Labour-Debakel bei britischen Wahlen erwartet
Heute wählt Großbritannien. In 136 englischen Kommunen werden 5.066 Gemeinderatssitze vergeben, dazu tritt das schottische Parlament zur Neuwahl an und das walisische Senedd zum ersten Mal nach seiner Erweiterung auf 96 Sitze. Für Premierminister Keir Starmer könnten es die härtesten Wahlen seiner Amtszeit werden: Prognosen der Institute Britain Elects und More in Common sehen Labour zwischen 50 und 74 Prozent seiner verteidigten Sitze verlieren, während die Reformpartei von Nigel Farage mit einem Sprung von drei auf rund 1.700 Sitze rechnet.
Zwei Jahre Labour, was die Wähler bestrafen
Labour verteidigt mehr als 2.500 der zur Wahl stehenden Gemeinderatssitze, die Konservativen rund 1.100 und die Liberaldemokraten rund 660. Diese Mehrheit wurde 2022 in einem anderen politischen Moment errungen, als die Torys in der Nachfolge-Boris-Johnson-Krise lagen. Drei Jahre später hat sich das Bild umgekehrt.
Starmers Regierung notiert nach Erhebungen von YouGov bei einem Netto-Zustimmungswert von minus 45 Prozent. Die Regierung insgesamt liegt bei minus 49, exakt dem Wert, den die Konservativen unmittelbar vor ihrer Wahlniederlage vom Juli 2024 verzeichneten. Der konkreteste Auslöser für das Vertrauensdefizit: die Abschaffung des Heizkostenzuschusses für Rentner im Herbst 2024. Rund zehn Millionen Rentnerinnen und Rentner verloren den jährlichen Zuschuss von 200 bis 300 Pfund. Die Maßnahme gilt seitdem als der politische Fehler der Regierung. Eine spätere Kurskorrektur heilte den Schaden nicht.
Die Mandelson-Affäre und das Sicherheitsversagen
Im Januar 2025 bestand Peter Mandelson, Starmers Kandidat für den Botschafterposten in Washington, die britische Sicherheitsüberprüfung nicht: Sein langjähriger Kontakt zum verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein gilt als Ausschlusskriterium. Das Außenministerium übergab den Befund dennoch zugunsten einer Ausnahmegenehmigung. Im Februar 2026 berichteten mehrere Medien, Mandelson habe dem Epstein-Netzwerk sensible Regierungsinformationen zugespielt, darunter Vorabinformationen über ein bevorstehendes 500-Milliarden-Euro-Rettungspaket der EU. Er soll auch versucht haben, Personen aus Epsteins Umfeld Zugang zu Downing Street zu verschaffen.
Starmer räumte am 20. April öffentlich ein, er hätte Mandelson nicht ernennen sollen. Einen Rücktritt lehnte er ab. Stab-Chef Morgan McSweeney trat infolge der Affäre zurück. Die politische Wirkung der Geschichte liegt in ihrer Kombination: Vetternwirtschaft und Sicherheitsversagen gleichzeitig, bei einer Partei, die sich 2024 als kompetente Alternative zu den Torys angeboten hatte.
Reform UK: Von drei auf tausende Sitze
Die Reformpartei betritt diese Wahl mit drei Gemeinderatssitzen in ganz England. YouGovs MRP-Modell sieht sie nach der Auszählung bei 1.200 bis 1.689 Sitzen. More in Common prognostiziert 1.515. Das wäre ein Zuwachs, der in der Geschichte britischer Kommunalpolitik kein Vorbild hat. Reform UK gibt nach Angaben ihres Vorsitzenden Nigel Farage im laufenden Jahr mehr als fünf Millionen Pfund aus, mehr als jede andere Partei.
Drei traditionell konservative Kreise gelten als sichere Übernahme-Kandidaten: Essex, Norfolk und Suffolk. Labours Hochburgen Wigan, Sunderland und Barnsley sind nach Prognosen ebenfalls gefährdet. Die Konservativen sehen sich von zwei Seiten aufgerieben: Reform nimmt ihnen Stimmen in ländlichen Leave-Gebieten ab, die Liberaldemokraten gewinnen in den wohlhabenderen Südregionen. Sie liegen in nationalen Umfragen bei rund 18 Prozent.
Farage prognostizierte am Vorabend, die Ergebnisse würden "atemberaubend gut" sein. Starmer werde "bis Mitte des Sommers" als Premierminister Geschichte sein. Ob das Stimmung oder Analyse ist, entscheidet sich in den nächsten 48 Stunden.
Schottland und Wales: Eigene Trennlinien
Neben den englischen Kommunalwahlen wird heute das schottische Parlament neu gewählt. Die SNP kämpft darum, ihre Minderheitsregierung zu verteidigen, nachdem Korruptionsermittlungen und der Rücktritt von Nicola Sturgeon das Vertrauen in die Partei nachhaltig beschädigt haben. In Wales werden zum ersten Mal alle 96 Sitze des erweiterten Senedd vergeben. Labour stellt bisher die Regierung in Cardiff, Umfragen sagen auch dort Verluste voraus. Reform UK steht auch in Wales vor potenziell zweistelligen Sitzzahlen, obwohl die Partei dort deutlich schwächer organisiert ist als in England.
Ergebnisse bis Freitag: Was für Starmer auf dem Spiel steht
Die Wahllokale schließen heute Abend. Die meisten englischen Kommunalverwaltungen zählen bis Freitagmittag aus, vollständige schottische und walisische Ergebnisse werden bis Samstag erwartet. Labour-intern gilt als kritische Schwelle: Verliert die Partei Kontrolle über mehr als zehn Kommunen oder büßt sie in allen drei Regionen schwer ein, wächst der Druck auf Starmer erheblich. Eine Unterhauswahl müsste formal erst bis 2029 stattfinden. Farage hat bereits angekündigt, sein Parteiausschlussverfahren für Mitglieder zu aktivieren, die öffentlich für einen Führungswechsel eintreten, ein Zeichen, dass Reform UK den aktuellen Gegner zu halten versucht, solange er schwächelt.