IWF und Weltbank in Washington: Zwischen Schadensrechnung und Notfallplan
Heute beginnt in Washington die Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank. Vier Tage lang beraten dort Finanzminister, Zentralbankchefs und Entwicklungsökonomen über die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Krieges. Das Ergebnis dieser Tagung wird bestimmen, wie viel Geld in welche Länder fließt und wie ehrlich die internationalen Institutionen über das Ausmaß des Schadens sprechen.
Was auf dem Tisch liegt
IWF-Chefin Kristalina Georgiewa hat die Lage vor der Tagung ungewöhnlich klar umrissen. „Alle Wege führen zu höheren Preisen“, sagte sie. Und: „Selbst unser optimistischstes Szenario beinhaltet eine Wachstumskorrektur nach unten.“ Das ist die offizielle Sprache internationaler Institutionen für: Es gibt kein gutes Szenario mehr, nur noch unterschiedlich schlechte.
Konkret bedeutet das: Der IWF wird auf der Tagung seine Wachstumsprognosen für die Weltwirtschaft senken. Wie stark, hängt davon ab, ob die Waffenruhe hält. Für Deutschland rechnen die führenden Forschungsinstitute nur noch mit 0,6 Prozent Wachstum in diesem Jahr, nach ursprünglich prognostizierten 1,3 Prozent. Die OECD hat ihre globale Prognose bereits auf 2,9 Prozent gesenkt.
Besonders hart trifft es den Nahen Osten. Die Weltbank geht für die Region (ohne Iran) von einem Wachstum von nur noch 1,8 Prozent in 2026 aus. Vor dem Krieg lag die Prognose um 2,4 Prozentpunkte höher. Für Schwellenländer und Entwicklungsökonomien insgesamt prognostiziert die Weltbank 3,65 Prozent Wachstum, im schlimmsten Fall nur 2,6 Prozent.
Der Notfallplan
Parallel zu den Prognosen legen IWF und Weltbank ihre Krisenkredite auf den Tisch. Georgiewa beziffert den kurzfristigen Bedarf an Notfallzahlungsbilanzhilfen auf 20 bis 50 Milliarden US-Dollar. Die untere Grenze gilt, wenn die Waffenruhe hält. Die Weltbank ergänzt das um bis zu 25 Milliarden Dollar über ihre Krisenmechanismen kurzfristig und bis zu 70 Milliarden Dollar innerhalb von sechs Monaten, falls nötig.
Diese Zahlen sind keine Hilfszusagen, sondern Kapazitätsaussagen. Sie beschreiben, was die Institutionen mobilisieren könnten, nicht was bereits beschlossen ist. Wer konkret wie viel bekommt, entscheidet sich in den Verhandlungen dieser Woche.
Eine Koalition ohne Präzedenzfall
Das institutionell Ungewöhnlichste an dieser Tagung ist nicht die Größe der Hilfspakete, sondern die Koordinierungsgruppe, die IWF, Weltbank und die Internationale Energieagentur Anfang April gegründet haben. Drei internationale Institutionen mit unterschiedlichen Mandaten arbeiten gemeinsam an einer Krisenreaktion. Das gab es in dieser Form nicht bei der Finanzkrise 2008 und nicht während der Coronapandemie. Die IEA ist dabei, weil der Iran-Krieg die schwerste Störung der globalen Energieversorgung seit Beginn der Aufzeichnungen ausgelöst hat.
Die gemeinsame Erklärung der drei Organisationen warnt explizit: Steigende Öl-, Gas- und Düngemittelpreise sowie Transportengpässe führen zu höheren Lebensmittelpreisen. Für die Inflationsrate in Schwellenländern erwartet die Weltbank 4,9 Prozent in diesem Jahr, im schlimmsten Fall 6,7 Prozent. Das ist kein abstraktes Risiko, sondern eine konkrete Warnung an Länder, die ohnehin schon fragile Sozialsysteme haben.
Was diese Woche entschieden wird
In den nächsten vier Tagen entscheidet sich, wie glaubwürdig die internationale Gemeinschaft auf den Iran-Krieg reagiert. Werden die Kreditlinien ausreichend dotiert? Wird die Koordinierungsgruppe mit echten Befugnissen ausgestattet oder bleibt sie eine kommunikative Übung? Und vor allem: Wie ehrlich sind die veröffentlichten Prognosen, wenn politischer Druck besteht, die Lage besser darzustellen als sie ist?
Georgiewa hat mit ihrer Aussage „kein Zurück zur Normalität“ einen Maßstab gesetzt. Die Ergebnisse dieser Tagung werden zeigen, ob die Institutionen ihrer eigenen Diagnose trauen.