Indien: 150 GW Solar in Rekordgeschwindigkeit
Die ersten 50 Gigawatt Solarkapazität hat Indien über elf Jahre aufgebaut. Die zweiten 50 GW dauerten drei Jahre. Die dritten 50 GW brauchten vierzehn Monate. Am 31. März 2026 registrierte das Ministerium für Erneuerbare Energien eine kumulierte Solarkapazität von 150,26 Gigawatt und diese Zahl erzählt mehr als einen Rekord: Sie zeigt eine Beschleunigung, die selbst optimistische Energieszenarien nicht eingepreist hatten.
Was 150 Gigawatt bedeuten
Zur Einordnung: Deutschland hat derzeit eine Solarkapazität von rund 90 Gigawatt und baut jährlich etwa 14 GW zu. Indien hat im Fiskaljahr 2026 (April 2025 bis März 2026) allein 44,6 Gigawatt neu installiert, ein Zuwachs von 87,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Solar macht inzwischen rund 55 Prozent der gesamten erneuerbaren Kapazität Indiens aus. Die gesamte erneuerbaren Kapazität liegt bei 275 Gigawatt.
Indien ist damit weltweit der drittgrößte Markt für erneuerbare Energien nach China und den USA und wird 2026 zum zweitgrößten neuen Solarmarkt nach China. Das Ziel der Regierung Modi: 500 Gigawatt erneuerbare Kapazität bis 2030. Bei aktueller Geschwindigkeit ist das ohne weiteren Ausbau erreichbar.
Wer den Ausbau treibt
Der größte Teil des Zuwachses kommt aus Großanlagen. Im vergangenen Fiskaljahr wurden rund 34,8 Gigawatt in Solarparks zugebaut, ein Anstieg von 106 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Rajasthan, der trockene Wüstenstaat im Nordwesten, steht für 35 Prozent aller Großanlageninstallationen. Die treibende Kraft auf politischer Seite ist das Jahresausschreibungsprogramm für jährlich 50 GW des Ministeriums für Neue und Erneuerbare Energie, das 2023 aufgelegt wurde.
Der zweite wichtige Wachstumspfad ist Dachsolar. Das Regierungsprogramm PM Surya Ghar hat 2,6 Millionen Haushalten Fördergelder in Höhe von rund 1,8 Milliarden US-Dollar bereitgestellt. Im Fiskaljahr 2026 wurden 8,7 Gigawatt Dachsolar neu installiert, ein Plus von 69 Prozent. Maharashtra führt bei der Dachsolarkapazität mit 25 Prozent aller Installationen.
Was die Beschleunigung erklärt
Die Kosten für Solarmodule sind seit 2020 um mehr als 50 Prozent gefallen und Indien profitiert davon besonders stark: Das Land importiert einen Großteil seiner Module aus China zu deutlich gesunkenen Preisen. Gleichzeitig hat die Regierung einen Zusatzzoll auf Importe eingeführt, um die heimische Produktion zu stärken. Dieser Widerspruch, günstige Importe einerseits und Schutzzölle andererseits, spiegelt die komplexe Industriepolitik wider: Indien will Solarkapazität aufbauen und gleichzeitig eine eigene Modulindustrie entwickeln.
Ein weiterer Faktor ist die Nachfrage. Indien hat eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt und der Strombedarf steigt entsprechend. Solarstrom ist inzwischen in vielen Regionen die günstigste Form der Stromerzeugung, billiger als neu gebaute Kohlekraftwerke. Das macht Investitionen auch ohne staatliche Subventionen wirtschaftlich attraktiv.
Was als Nächstes kommt
Der Ausbau wird durch Netzengpässe gebremst. Viele der besten Solarstandorte in Rajasthan und Gujarat liegen weit entfernt von den großen Verbrauchszentren im Osten und Süden des Landes. Der Übertragungsnetzbetreiber PowerGrid Corporation hat ein Ausbauvorhaben für 50.000 Kilometer neue Hochspannungsleitungen bis 2030 angekündigt; ob das mit dem Solarausbau Schritt hält, ist offen.
Das nächste Zwischenziel nennt das Ministerium konkret: 200 Gigawatt Solar bis Ende des Fiskaljahres 2027. Bei der aktuellen Ausbaugeschwindigkeit von knapp 45 GW pro Jahr ist das erreichbar. Indien wäre dann das erste Land nach China, das eine Solarkapazität von 200 GW aufgebaut hat. Für die globale Energiewende ist diese Entwicklung deshalb so bedeutsam: Sie zeigt, dass Schwellenländer den Übergang zur Solarenergie nicht langsamer vorantreiben als Industrieländer, sondern schneller.