Grundwasser in der Dürre: Wer wie viel pumpt, weiß kaum jemand
Investigativ

Grundwasser in der Dürre: Wer wie viel pumpt, weiß kaum jemand

Der Rhein bei Kaub sank im September 2026 auf zwei Zentimeter, jeder zweite Landkreis gilt als potenziell grundwassergestresst. Wie viel Wasser Landwirtschaft und andere Nutzer tatsächlich abpumpen, beruht trotzdem oft auf Selbstauskünften und Modellrechnungen.

Quellen (25)
  1. Wasser: Konsum der Landwirtschaft massiv unterschätzt – Correctiv (2023)correctiv.org
  2. Grundwasserstress in Deutschland: BUND-ISOE-Studie Juni 2025bund.net
  3. Deutschlandwetter im Frühjahr 2026 – Deutscher Wetterdienstdwd.de
  4. Welche Folgen die Rekord-Trockenheit für Bayern hat – weather.com (dpa)weather.com
  5. Rhein-Niedrigwasser: Pegel Kaub erreicht historischen Tiefstand – VerkehrsRundschauverkehrsrundschau.de
  6. Rhein-Pegel Kaub erreicht Rekordtief – ZDF heutezdfheute.de
  7. Wasserstände an Rhein, Elbe und Donau sacken erneut ab – Binnenschifffahrt Onlinebinnenschifffahrt-online.de
  8. Niedrigwasser-Informationssystem NIWIS gestartet – Bundesanstalt für Gewässerkundebafg.de
  9. Wem gehört das Wasser? – Graswurzelrevolutiongraswurzel.net
  10. scinexx: Deutschlands Wasserspeicher erneut im Minus – GFZ-Datenscinexx.de
  11. World Weather Attribution: Rekordhitze trocknet Europas Böden aus – science.ORF.atscience.orf.at
  12. Wasserentnahmen 2010 bis 2019: Landwirtschaft 2018 auf Rekordniveau – Statistisches Bundesamtdestatis.de
  13. Agrarstrukturerhebung 2023: 554.000 Hektar bewässert – Statistisches Bundesamtdestatis.de
  14. § 103 Wasserhaushaltsgesetz: Bußgeldvorschriftengesetze-im-internet.de
  15. Das Wasser wird knapp: BUND stellt Grundwasserstudie vorbund.net
  16. Ernteauftakt 2026 – Deutscher Bauernverbandbauernverband.de
  17. Wasserentnahme-Verbot ausgeweitet: Welche Landkreise betroffen sind – t-onlinet-online.de
  18. Klimawandel treibt Investitionsbedarf in der Wasserversorgung – BDEWbdew.de
  19. Grundwasserbeschaffenheit – Umweltbundesamtumweltbundesamt.de
  20. Wasserentnahmen: Ressource Wasser besser schützen – Deutscher Städtetagstaedtetag.de
  21. Circular greenhouse horticulture – Wageningen University & Researchwur.nl
  22. Nationale Wasserstrategie 2023 – Bundesumweltministeriumbundesumweltministerium.de
  23. Richtlinie 2000/60/EG (Wasserrahmenrichtlinie) – EUR-Lexeur-lex.europa.eu
  24. Mengenmäßiger Zustand des Grundwassers – Umweltbundesamtumweltbundesamt.de
  25. Extremes Niedrigwasser zum Herbstauftakt – Binnenschifffahrt Onlinebinnenschifffahrt-online.de
27. September 2026, 11:37 Uhr1185 Wörter · 6 Min. Lesezeit

Wie viel Grundwasser in Deutschland in einem Dürrejahr abgepumpt wird, weiß niemand genau. Die Angaben zur Landwirtschaft beruhen nach einer Correctiv-Recherche von 2023 auf Selbstauskünften der Betriebe und für die Beregnung ist die Datenlage auf Kreisebene so dünn, dass eine Studie des ISOE im Auftrag des BUND auf Modellrechnungen ausweichen musste. In einem normalen Jahr wäre das ein Randproblem. Im Jahr 2026, in dem der Rhein bei Kaub auf zwei Zentimeter sank und jeder zweite Landkreis als potenziell grundwassergestresst gilt, wird die Wissenslücke zum Planungsproblem.

Rekordtief am Rhein, Defizit im Untergrund

Die Krise begann mit einem außergewöhnlich trockenen Frühjahr. Bundesweit fielen nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes rund 126 Liter pro Quadratmeter, nur etwa 68 Prozent des Mittels der Jahre 1961 bis 1990. In Bayern war es laut DWD das trockenste Frühjahr seit Beginn der Aufzeichnungen vor mehr als 140 Jahren.

