Sachsen-Anhalt: Linke bietet CDU Duldung an
Politik

Sachsen-Anhalt: Linke bietet CDU Duldung an

Linken-Bundesvorsitzender Luigi Pantisano hat im ZDF-Sommerinterview eine Unterstützung für CDU-Ministerpräsident Sven Schulze nicht ausgeschlossen und damit 28 Tage vor der Sachsen-Anhalt-Wahl das Dilemma der Union öffentlich gemacht. Die CDU lehnt ab, aber die Koalitionsarithmetik lässt kaum eine andere demokratische Option.

Quellen (10)
  1. ZDF Berlin direkt – Sommerinterview Pantisanozdfheute.de
  2. ZDF heute – Pantisano schließt CDU-Unterstützung nicht auszdfheute.de
  3. Tagesspiegel – Pantisano Unterstützung CDU Sachsen-Anhalttagesspiegel.de
  4. ZEIT Online – Pantisano, Schulze, CDU, AfDzeit.de
  5. Rhein-Zeitung – Linken-Chef schließt Unterstützung nicht ausrhein-zeitung.de
  6. t-online – Linken-Chef CDU Sachsen-Anhaltt-online.de
  7. Wirtschaftswoche – Wahl Sachsen-Anhalt CDU Linkewiwo.de
  8. Wahlrecht.de – Umfragen Sachsen-Anhalt 2026wahlrecht.de
  9. Statistiken-aktuell – Sachsen-Anhalt Wahlumfragen 2026statistiken-aktuell.de
  10. t-online – Pantisano: Meine Aussage war falscht-online.de
9. August 2026, 21:39 Uhr1012 Wörter · 6 Min. Lesezeit

Im ZDF-Sommerinterview „Berlin direkt“ brauchte Linken-Bundesvorsitzender Luigi Pantisano am Sonntag nur einen Satz, um die Sachsen-Anhalt-Wahl neu zu definieren. Er schließe nicht aus, CDU-Ministerpräsident Sven Schulze nach dem 6. September zu unterstützen, um eine AfD-Regierung zu verhindern. „Wir haben in den letzten Jahren als Linke gezeigt, dass wir Verantwortung für dieses Land übernehmen“, sagte Pantisano. Die CDU lehnte prompt ab. Die Koalitionsmathematik sagt etwas anderes.

Die Arithmetik, die das Angebot erzwingt

Laut aktuellen Umfragen von INSA (Juli 2026) liegt die AfD in Sachsen-Anhalt bei rund 41,5 Prozent, die CDU bei 25, die Linkspartei bei 12,5 und die SPD bei 6,5 Prozent. Grüne, BSW und FDP befinden sich nach übereinstimmenden Erhebungen unter der Fünf-Prozent-Hürde und werden den Landtag am 6. September aller Voraussicht nach nicht erreichen.

Gerechnet auf den 97-köpfigen Landtag ergibt das eine Mehrheitsschwelle von 49 Sitzen. CDU, Linkspartei und SPD kämen zusammen auf ungefähr 50 Sitze. Das ist die einzige demokratische Mehrheitsformel, die sich aus den Umfragen ableiten lässt und sie ist hauchdünn. CDU und Linkspartei allein reichen nicht aus. Ohne SPD im Landtag gibt es rechnerisch gar keine demokratische Mehrheit gegen die AfD.

Das Angebot von Pantisano kommt deshalb nicht aus dem Nichts. Es ist die öffentliche Benennung einer Lage, die intern seit Wochen diskutiert wird. Schulze selbst hatte im Juni erklärt, er schließe keine Linkspartei-Minister ein, nicht aber eine Tolerierung seiner Regierung. Das ist die Sprachregelung, die das Sachsen-Modell ermöglicht.

Was Pantisano bezweckt und was Schulze antwortet

Pantisanos Angebot ist nicht selbstlos. Die Linkspartei kämpft seit dem Absturz bei der Bundestagswahl 2025 um ihre politische Relevanz, insbesondere im Osten. Mit einer öffentlichen Kooperationsofferte vier Wochen vor der Wahl demonstriert Pantisano Pragmatismus und Staatstragung, zwei Eigenschaften, die linke Parteien in ostdeutschen Ländern als Überlebenskapital benötigen.

