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Politik
Bundeshaushalt 2027: 196 Milliarden Euro Schulden

Bundeshaushalt 2027: 196 Milliarden Euro Schulden

Das Kabinett hat die Eckwerte für den Bundeshaushalt 2027 beschlossen: 543 Milliarden Euro Ausgaben, davon 196,5 Milliarden Euro neue Schulden. Das Loch für 2027 ist gestopft, doch für 2028 bis 2030 fehlen bis zu 60 Milliarden Euro jährlich. Und die Zinslast verdoppelt sich fast.

1. Mai 2026, 15:03 Uhr 693 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Finanzminister Lars Klingbeil hat die Eckwerte für den Bundeshaushalt 2027 vorgelegt. Das Kabinett billigte sie am 29. April: 543,3 Milliarden Euro Gesamtausgaben, finanziert durch 196,5 Milliarden Euro neue Schulden. Das ist kein Schuldenrekord im engsten Sinne, weil die Zahl mehrere Sondervermögen zusammenfasst. Aber die Zahl macht deutlich, wie weit Deutschland von einem konsolidierten Haushalt entfernt ist. Und das Bild für die Jahre nach 2027 ist noch düsterer.

Was die Eckwerte enthalten

Die 196,5 Milliarden Euro neuer Schulden setzen sich aus drei Quellen zusammen: 110,8 Milliarden Euro fließen als reguläre Kreditaufnahme aus dem Kernetat, eine der höchsten Summen in der Geschichte der Bundesrepublik. Dazu kommen 27,5 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen Bundeswehr und 58,2 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität. Beide Sondervermögen wurden 2025 unter der neuen Koalition aufgelegt, um die Schuldenbremse zu umgehen. Sie sind auf 500 beziehungsweise 300 Milliarden Euro gedeckelt und können über mehrere Jahre abgerufen werden.

Größter Posten im Kernetat bleibt der Verteidigungshaushalt, der bis 2030 auf rund 180 Milliarden Euro anwachsen soll. Der Einzelplan des Bundesgesundheitsministeriums soll dagegen um 5,2 Milliarden Euro sinken. Auf der Einnahmenseite plant Klingbeil eine neue Plastiksteuer, die 1,4 Milliarden Euro einbringen soll, sowie verstärkte Steuerverfolgung für weitere 2 Milliarden Euro. Jedes Bundesministerium muss bis zum 20. Mai Einsparvorschläge in Höhe von einem Prozent seines Etats vorlegen. Das entspricht einer Gesamtsumme von rund 4 Milliarden Euro pro Jahr.

Das Problem liegt hinter 2027

Klingbeil betonte, das Haushaltsloch für 2027 von 34 Milliarden Euro sei geschlossen. Was er weniger betonte: Für die Folgejahre klafft es wieder auf. Laut der mittelfristigen Finanzplanung fehlen 2028 rund 29 Milliarden Euro, 2029 etwa 51 Milliarden Euro und 2030 bis zu 60 Milliarden Euro. Das Handelsblatt nannte die Eckwerte eine "Aufwärmübung" für die eigentlichen Konsolidierungsdebatten, die erst noch kommen.

Besonders auffällig ist die Zinslast. Deutschland zahlt 2027 voraussichtlich 42,7 Milliarden Euro Zinsen auf seine Staatsschulden. Bis 2030 verdoppelt sich dieser Betrag auf 78,7 Milliarden Euro. Das ist mehr, als Deutschland heute für das gesamte Bildungssystem ausgibt. Und dieser Zinsanstieg erfolgt, bevor die Sondervermögen vollständig ausgeschöpft sind. Je mehr davon abgerufen wird, desto stärker steigt die Zinslast weiter.

Wirtschaftsforscher warnten zeitgleich mit der Verabschiedung der Eckwerte, dass die geplanten Sparmaßnahmen "zwangsläufig zu höheren Rentenbeiträgen führen" werden. Der Rentenhaushalt, der stark von Bundeszuschüssen abhängt, ist von den Kürzungen direkt betroffen. Die Gewerkschaften haben bereits angekündigt, sich gegen Einschnitte beim Rentenrecht zu wehren.

Iran als versteckter Haushaltstreiber

Hinter den Zahlen steht ein Kontext, der in den Eckwerten selbst kaum auftaucht: der Irankrieg. Das ifo-Institut hat die Wachstumsprognose für Deutschland auf 0,6 Prozent gesenkt, was Steuereinnahmen mindert und Sozialausgaben erhöht. Die Energiepreise belasten private Haushalte und Unternehmen gleichermaßen: Brentöl kostet rund 111 Dollar pro Barrel, mehr als 50 Prozent über dem Vorkriegsniveau. Klingbeil selbst sagte am Donnerstag, Trumps Irankrieg habe Deutschlands Wachstum halbiert. Das ist auch ein Satz über seinen eigenen Haushalt.

Gleichzeitig zwingt die veränderte Sicherheitslage zu höheren Verteidigungsausgaben. Deutschland erfüllt mittlerweile das Nato-Ziel von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts und plant, es weiter zu überschreiten. Das Sondervermögen Bundeswehr, das 2025 als Einmalmaßnahme gedacht war, wird de facto zu einem dauerhaften Finanzierungsinstrument für Rüstung.

Was jetzt entschieden wird

Bis zum 20. Mai müssen die Ministerien ihre Sparvorschläge vorlegen. Anschließend folgen Verhandlungen auf Arbeitsebene, bevor Klingbeil im Sommer 2026 einen regulären Regierungsentwurf für den Haushalt 2027 vorlegen will. Der Bundestag wird darüber voraussichtlich im Herbst abstimmen. Die eigentliche Frage ist nicht, ob der Haushalt 2027 verabschiedet wird. Die Frage ist, wer die Lücken für 2028, 2029 und 2030 schließt und wie. Eine Koalition, die bereits über die Koalitionskrise des April 2026 hinwegging, wird dann wieder an ihrer Fähigkeit gemessen werden, große Kompromisse zu finden.