Am 14. August 2026 fiel der Pegel Kaub mit acht Zentimetern erstmals auf einen einstelligen Wert. Der bisherige Tiefstand aus dem Dürrejahr 2018 hatte bei 25 Zentimetern gelegen. Am 25. September sank der Pegel auf zwei Zentimeter, fünf Zentimeter unter dem bisherigen Tiefstwert vom 17. August. Frachtschiffe können laut ZDF nur noch mit deutlich eingeschränkter Ladung fahren. Auch Elbe und Donau führten im September kritisch wenig Wasser, die Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) sprach von nahezu erschöpften Speicherreserven.

Unter der Oberfläche sieht es nicht besser aus. Seit Juli betreibt die BfG das Niedrigwasserinformationssystem NIWIS, das Messstellen den Klassen niedrig, sehr niedrig und extrem niedrig zuordnet. Anfang September galten dort laut einem Bericht der Graswurzelrevolution 156 von 288 Grundwassermessstellen als niedrig, sehr niedrig oder extrem.

Das Defizit ist älter als dieser Sommer. Ende 2025 fehlten Deutschland nach Berechnungen des Helmholtz-Zentrums für Geoforschung (GFZ) rund 25 Milliarden Tonnen Wasser gegenüber dem langjährigen Sollwert. Eine Studie der Initiative World Weather Attribution vom Juli 2026 kam zu dem Ergebnis, dass landwirtschaftliche Bodendürren in Westeuropa etwa fünfmal wahrscheinlicher geworden sind als vor der Industrialisierung. In Osteuropa, wo die Trockenheit seit sechs Monaten anhielt, sei die Bodendürre etwa elfmal wahrscheinlicher.

Wer wie viel pumpt, weiß niemand genau

Für die Landwirtschaft ist Grundwasser ein Produktionsfaktor und ihr Bedarf schwankt mit dem Wetter. 2010 entnahm sie nach Daten des Statistischen Bundesamts 339 Millionen Kubikmeter Wasser für die Bewässerung, im Dürrejahr 2018 waren es 707 Millionen Kubikmeter, mehr als das Doppelte. Laut Agrarstrukturerhebung wurden 2022 rund 554.000 Hektar mit 431,1 Millionen Kubikmetern bewässert. 2009 waren es noch 372.700 Hektar und 293,3 Millionen Kubikmeter. Für 2026 gibt es noch keine Zahlen.

Wie belastbar solche Werte sind, ist offen. Correctiv berichtete, dass die Daten zur Landwirtschaft auf Selbstauskünften der Unternehmen beruhen. Der Forscher Felix Klickermann vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) sagte damals, in mehreren Wasserbehörden herrsche Überlastung. Bei einigen Behörden gebe es Hinweise auf eine hohe Dunkelziffer bei den Grundwasserentnahmen, einzelne Zufallskontrollen hätten mehrere illegale Brunnen zutage gebracht.

Die BUND-ISOE-Studie beschreibt dieselbe Lücke aus Sicht der Wissenschaft. Die amtliche Wasserstatistik werde nur alle drei Jahre erhoben, sektorale Daten zu nichtöffentlichen Entnahmen seien nur bis 2004 veröffentlicht. Für die Beregnung mussten die Autorinnen und Autoren auf einen modellierten Bewässerungsbedarf zurückgreifen. Sie fordern deshalb eine systematische Erhebung der Grundwassernutzung auf Kreisebene. Rechtlich ist der Rahmen dagegen klar: Wer Grundwasser ohne die nötige Erlaubnis fördert, begeht nach § 103 Wasserhaushaltsgesetz eine Ordnungswidrigkeit, die mit bis zu 50.000 Euro geahndet werden kann. Abschrecken kann das nur, wenn jemand kontrolliert.

Wie groß der Druck ist, zeigt die Studie selbst. Sie stuft 201 von 401 Landkreisen und kreisfreien Städten als potenziell grundwassergestresst ein. In 141 Kreisen übersteigen die Entnahmen 20 Prozent der langjährigen Grundwasserneubildung, in 94 Kreisen sinken die Grundwasserstände deutlich. Die Landwirtschaft ist dabei nicht der Hauptverursacher: In den meisten gestressten Regionen überwiegen laut Studie die öffentlichen Entnahmen für die Trinkwasserversorgung, Gewerbe, Bergbau und Landwirtschaft spielen aber eine bedeutende Rolle. BUND-Geschäftsführerin Verena Graichen sagte bei der Vorstellung: "Deutschland verliert Wasser. Unsere Studie belegt, dass Grundwasserstress kein regionales Randproblem mehr ist."