Zugleich richtet sich das Angebot an Wählerinnen und Wähler, die AfD-Regierung fürchten: Eine Stimme für die Linkspartei ist, sofern sie über fünf Prozent bleibt, eine Stimme, die einen CDU-Ministerpräsidenten möglich macht. Pantisano stellt Schulze dabei eine direkte Frage: „Ob Schulze bereit ist, nach der Wahl Verantwortung zu übernehmen.“ Die Antwort der CDU beschränkt sich auf die Wiederholung des bekannten Ausschlusses, ohne auf die konkrete Arithmetik einzugehen.

Kritik kommt auch von Seiten der Demokratiebewegung: Die Grünen in Sachsen-Anhalt, die selbst um den Einzug in den Landtag bangen, sehen in Pantisanos Vorstoß einen strategischen Zug ohne inhaltliche Substanz. Tatsächlich hat die Linkspartei in keinem der bisher diskutierten Szenarien ein konkretes Programm für die Tolerierung formuliert.

Das Sachsen-Modell und der Bundesbeschluss

Die Union hat sich durch einen Bundesparteitagsbeschluss auf keine Koalitionen oder ähnliche Formen der Zusammenarbeit mit AfD und Linkspartei verpflichtet. In der Praxis ist diese Linie bereits variabel: In Sachsen führt die CDU seit Dezember 2024 eine Minderheitsregierung mit der SPD, die Linkspartei stimmt von Fall zu Fall für Regierungsvorhaben, ohne formell beteiligt zu sein. Keine Linke-Minister, kein Koalitionsvertrag, aber faktische Duldung.

CDU-Bundesparteiinterne Juristen haben das Sachsen-Modell als vereinbar mit dem Beschluss eingestuft, weil es keine institutionelle Zusammenarbeit darstelle. Kanzler Friedrich Merz hat eine Minderheitsregierung für seine Bundesebene ausgeschlossen, ohne den Ländern eine verbindliche Interpretation für ihre Situation vorzugeben. Der Bundesvorstand hat das Sachsen-Modell bis heute weder formell gebilligt noch untersagt.

Der Unterschied zur jetzigen Lage in Sachsen-Anhalt: Dort gibt es das öffentliche Angebot bereits vor der Wahl. Das erzeugt Druck auf Schulze, sich vor dem Urnengang zu positionieren, nicht erst danach. Er weicht dieser Positionierung bisher aus.

28 Tage bis zum Ergebnis, dann Wochen ohne Antwort

Was nach dem 6. September passiert, hängt von drei Variablen ab. Erstens: Schafft die SPD bei 6,5 Prozent in den Umfragen die Fünf-Prozent-Hürde? Das ist wahrscheinlich, aber kein Selbstläufer. Zweitens: Hält Schulze an seiner öffentlichen Ablehnung fest, wenn das amtliche Ergebnis eine demokratische Mehrheit ohne Linkspartei als mathematisch unmöglich ausweist? Drittens: Versucht die AfD bei rund 47 Mandaten, selbst eine Regierung zu stellen?

Für Wählerinnen und Wähler bedeutet die Lage konkret: Wer AfD-Regierung verhindern will, braucht entweder CDU plus Linkspartei in irgendeiner Form der Zusammenarbeit oder macht SPD und Linke stark genug, dass sie zusammen zählen. Neuwahlen würden bei einer AfD auf 42 Prozent die Ausgangslage kaum verbessern. Pantisano hat das als erster laut gesagt. Die CDU muss das früher oder später beantworten.

Update 11. August, 19:10 Uhr: Pantisano räumte im selben ZDF-Sommerinterview eine frühere Äußerung als falsch ein: Er habe die Unionspolitik als faschistisch bezeichnet, was eine falsche Aussage gewesen sei und habe sich dafür entschuldigt. ZDF-Moderatorin Diana Zimmermann hatte ihn damit direkt konfrontiert. CDU-Fraktionsvorsitzender Guido Heuer lehnte Koalition oder Zusammenarbeit in Sachsen-Anhalt ab, schloss eine CDU-Minderheitsregierung als Option jedoch nicht ausdrücklich aus. Parlamentarischer Geschäftsführer Andreas Schumann warnte, die Linkspartei könnte Bedingungen knüpfen, „die Sachsen-Anhalt teuer zu stehen kämen“. Beide CDU-Reaktionen bestätigen das im Artikel beschriebene Muster: Die Brandmauer wird verbal bekräftigt, das Sachsen-Modell einer faktischen Duldung inhaltlich aber nicht ausgeschlossen.

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