solange Biokraftstoffquoten in Brüssel beschlossen werden und die Herkunft des Rohstoffs keine strafrechtlichen Konsequenzen hat, wird sich die Dynamik des Landraubs nicht umkehren.
Für deutsche Konsumentinnen und Konsumenten bedeutet das eine direkte strukturelle Mitverantwortung: Wer Kaffee kauft, der über NKG-Netzwerke läuft, finanziert die Lieferkette, an deren Ursprung eine gewaltsame Vertreibung steht. Wer Steuern zahlt, die über DEG-Kredite an Agrarprojekte fließen, trägt zum gleichen System bei. Die CSDDD gibt Betroffenen künftig mehr Werkzeuge in die Hand. Für die Familien in Kitemba, Luwunga, Kijunga und Kiryamakobe kam sie zu spät.
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