Der Deutsche Bauernverband setzt andere Prioritäten. Zum Ernteauftakt Anfang Juli verlangte Präsident Joachim Rukwied niedrigere Energiekosten, bezahlbaren Stickstoffdünger und weniger Bürokratie: "Wir brauchen verlässliche Rahmenbedingungen statt immer neuer Auflagen." Zugleich greifen die Behörden zu Verboten. Bis Mitte August hatten über 80 Landkreise, Städte und Wasserversorger die Wasserentnahme eingeschränkt, etwa aus Flüssen, Bächen und Seen. Ob sich Betriebe an ihre Genehmigungen halten, lässt sich ohne Messdaten kaum feststellen. Kontrolle setzt Messung voraus.

Wer die Rechnung bezahlt

Die Dürre kostet auch die öffentliche Wasserversorgung. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) und der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) beziffern in einer gemeinsamen Pilotstudie vom November 2025 den zusätzlichen, klimabedingten Investitionsbedarf auf 3,2 bis 13,5 Milliarden Euro in den nächsten zehn Jahren.

Dazu kommt die Qualität. In landwirtschaftlich geprägten Gebieten lag der Nitratgehalt laut Umweltbundesamt im Zeitraum 2020 bis 2022 an 25,6 Prozent der Messstellen über dem Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter. Im EU-Messnetz waren es 2024 rund 15,7 Prozent der 1.147 Messstellen. Nitrat ist laut UBA die häufigste Ursache dafür, dass Grundwasserkörper in einem schlechten chemischen Zustand sind.

Die Kommunen wollen mehr Transparenz. Der Deutsche Städtetag forderte im Januar 2024 im Wasserhaushaltsgesetz genehmigungspflichtige Schwellenwerte für Entnahmen. Vizepräsidentin Katja Dörner, Oberbürgermeisterin von Bonn, begründete das so: "Damit würden die Städte vor Ort überhaupt erst einmal einen Überblick über die entnommenen Wassermengen bekommen." Außerdem verlangt der Städtetag bundesweit einheitliche Entnahmeentgelte für gewerbliche, industrielle und landwirtschaftliche Nutzung, die einen Anreiz zum Wassersparen setzen sollen. Bislang gibt es laut BUND-ISOE-Studie nicht in allen Bundesländern Wasserentnahmeentgelte und die bestehenden unterscheiden sich stark.

Technisch ließe sich sparsamer wirtschaften. Die Wageningen University verweist darauf, dass moderne Gewächshäuser Wasser und Nährstoffe bereits im Kreislauf führen. Auch in Deutschland wächst die effizientere Technik: Die Zahl der Betriebe mit Tröpfchenbewässerung stieg laut Statistischem Bundesamt von 3.178 im Jahr 2009 auf 5.660 im Jahr 2022.

Die EU-Frist 2027 und eine Bilanz von gestern

Die Bundesregierung hat am 15. März 2023 eine Nationale Wasserstrategie beschlossen. Ihr Aktionsprogramm enthält 78 Maßnahmen, die schrittweise bis 2030 ergriffen werden sollen, darunter die Aktion, Wasserentnahmeentgelte weiterzuentwickeln und bundesweit einzuführen. Die Strategie selbst hält fest, dass für die Umsetzung weitere Abstimmungen über Prioritäten, Verantwortlichkeiten und Finanzierung zwischen Bund, Ländern und Kommunen nötig sind. Sie ist ein Kabinettsbeschluss, kein Gesetz.

Parallel läuft eine EU-Frist. Die Wasserrahmenrichtlinie verlangt einen guten Zustand der Gewässer, nach zwei möglichen Verlängerungen um je sechs Jahre endet die letzte Frist 2027. Beim Grundwasser sieht die offizielle Bilanz gut aus: Laut Umweltbundesamt verfehlen nur 62 von 1.291 Grundwasserkörpern den guten mengenmäßigen Zustand, meist als Folge des Braunkohlebergbaus oder wegen eindringenden Salzwassers an der Ostsee. Diese Bewertung stammt jedoch aus den Bewirtschaftungsplänen 2021 und 2022. Das Defizit von Ende 2025, den Dürresommer 2026 und die Befunde der BUND-ISOE-Studie auf Kreisebene bildet sie nicht ab.

Am Rhein könnten für die erste Oktoberwoche angesagte Niederschläge laut ZDF vorübergehend etwas Entlastung bringen, eine nachhaltige Entspannung sah die BfG zuletzt nicht. Das Grundwasser reagiert noch langsamer. In 141 Landkreisen liegen die Entnahmen laut BUND-ISOE-Studie schon im langjährigen Mittel über der Schwelle von 20 Prozent der Neubildung. Ob die Länder aus dem Dürrejahr Messpflichten, Meldepflichten und Entnahmeentgelte ableiten oder bei Notfallverboten bleiben, entscheidet sich in den Landesparlamenten und Wasserbehörden, nicht am Pegel Kaub.

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