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Grüne Meeresschildkröte: Comeback gelingt

Grüne Meeresschildkröte: Comeback gelingt

Fünfzig Jahre Artenschutz haben gewirkt. Die IUCN hat die Grüne Meeresschildkröte im Oktober 2025 von 'Gefährdet' auf 'Nicht gefährdet' herabgestuft. Es ist das erste Mal, dass eine Meeresschildkrötenart diese globale Aufwertung erfährt.

7. Mai 2026, 9:19 Uhr 720 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Fünfzig Jahre Artenschutz haben gewirkt. Die Weltnaturschutzunion IUCN hat die Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas) im Oktober 2025 von „Gefährdet” (Endangered) auf „Nicht gefährdet” (Least Concern) herabgestuft. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Roten Liste, dass eine Meeresschildkrötenart diese globale Aufwertung erfährt.

Von der Abschlachtung zum Comeback

In den 1960ern und 1970ern wurden Grüne Meeresschildkröten zu Millionen getötet: für ihr Fleisch, ihre Eier und ihr Öl. Küstenentwicklung vernichtete Niststrände, Schleppnetze töteten Tiere als Beifang. Das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES) von 1975 stoppte den internationalen Handel. In den USA schrieb der Endangered Species Act von 1973 verbindliche Schutzmaßnahmen für alle Brutstrände vor. Ähnliche Gesetze folgten in Australien, Costa Rica, Brasilien und Indonesien, den wichtigsten Brutnationen weltweit.

Der technische Schlüssel war die flächendeckende Einführung sogenannter Turtle Excluder Devices in Schleppnetzen: Konstruktionen, die gefangenen Schildkröten eine Ausstiegsluke bieten, während der Fischfang weiterläuft. Parallel entstanden Schutzprogramme, bei denen lokale Gemeinden Niststrände bewachen, Eier in Aufzuchtstationen überführen und Jungtiere beim Schlüpfen sichern.

28 Prozent mehr, aber nicht überall

Das Ergebnis: Die globale Population hat sich seit den 1970er Jahren um rund 28 Prozent erholt, wie die IUCN in ihrer Neubewertung festhält. Für eine Art, deren Weibchen erst mit 25 bis 35 Jahren geschlechtsreif werden und die ein Jahrzehnte langes Gedächtnis für ihre eigenen Niststrände haben, ist das ein bemerkenswert schneller Trendwechsel.

Die Bewertung ist jedoch kein uniformes Bild. Einige Subpopulationen, etwa in Hawaii und Teilen des östlichen Pazifiks, gelten weiterhin als bedroht nach US-amerikanischem Bundesrecht. Die IUCN-Bewertung als „Nicht gefährdet“ spiegelt den globalen Durchschnitt wider. Wo Schutzmaßnahmen intensiv waren, sind die Bestände stabil oder wachsend. Wo sie fehlten oder wo illegaler Fang anhält, sind manche Teilpopulationen weiter unter Druck.

Hauptbedrohungen bleiben der Klimawandel (wärmerer Sand produziert mehr weibliche Hatchlinge, was das Geschlechterverhältnis langfristig verzerrt), Plastikverschmutzung (Schildkröten verwechseln Plastiktüten mit Quallen) und Lichtverschmutzung an Küsten (Jungtiere orientieren sich am Mondlicht und werden von Strandbeleuchtung desorientiert).

Was Schildkröten, Wale und Luchse gemeinsam haben

Grüne Meeresschildkröten sind nicht das erste Tier, das nach massivem Rückgang eine deutliche Erholung zeigt. Der Buckelwal ist das bekannteste Beispiel: Nach jahrzehntelangem kommerziellem Walfang sank die globale Population auf unter 10.000 Tiere. Nach dem Walfangstopp der Internationalen Walfangkommission 1986 erholte sich die Art auf heute über 80.000 Individuen, wie die IUCN dokumentiert. Der Iberische Luchs stand 2002 noch mit weniger als 100 Individuen am Rand der Ausrottung. Heute zählt die IUCN über 2.000 freilebende Tiere in Spanien und Portugal, nach gezielten Zuchtprogrammen und Wiederansiedlungsprogrammen.

Das verbindende Element in allen drei Fällen ist dasselbe: konsequenter rechtlicher Schutz, internationale Zusammenarbeit und die Einbindung lokaler Gemeinschaften. Ohne die Fischer, die Niststrände freiwillig oder auf gesetzlichen Druck freigehalten haben, ohne die Ranger, die Eier vor Wilderern schützten und ohne die Regierungen, die Schutzgesetze auch durchsetzten, hätte der IUCN-Bericht anders ausgesehen. Der Naturschutz-Ökologe Neil Cox von der IUCN nannte die Meeresschildkröten-Erholung in einem Statement „den wohl überzeugendsten globalen Beleg dafür, dass Artenschutz bei ausreichendem politischen Willen messbar funktioniert.“

Die offenen Risiken nach dem Erfolg

Die Herabstufung auf „Nicht gefährdet“ darf nicht als Signal verstanden werden, den Schutz zu lockern. Klimawandel bedroht Niststrände durch steigende Meeresspiegel und Sanderwärmung. Auf einigen Stränden in Florida und Australien beobachten Forscher bereits Brutgelege, aus denen über 90 Prozent der Jungtiere weiblich sind, ein langfristiges demografisches Risiko für die Fortpflanzungsfähigkeit der Bestände.

Am 9. Oktober 2025 gab die IUCN die neue Einstufung offiziell bekannt, basierend auf der Bewertung vom Dezember 2024. Die nächste reguläre Neubewertung ist für 2030 geplant. Bis dahin wird entscheidend sein, ob die Schutzmaßnahmen für Niststrände trotz wachsender Tourismusprojekte in wichtigen Küstenregionen aufrechterhalten werden können. Der Erfolg ist real und er ist fragil.

Quellen (8)