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Alzheimermedikamente: Große Studie zeigt mehr Risiken als erhofften Nutzen

Alzheimermedikamente: Große Studie zeigt mehr Risiken als erhofften Nutzen

Eine Überblicksanalyse über 20.000 Patienten ernüchtert: Lecanemab und Donanemab bremsen Alzheimer kaum klinisch relevant, erhöhen aber das Risiko für Hirnödeme erheblich. Der G-BA sieht für Lecanemab keinen Zusatznutzen gegenüber vorhandenen Therapien.

16. April 2026, 2:29 Uhr 608 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Lecanemab und Donanemab galten jahrelang als möglicher Wendepunkt in der Alzheimerbehandlung. Eine neue Überblicksanalyse, die randomisierte Studien mit über 20.000 Patienten ausgewertet hat, zeichnet nun ein ernüchterndes Bild: Der klinische Nutzen beider Wirkstoffe ist deutlich geringer als erhofft, während das Risiko für Hirnveränderungen erheblich ist. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hatte denselben Befund für Lecanemab bereits im Februar 2026 vorgelegt.

Neue Wirkstoffe, alte Hoffnungen

Alzheimer entsteht unter anderem durch die Ablagerung von Amyloidplaques im Gehirn. Lecanemab und Donanemab sind Antikörper, die gezielt an diese Plaques binden und deren Abbau fördern sollen. Jahrelange klinische Studien zeigten, dass beide Wirkstoffe die Plaques tatsächlich reduzieren. Damit verknüpfte sich die Hoffnung, das kognitive Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen.

Lecanemab (Handelsname Leqembi) ist seit September 2025 in Deutschland auf dem Markt. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA ließ den Wirkstoff mit Auflagen zu: Er darf nur bei Patienten im frühen Krankheitsstadium eingesetzt werden, die maximal eine Kopie des Risikogens Apö4 tragen. Derzeit werden in Deutschland etwa 400 Patienten damit behandelt. Donanemab erhielt ebenfalls eine EMA-Empfehlung zur Zulassung.

Geringe Wirkung, erhebliche Risiken

Die Überblicksanalyse kommt zu einem klaren Ergebnis: Die Antikörpertherapien verlangsamen den kognitiven Verfall bei geeigneten Patienten um rund 30 Prozent. Das klingt substanziell, ist aber ein relativer Wert: Patienten verbleiben im Schnitt einige Monate länger in einem bestimmten Krankheitsstadium. Die absolute Verbesserung gemessen auf klinischen Skalen ist gering. Francesco Nonino vom IRCCS-Institut für Neurologische Wissenschaften in Bologna, Erstautor der Analyse, formulierte es direkt: "Die Befunde legen leider nahe, dass diese Medikamente für die Patienten keinen bedeutsamen Unterschied machen."

Auf der Risikoseite fällt die Bilanz schwerer aus. Bei 13 Prozent der mit Lecanemab behandelten Patienten traten Hirnschwellungen auf, bei 17 Prozent Mikroblutungen im Gehirn, die meist nur im MRT sichtbar waren. Für Donanemab sind die Werte noch höher: In klinischen Studien entwickelten bis zu 27,5 Prozent der Patienten Hirnödeme, über 30 Prozent zeigten Mikroblutungen. Bei Frauen war die therapeutische Wirkung geringer als bei Männern, während das Risiko für Nebenwirkungen höher lag. Der G-BA entschied am 19. Februar 2026: Lecanemab zeigt gegenüber den bisherigen Standardtherapien keinen belegten Zusatznutzen.

Für wen kommen die Medikamente überhaupt infrage?

Der Kostenvergleich macht die gesundheitspolitische Dimension deutlich: Lecanemab kostet als Listenpreis mehr als 38.000 Euro pro Jahr. Bewährte symptomatische Medikamente wie Cholinesterasehemmer schlagen dagegen mit 200 bis 400 Euro im Jahr zu Buche. Da der G-BA keinen Zusatznutzen festgestellt hat, darf der verhandelte Erstattungspreis nicht wesentlich von diesen Vergleichspräparaten abweichen.

Entscheidender ist, wie klein die Gruppe der tatsächlich behandelbaren Patienten ist. Voraussetzung sind ein frühes Krankheitsstadium, ein positiver Amyloidnachweis per PET-Scan oder Lumbalpunktion, maximal eine Apö4-Genkopie und das Fehlen bestimmter Begleiterkrankungen. Schätzungen zufolge erfüllt weniger als einer von 100 Alzheimerpatienten alle Bedingungen gleichzeitig. Bei rund 1,2 Millionen Alzheimerkranken in Deutschland wären das weniger als 12.000 Menschen. Für sie würden regelmäßige MRT-Kontrollen zur Überwachung möglicher Hirnblutungen anfallen, deren Kapazitäten in deutschen Praxen und Kliniken gegenwärtig kaum vorhanden sind.

Was folgt für Patienten und Krankenkassen?

Die aktualisierte Demenzleitlinie hat Antikörpertherapien im März 2026 als Option für ausgewählte Patienten aufgenommen. Das ist eine wissenschaftliche Einschätzung, keine Kostenübernahmegarantie. Ob und zu welchem Preis die gesetzlichen Krankenkassen die Behandlung erstatten werden, entscheiden die laufenden Preisverhandlungen zwischen dem japanischen Hersteller Eisai und dem GKV-Spitzenverband. Wenn Eisai den verhandelten Preis nicht akzeptiert, kann das Unternehmen Lecanemab vom deutschen Markt zurückziehen.

Für die rund 1,8 Millionen Demenzpatienten in Deutschland bleibt die Lage unverändert: Es gibt keine Therapie, die Alzheimer heilt oder grundlegend stoppt. Die neuen Wirkstoffe verlangsamen den Verlauf für einen kleinen Teil früh diagnostizierter Patienten. Ob dieser Zeitgewinn die Risiken und Kosten rechtfertigt, müssen Patienten und behandelnde Ärzte im Einzelfall abwägen. Die Preisverhandlungen sollen noch 2026 abgeschlossen werden. Das Ergebnis entscheidet darüber, ob Lecanemab auf dem deutschen Markt bleibt.

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