
Nord-Stream-Prozess gegen Ukrainer startet in Hamburg
Quellen (15)
- Ukrainian ex-officer goes on trial in Germany over Nord Stream blasts | Courts News | Al Jazeeraaljazeera.com
- Hanseatisches Oberlandesgericht: Anklage wegen der Sprengung der Nord-Stream-Gaspipelines zur Hauptverhandlung zugelassen und Akkreditierungsverfahren angeordnetjustiz.hamburg.de
- Der Generalbundesanwalt - Homepage - Anklage wegen der Sprengung der Nord-Stream-Gaspipelines erhobengeneralbundesanwalt.de
- Hauptverfahren zu Nord-Stream-Anschlägen eröffnetlto.de
- Nord-Stream-Prozess: Gazprom-Töchter keine Nebenklägerlto.de
- Nebenklagen im Verfahren um die Sprengung der Nord Stream Pipelines nicht zu gelassenjustiz.hamburg.de
- Nord-Stream-Prozess: Telefonate und Daten in der Anklagems-aktuell.de
- Nord-Stream-Sabotage: In Hamburg beginnt der Prozess gegen einen Ukrainernzz.ch
- Serhii K. im Nord-Stream-Prozess: Held oder Kriegsverbrecher?zdfheute.de
- Ukraine-Hilfen: Wie der Nord-Stream-Prozess die Stimmung verändern könnte | tagesschau.detagesschau.de
- Der Generalbundesanwalt - Recent Press Releases - Indictment Filed Regarding the Nord Stream Gas Pipelines Explosionsgeneralbundesanwalt.de
- Hamburg - Prozess um Anschläge auf Nord-Stream-Pipeline beginntdeutschlandfunk.de
- Ukraine-Krieg: Prozess gegen den mutmaÃlichen Nord-Stream-Saboteur beginnthandelsblatt.com
- Nord-Stream-Prozess gegen Serhii K.: Eine Anklage mit Sprengkraftzdfheute.de
- Nord-Stream-Sabotage: Ukrainischer Verdächtiger war wohl in Spezialeinheitt-online.de
Angeklagt ist der nach deutschen Datenschutzregeln nur als Serhii K. bezeichnete Mann.
Was dem Angeklagten vorgeworfen wird
Der Staatsschutzsenat des Gerichts sieht Serhii K. nach vorläufiger Bewertung als Mittäter eines Kriegsverbrechens durch den Angriff gegen zivile Objekte hinreichend verdächtig, außerdem des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion, der Zerstörung von Bauwerken und der Störung öffentlicher Betriebe. Nach der vom Generalbundesanwalt wiedergegebenen Anklage war er im Jahr 2022 Offizier der ukrainischen Armee und entwickelte nach Beginn des russischen Angriffskriegs Ende Februar 2022 gemeinsam mit weiteren Militärangehörigen im Auftrag staatlicher Stellen in der Ukraine den Plan, die von Russland durch die Ostsee nach Lubmin in Deutschland verlaufenden Leitungen Nord Stream 1 und Nord Stream 2 zu zerstören. Die ukrainischen staatlichen Stellen, die den Auftrag erteilt haben sollen, werden im Bericht von Al Jazeera nicht identifiziert. Ziel sei gewesen, dauerhaft Gaslieferungen über die Pipelines zu unterbinden und zu verhindern, dass Russland die Einnahmen aus dem Erdgashandel zur Finanzierung seiner Kriegsführung nutzt. Zur Umsetzung soll laut Anklage eine Gruppe aus mehreren Berufstauchern, einem Skipper und einem Sprengstoffexperten unter Führung von Serhii K. gebildet worden sein; er reiste am 4. September 2022 mit einem gefälschten ukrainischen Reisepass über Polen nach Deutschland ein und ging an Bord einer zuvor über Mittelsmänner bei einem Unternehmen in Rostock gecharterten Segelyacht. Mit dem Boot transportierte die Gruppe militärisch verwendbaren Hochleistungssprengstoff bis in die Nähe der dänischen Insel Bornholm, wo sie bis zum 22. September 2022 Sprengsätze mit Zeitzündern an den Gasleitungen auf dem Meeresgrund anbrachte; die Sprengsätze detonierten am 26. September 2022 und beschädigten beide Pipelines schwer. Vor dem Vorfall war durch Nord Stream 1 nach Angaben der Bundesanwaltschaft etwa die Hälfte des in Deutschland zur Energiegewinnung benötigten Jahresbedarfs an Erdgas geleitet worden. Nord Stream 2 war laut Al Jazeera nie in Betrieb gegangen; Moskau hatte bereits vor dem Anschlag als Reaktion auf europäische Sanktionen Lieferungen eingeschränkt.
Festnahme in Italien, Anklage im Sommer
Serhii K. wurde am 21. August 2025 aufgrund eines Europäischen Haftbefehls von italienischen Beamten in der Provinz Rimini festgenommen und im November 2025 nach Deutschland überstellt. Die Bundesanwaltschaft erhob am 30. Juni 2026 vor dem Staatsschutzsenat Anklage gegen ihn. Laut LTO wurde der mutmaßliche Drahtzieher Ende August 2025 während eines Urlaubs mit seiner Familie an der Adriaküste gefasst und wehrte sich über Monate gegen seine Auslieferung.
