Kleinstadtakademie: Stimme für 2.100 kleine Städte
Etwa 40 Prozent aller deutschen Gemeinden sind Kleinstädte, also Orte mit 5.000 bis 20.000 Einwohnern. In der Bundespolitik standen sie lange zwischen den Stühlen: zu groß für Dorfentwicklungsprogramme, zu klein um Gehör zu finden. Seit Juli 2024 gibt es in Wittenberge an der Elbe eine Institution, die das ändern soll: die erste Kleinstadtakademie Deutschlands.
Was die Akademie macht
Die Kleinstadtakademie wurde vom Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen ins Leben gerufen und erhielt im ersten Jahr zwei Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt. Für 2025 waren weitere zwei Millionen Euro geplant. Ihre Aufgabe ist es, die rund 2.100 deutschen Kleinstädte zu vernetzen, Erfahrungen und Wissen zwischen ihnen zu vermitteln und ihre Anliegen auf Bundesebene sichtbarer zu machen.
Der Sitz in Wittenberge ist dabei kein Zufall. Die Kleinstadt in Brandenburg galt lange als Beispiel für wirtschaftlichen Niedergang nach der Wende, hat sich aber in den vergangenen Jahren mit neuen Gewerbeansiedlungen und Zuzug junger Familien neu erfunden. Die Akademie selbst demonstriert diesen Wandel: Sie plant den Umzug in das renovierte historische Bahnhofsgebäude von Wittenberge, als gelebtes Beispiel für Innenstadtbelebung durch Nachnutzung von Leerstand.
Das erste Kleinstadt-Barometer
Im Frühjahr 2025 führte die Akademie erstmals eine systematische Befragung durch. Zwischen Mai und Juni wurden 200 Bürgermeister aus deutschen Kleinstädten zum sogenannten Kleinstadt-Barometer befragt. Das Ergebnis zeigt die zentralen Herausforderungen: Leerstand in den Innenstädten, fehlende Fachkräfte und das Gefühl, in bundespolitischen Debatten nicht ausreichend berücksichtigt zu werden. Das Barometer soll künftig jährlich erscheinen und so ein verlässliches Stimmungsbild der 2.100 Kleinstädte liefern.
Für die betroffenen Städte ist das mehr als eine Dokumentation. Bislang gab es keine systematisch erhobenen Daten darüber, was Kleinstädte bewegt und was sie von der Politik brauchen. Das Barometer soll als Argumentationsbasis gegenüber Bund und Ländern dienen.
Erster bundesweiter Kleinstadt-Kongress
Im Juni 2025 fand in Wittenberge der erste bundesweite Kleinstadt-Kongress statt. Über zwei Tage diskutierten Bürgermeister, Stadtplaner und Verwaltungsfachleute in vier thematischen Arenen: Wohnen, Stadtmittebelebung, Stadtumbau und Zukunftsfähigkeit. Die Teilnahme war kostenlos.
Kleinstadt-Labore: Wettbewerb für neue Wohnmodelle
Aktuell läuft der Bewerbungszeitraum für die Kleinstadt-Labore 2026 und 2027. Kleinstädte können sich mit Projekten zum Thema Wohnen bewerben und innovative Wohnmodelle erproben, die den besonderen Bedingungen kleiner Städte gerecht werden. Ausgewählte Städte erhalten Beratung und werden als Modellfälle dokumentiert.
Parallel bietet die Akademie eine regelmäßige Web-Talk-Reihe an, in der Verwaltungsleiter aus Best-Practice-Städten ihre Ansätze vorstellen. Für Ende April ist ein Talk über Dorfumbaumanagement in Rheinland-Pfalz geplant, im Mai folgt ein Gespräch über Fachkräftegewinnung und Willkommenskultur aus Herzberg an der Elster.
Was das für kleine Städte bedeutet
Kleinstädte stehen vor einem strukturellen Problem: Sie haben weniger Verwaltungskapazität als Großstädte, stehen aber vor ähnlichen Herausforderungen, von Klimaanpassung bis Digitalisierung. Gleichzeitig werden Förderprogramme und Gesetze oft auf die Realität von Metropolen oder winzigen Dörfern zugeschnitten, nicht auf die der mittelgroßen Kleinstadt. Die Akademie soll diese Lücke schließen, indem sie Wissen bündelt, das bislang jede Stadt mühsam für sich allein erarbeiten musste.
Am 9. Mai, dem Tag der Städtebauförderung 2026, ist die Kleinstadtakademie mit eigenen Veranstaltungen unter dem Motto Lebendige Orte, starke Gemeinschaften präsent.