Mali unter Beschuss: Verteidigungsminister getötet
Malis Verteidigungsminister General Sadio Camara ist am Samstag bei einem Selbstmordanschlag auf sein Haus in Kati getötet worden. Zusammen mit ihm starben seine zweite Frau und zwei Enkelkinder, als ein Attentäter ein Auto in seine Residenz fuhr. Zum selben Zeitpunkt wurden Bamakos internationaler Flughafen, fünf weitere Städte und das Haus von Juntachef General Assimi Goïta angegriffen. Die Offensive gilt als der koordinierteste und schwerste Angriff auf die malische Hauptstadt seit 2012. Hinter dem Anschlag steht ein Bündnis zweier Gruppen, die sich historisch bekämpft haben.
Was in der Nacht zum Samstag passierte
Kurz vor 5:20 Uhr Ortszeit begannen gleichzeitig Explosionen und schweres Gewehrfeuer in Kati, dem Hauptmilitärstützpunkt am Rand von Bamako. Zeitgleich meldeten Gao, Sévaré, Kidal und Mopti Beschuss. In Bamako selbst wurden Schüsse und Explosionen nahe dem Flughafen gemeldet, der für den Flugbetrieb gesperrt wurde. Die US-Botschaft forderte amerikanische Staatsbürger auf, sich nicht von zu Hause wegzubewegen. Kämpfe dauerten bis zum Folgetag an.
Jama'at Nusrat al-Islam wal-Muslimin (JNIM), der Al-Qaida-Ableger in der Sahelzone, bekannte sich zu dem Angriff und benannte konkrete Ziele: die Häuser von Goïta und Camara, den Flughafen und Militäranlagen landesweit. Die Azawad-Befreiungsfront (FLA), der Zusammenschluss tuaregischer Separatistengruppen im Norden Malis, bestätigte ihre Beteiligung und erklärte, sie habe Kidal vollständig eingenommen. In Gao dauerten die Kämpfe noch an, die Juntaregierung bestand in ihrer Kommunikation auf dem Standardsatz, die Lage sei „unter Kontrolle“.
Zwei alte Feinde, ein gemeinsamer Angriff
Was diesen Angriff von früheren Offensiven unterscheidet, ist das Bündnis: JNIM und die Tuaregseparatisten der FLA sind historisch Antagonisten. 2012 hatten tuaregische Rebellen zunächst mit Dschihadisten zusammengearbeitet, um Nordmali zu überrennen. Nach dem gemeinsamen Sieg drängten die Dschihadisten die Tuareg beiseite und verfolgten ihre eigene Agenda. Diese Erfahrung ließ seither kaum echte Kooperation zwischen beiden Gruppen zu. Dass sie nun wieder gemeinsam agieren, beide in Siegerstatements die gegenseitige Zusammenarbeit feiern und konkrete Stellungen gemeinsam besetzen, markiert eine strategische Neuausrichtung im Sahelkonflikt.
JNIM wurde 2017 gegründet und operiert heute in Mali, Burkina Faso und Niger. Die Gruppe ist die schlagkräftigste dschihadistische Organisation in Westafrika. Die FLA vertritt tuaregische und arabische Gruppen, die seit Jahrzehnten für einen eigenständigen Azawad-Staat im Norden Malis kämpfen. Ihr gemeinsamer Feind: die Militärjunta und die russischen Söldner, die sie stützen.
Africa Corps kann die Junta nicht schützen
Die Africa Corps, Nachfolgeorganisation der Wagner-Gruppe unter direkter Kontrolle des russischen Verteidigungsministeriums, kämpfte nach Angaben mehrerer Quellen in Bamako und weiteren Städten an der Seite malischer Truppen. Das reichte nicht aus, um den Anschlag auf den Verteidigungsminister zu verhindern. In Kidal, das Malis Armee gemeinsam mit den damaligen Wagner-Kräften im November 2023 zurückerobert hatte, verhandelten die Africa Corps laut France 24 über ihren Rückzug unter Begleitung der Rebellen. Die Söldner, die Mali beschützen sollen, mussten sich von den Angreifern eskortieren lassen.
Camara galt als enger Vertrauter Goïtas und als möglicher zukünftiger Anführer der Junta. Sein Tod ist nicht nur ein militärischer Verlust, sondern das Ende des innersten Sicherheitskabinetts. Goïta hatte bis Sonntagabend keine öffentliche Stellungnahme abgegeben. Mehreren Berichten zufolge hatte er sich in Sicherheit gebracht.
Der Sahel ohne westliche Präsenz
Mali hat seit 2021 systematisch westliche Präsenz aus dem Land entfernt: der Rauswurf der französischen Truppen 2022, die Beendigung des EU-Ausbildungsmandats EUTM Mali 2023, die Schließung der UN-Friedensmission MINUSMA, die mit rund 12.000 Soldaten die damals zweitgrößte Blauhelmmission weltweit war. Der Austausch durch russische Söldner wurde als Befreiung von kolonialen Strukturen verkauft. Was die Angriffe vom Wochenende zeigen: Der Tausch hat das Land militärisch geschwächt. Die Africa Corps sind weder zahlreich genug noch strategisch ausreichend positioniert, um als flächendeckende Schutzgarde für ein Flächenland von der Größe Westeuropas zu funktionieren.
Die Afrikanische Union, die Organisation für Islamische Zusammenarbeit und das US-Außenministerium verurteilten die Angriffe. Konkrete Unterstützungsangebote blieben aus. ECOWAS, die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft, hatte Mali nach den Putschen von 2020 und 2021 suspendiert. Niger und Burkina Faso, Malis Nachbarn unter ebenfalls russlandnahen Junten, kämpfen selbst mit massiven JNIM-Angriffen.
Was als Nächstes entschieden wird
Die entscheidende Frage ist, ob Goïta politisch überlebt. Er verlor seinen wichtigsten militärischen Verbündeten und den wichtigsten Beweis seiner Sicherheitspolitik: Kidal, das 2023 als Symbol des Sieges gegen die Separatisten galt, ist gefallen. Die Junta muss nun entscheiden, ob sie auf weitere russische Verstärkung wartet, die Zeit braucht und keine Garantie bietet oder ob sie andere Optionen erschließt. Gespräche mit der FLA erscheinen nach dem Angriff politisch kaum durchsetzbar, strategisch aber vielleicht notwendig.
ECOWAS-Mitglieder und die Afrikanische Union werden am Montag beraten, ob eine Koordination der Reaktion möglich ist. Für die Sahelregion ist der Angriff ein Präzedenzfall: Wenn die Koalition von JNIM und FLA zusammenhält, stehen nicht nur Mali, sondern auch Burkina Faso und Niger vor einem koordinierten dschihadistisch-separatistischen Bündnis, auf das keine der drei Junten allein eine Antwort hat.