Pipelinebetreiberinnen bleiben ohne Nebenklage
Die Betreiberinnen hatten sich auf die Eingriffsintensität der vorgeworfenen Straftaten, eine akute Beweisnot und den völkerrechtlichen Schutzstatus unterseeischer Gasleitungen berufen und erklärt, sie müssten sich gegen wiederkehrende öffentliche Schuldzuweisungen wehren. Der Strafsenat sah dagegen keinen wirtschaftlichen Totalschaden: Der Wiederherstellungsaufwand werde mit mittleren dreistelligen Millionenbeträgen angegeben, während sich der ursprüngliche Herstellungsaufwand auf insgesamt 7,4 beziehungsweise 9,5 Milliarden Euro belaufen habe; die darüber hinausgehenden wirtschaftlichen Folgen bewertete das Gericht als Reaktion auf die russische Militärintervention in der Ukraine, nicht als Folge der Sprengung. In Schriftsätzen hatte die Verteidigung Gazprom zudem vorgeworfen, an Kriegshandlungen beteiligte bewaffnete paramilitärische Einheiten zu unterhalten und zu finanzieren; das Gericht wertete dies nicht als Schuldzuweisung für die Tat. Eine Stellungnahme von Gazprom zu diesem Vorwurf findet sich in den ausgewerteten Quellen nicht. Die Entscheidung über die Nebenklage ist laut LTO unanfechtbar, den Betreiberinnen bleibt der Weg zum Bundesverfassungsgericht; bei veränderter Sachlage im Verlauf der Hauptverhandlung können sie laut Gericht auch erneut ihre Zulassung als Nebenklägerinnen beantragen.
Verteidigung bestreitet unmittelbaren Beweis
Serhii K.s Verteidiger Jes Meyer-Lohkamp erklärte laut NZZ, sein Mandant habe keine Aussagegenehmigung seiner Vorgesetzten und könne sich deshalb nicht äußern oder verteidigen; die Verteidigung strebe eine Einstellung des Verfahrens an. Gegenüber ZDF frontal erklärte sein Anwalt Nicola Canestrini laut ZDFheute, K. habe gesagt, er habe damit nichts zu tun und sei zum Zeitpunkt der Sprengung in der Ukraine gewesen. Dem Sender ARD sagte Meyer-Lohkamp laut ms-aktuell, es gebe aus seiner Sicht keinen unmittelbaren Beweis für eine Beteiligung seines Mandanten an der Sprengung. Laut NZZ hält Meyer-Lohkamp es für eine zentrale Frage des Prozesses, ob eine Pipeline unter Umständen ein legitimes Kriegsziel sein kann, auch weil sie mehrheitlich dem russischen Staatskonzern Gazprom gehöre und Söldnereinheiten von Gazprom in der Ukraine gekämpft hätten.
Ukraine weist Beteiligung zurück
Die ukrainische Regierung weist jede Beteiligung zurück, wie Al Jazeera berichtet. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte zuletzt Ende August, die Ukraine habe weder mit der Planung noch mit der Umsetzung etwas zu tun, wie die NZZ berichtet. Der frühere Kanzleramtschef Wolfgang Schmidt hält dies laut ZDFheute für glaubwürdig und erklärte, er habe keinerlei Hinweise, dass die Sprengung vom Präsidenten oder aus dessen Umfeld angeordnet, gesteuert oder gewusst worden sei.
Belastungstest für die Ukrainehilfe in Berlin
Der Prozess wirkt auch in die deutsche Innenpolitik: Laut tagesschau fordern AfD und BSW einen Stopp der milliardenschweren Ukraineunterstützung sowie Schadenersatz und Strafmaßnahmen gegen die Ukraine. Die AfD argumentiert, das Geld werde in Deutschland für Schulen, Infrastruktur und Sozialkassen benötigt und solle nicht in ein Land fließen, das nach Überzeugung der Partei durch die Sprengung der Pipelines für erheblichen wirtschaftlichen Schaden gesorgt habe. Die außenpolitische Sprecherin der Grünenfraktion, Deborah Düring, erklärte, AfD und BSW nutzten jede Möglichkeit, scheinbare Skandale hochzuziehen, um die Ukraineunterstützung infrage zu stellen. Der SPD-Abgeordnete Daniel Baldy verweist dagegen darauf, dass es Russland war, das den Krieg gegen die Ukraine begonnen habe und warnt, eine Verweigerung der Unterstützung spiele Putin in die Karten.
Unschuldsvermutung bis zum Urteil
Das Hamburger Verfahren richtet sich zunächst gegen einen einzelnen Angeklagten und ist nach Angaben von ms-aktuell kein Strafprozess gegen den ukrainischen Staat oder seine politische Führung; eine abschließende gerichtliche Feststellung über eine Beteiligung ukrainischer Behörden gibt es bislang nicht. Für Serhii K. gilt bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung, auch wenn sich der Prozess laut Al Jazeera bis in den Februar des folgenden Jahres hinziehen könnte.
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