Windstrom auf Rekordhoch: 27 Prozent mehr als im Vorjahr
Am Ostermontag, dem 7. April 2026, zahlten Stromproduzenten in Deutschland dafür, dass jemand ihren Strom abnimmt. Der Börsenstrompreis fiel zwischenzeitlich auf minus 323,96 Euro pro Megawattstunde. Das ist kein technischer Fehler, sondern ein konkretes Ergebnis: Die Windstromerzeugung in Deutschland ist im ersten Quartal 2026 um 27 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen und hat damit die Kapazitäten erreicht, bei denen das Netz an Grenztagen an seine Grenzen stößt.
Was die Zahlen zeigen
Das Institut für Wettbewerbsökonomik und Regulierung (IWR) in Münster hat die Daten zum Quartalsende ausgewertet. Onshore-Windkraft wuchs um 23,1 Prozent auf 33,1 Milliarden Kilowattstunden. Offshore legte deutlich stärker zu: plus 44,8 Prozent auf 9,7 Milliarden Kilowattstunden. Zusammen ergibt das 42,8 Milliarden Kilowattstunden Windstrom in nur drei Monaten. IWR-Geschäftsführer Dr. Norbert Allnoch erklärte den Effekt: Der starke Anstieg der Windstromerzeugung habe den Strommarkt spürbar entlastet; ohne dieses Wachstum hätte Deutschland deutlich stärker auf vergleichsweise teure Gaskraftwerke zurückgreifen müssen. Der durchschnittliche Börsenstrompreis im Quartal lag bei 10,2 Cent pro Kilowattstunde, etwa neun Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.
Der Ostermontag als Extremereignis
Was am 7. April passierte, ist die Spitze dieses Trends. Hohe Windproduktion traf auf schwache Feiertagsnachfrage. Das Ergebnis: Deutschland exportierte massiv Strom ins europäische Netz, und trotzdem sank der Preis auf rekordniedrige Werte. Auch Frankreich verzeichnete negative Preise, dort mit minus 3,56 Euro pro Megawattstunde. Der Tagesschnitt in Deutschland lag bei minus 16,34 Euro pro Megawattstunde, dem niedrigsten Wert seit Juli 2023.
Negative Strompreise bedeuten technisch: Das Angebot übersteigt die Nachfrage so weit, dass das Netz stabilisiert werden muss. Für Großverbraucher wie Aluminiumschmelzen oder Chloralkalibetriebe sind solche Tage willkommen. Privathaushalte mit dynamischen Tarifen können ebenfalls profitieren. Der Regelfall sind solche Preise nicht. Aber sie kommen häufiger vor als noch vor drei Jahren, was auf eine strukturelle Verschiebung im deutschen Strommix hindeutet.
Der längere Trend dahinter
Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE hat die Volljahresdaten 2025 bereits im Januar 2026 ausgewertet. Das Ergebnis war ein Novum: Wind und Solar waren erstmals die wichtigsten Stromquellen in Deutschland. Der Anteil erneuerbarer Energien an der öffentlichen Nettostromerzeugung lag bei 55,9 Prozent. Photovoltaik überholte 2025 erstmals die Braunkohle in der Gesamtjahresbilanz.
Auf EU-Ebene ist die Verschiebung noch deutlicher sichtbar. Solarstrom produzierte 2025 insgesamt 275 Terawattstunden, Braun- und Steinkohle zusammen nur noch 243 Terawattstunden. Die CO₂-Emissionen des deutschen Strommixes lagen 2025 bei 160 Millionen Tonnen, 58 Prozent weniger als 1990.
Was den Anstieg antreibt
Die Beschleunigung hat zwei Ursachen. Erstens wurde 2025 der Zubau neuer Windturbinen auf über 5.000 Megawatt gesteigert, mehr als in den meisten Jahren zuvor. Zweitens waren die Windbedingungen im ersten Quartal 2026 überdurchschnittlich gut. Das zweite Element ist variabel. Das erste schafft strukturelle Kapazität, die auch in schwächeren Windquartalen wirkt.
Der Bundesverband WindEnergie hat für 2026 einen weiteren Rekordzubau prognostiziert, weil sich Genehmigungsverfahren durch Gesetzesänderungen der Vorgängerregierung beschleunigt haben. Ob diese Prognose eintrifft, entscheidet sich zu einem erheblichen Teil am Ausbautempo der Netzinfrastruktur: Die neuen Kapazitäten im Norden brauchen Übertragungstraßen in den Süden, und der Trassenbau hinkt dem Turbinenzubau seit Jahren hinterher.
Was als Nächstes kommt
Für das zweite Quartal 2026 erwartet das IWR einen Rückgang beim Windstromanteil, da das Frühjahr und der frühe Sommer traditionell windschwächer sind. Dafür steigt die Solarproduktion und dürfte in den Sommermonaten weitere Perioden negativer Preise erzeugen. Die nächste bundesweite Auswertung erscheint voraussichtlich im Juli 2026 als Halbjahreszwischenbilanz der erneuerbaren Erzeugung.