
Donau-Rekordtief legt 200 Kriegsschiffe frei
Quellen (8)
- Euronews ENeuronews.com
- ZEIT Onlinezeit.de
- Die Weltwelt.de
- T-Onlinet-online.de
- Euronews DEde.euronews.com
- Pester Lloydpesterlloyd.net
- ZDF heutezdfheute.de
- Nau.chnau.ch
Mehr als zwanzig verrottete Schiffsrümpfe ragen derzeit aus dem Donaubett bei Prahovo in Ostserbien heraus. Kommandobrücken, gebrochene Masten und verwitterte Kabinen sind gut erkennbar, Schaulustige klettern auf die Relikte. Es sind Schiffe der deutschen Wehrmacht, im Herbst 1944 versenkt und sie blockieren noch immer die Schifffahrt auf einem der wichtigsten europäischen Binnenwasserwege. Die Donau führt den tiefsten Wasserstand seit 117 Jahren und das Erbe einer militärischen Entscheidung von 1944 wird zur Gegenwartskrise.
Was seit 1944 auf dem Donaugrund liegt
Im September und Oktober 1944 versenkte die deutsche Wehrmacht rund 200 Schiffe ihrer Schwarzmeerflotte auf einem fünf Kilometer langen Donauabschnitt nahe Prahovo, unweit der heutigen serbisch-rumänischen Grenze. Die Entscheidung war strategisch: Die heranrückenden sowjetischen Truppen sollten an der Passage gehindert werden, Material sollte nicht in sowjetische Hände fallen. Was als verzweifelter Rückzugsakt gedacht war, hinterließ ein Erbe, das sich 82 Jahre später als dauerhafte Infrastrukturbedrohung erweist.
Nach dem Krieg barg die jugoslawische Regierung einige der Schiffe, ließ aber den Großteil im Flussbett. Der Grund war praktischer Natur: Viele der Wracks enthalten bis heute tonnenweise Munition und Sprengstoff. Ein Bergungsversuch vor etwa 40 Jahren musste nach Explosionen und Todesopfern abgebrochen werden, wie Euronews (30. Juli 2026) auf Basis serbischer Behördenangaben berichtet. Die Wracks gelten seither als zu gefährlich für unkontrollierte Bergungsmaßnahmen.
Für den Schiffsverkehr bedeuten die Wracks eine dauerhafte Einengung: Auf dem betroffenen Abschnitt bei Prahovo verengt sich die nutzbare Fahrrinne von 180 auf nur noch 100 Meter. Serbien verliert allein dadurch rund fünf Millionen Euro jährlich an Transportwertschöpfung. Das Serbische Institut für öffentliche Gesundheit empfahl nach dem Auftauchen der Wracks vorübergehend, keinen Fisch aus der Donau zu essen, weil die Schadstoffkonzentration im Flusswasser erhöht sei.
Ein Rekord schlägt den nächsten
Sichtbar werden die Wracks immer dann, wenn die Donau außergewöhnlich wenig Wasser führt. 2022 wurden sie erstmals seit Jahrzehnten wieder freigelegt, damals als Europa die bis dato schlimmste Dürre seit Jahrhunderten erlebte. Der Sommer 2026 übertrifft an mehreren Messpunkten bereits die Rekorde von 2022.
Der Pegel bei Bezdan in Nordserbien fiel nach Angaben des serbischen Hydrometeorologischen Instituts auf minus 163 Zentimeter, den niedrigsten Stand seit 1909. Der bisherige Rekord lag bei minus 143 Zentimetern. In Budapest standen die Messinstrumente bei 26 bis 30 Zentimetern; der Pester Lloyd berichtete, dass das Fundament der Margaretenbrücke vollständig freiläge, was seit der Nachkriegszeit nicht mehr vorgekommen sei. Der Vorgängerrekord von Oktober 2018 hatte 33 Zentimeter betragen.
Die wirtschaftlichen Folgen des Niedrigwassers reichen weit über Prahovo hinaus. Lastkähne, die für 1.000 Tonnen Fracht ausgelegt sind, können derzeit nur noch 250 bis 300 Tonnen beladen, ohne zu stranden. Frachtkosten haben sich auf bestimmten Relationen verdreifacht bis vervierfacht, berichtet ZDF heute. Die Wasserkraftwerke Djerdap I und Djerdap II am Eisernen Tor der Donau produzieren nach Angaben der serbischen Netzbehörde 30 bis 40 Prozent weniger als normal. Die NIS-Raffinerie in Pancevo, Serbiens größtes Ölverarbeitungswerk und auf Donau-Transport angewiesen, musste Sondermaßnahmen anordnen.
Das EU-Projekt und seine Grenzen
Die Europäische Union hat seit 2024 ein formales Bergungsprogramm für die Donau-Wracks aufgelegt. Das Westbalkan-Investitionsrahmenwerk (WBIF) finanziert die Bergung von 21 der kritischsten Wracks, die Schifffahrt am stärksten behindern. Die Europäische Investitionsbank unterzeichnete im Juli 2024 ein Förderabkommen über 16 Millionen Euro EU-Grants; die Gesamtkosten des Projekts belaufen sich auf rund 30 Millionen Euro, Serbien trägt den Differenzbetrag. Der Abschluss ist für 2028 geplant.
Der Fortschritt ist mühsam. Stand April 2026 waren nach Angaben des serbischen Staatsfernsehens RTS sieben der 21 priorisierten Wracks geborgen. Viele der verbleibenden Schiffe sind besonders tief im Flussbett versunken oder enthalten so viel Sprengstoff, dass Taucher Sand und Schlamm zunächst aufwendig abtragen müssen, bevor die eigentliche Bergung beginnen kann. Zu schwierige Wracks werden kontrolliert tiefer im Flussbett versenkt statt gehoben.
Und nach dem EU-Projekt bleiben weitere 179 Schiffe dauerhaft auf dem Donaugrund zurück, weil ihre Bergung als technisch oder finanziell nicht vertretbar gilt. Für diese gibt es bislang keine Lösung.
14 Jahre, bevor die nächste Dürre schlägt
Was früher eine Ausnahmeerscheinung war, wird zur Regelmäßigkeit. Csaba Abonyi, Leiter des ungarischen Hochwasserschutzes, bezifferte gegenüber Euronews das Muster: In den vergangenen 125 Jahren sei der Pegelstand der Donau nur 21 Mal unter 100 Zentimeter gefallen. 14 dieser 21 Fälle ereigneten sich in den vergangenen 25 Jahren. Die Abstände zwischen den Extremereignissen werden kürzer.
Klimatologen machen zwei zusammenwirkende Ursachen verantwortlich. Erstens die anhaltende Trockenheit in den Einzugsgebieten in Deutschland, Österreich, der Slowakei und Ungarn, wo Niederschläge seit Mitte Juni 2026 weit unter den Normalwerten lagen. Zweitens den Rückgang der Alpengletscher: Historisch stammte im Hochsommer bis zu ein Viertel des Donauwassers aus der Gletscherschmelze. Dieser Puffer schwindet mit der globalen Erwärmung.
Für die Wracks bei Prahovo bedeutet das eine klare Prognose: Mit jedem Dürresommer, der die bisherigen Rekorde bricht, werden mehr Schiffe sichtbar, blockieren die Fahrrinne länger und gefährden mit ihrer Sprengstoffladung Schifffahrt und Flussleben. Das EU-Projekt räumt bis 2028 einen kleinen Teil der Relikte. Für die übrigen 179 Wracks fehlt jede Planung und die Fenster, in denen sie auftauchen, werden häufiger.
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