Trumps Pharma-Zölle: Warum die eigentliche Drohung nicht aus Washington kommt
Ab August 2026 gelten in den USA Zölle von bis zu 100 Prozent auf patentierte Arzneimittel aus dem Ausland. Die EU handelte eine Sonderrate von 15 Prozent heraus. Doch die eigentliche Drohung für die europäische Pharmaindustrie steht nicht im Zollsatz, sondern im Paragrafen dahinter: Wer eine Produktionsstätte in Amerika aufbaut, zahlt nur 20 Prozent, wer zusätzlich US-Preisabkommen unterzeichnet, gar nichts. Sechzehn Konzerne haben diesen Deal bereits gemacht.
Was Trump am 2. April unterschrieben hat
Die Executive Order vom 2. April 2026 basiert auf Section 232 des Trade Expansion Act, dem gleichen Paragrafen, mit dem Trump schon Stahl- und Aluminiumzölle verhängte. Die Wahl ist kein Zufall: Das Urteil des Supreme Court vom Februar 2026, das Trumps frühere IEEPA-Zölle für verfassungswidrig erklärt hatte, gilt für Section 232 nicht. Die neuen Pharmазölle sind rechtlich stabiler als alles, was bisher aus dem Weißen Haus kam.
Der Zollsatz von 100 Prozent gilt für patentgeschützte Markenpräparate ohne US-Produktionsnachweis. Generika, Biosimilars und Tiermedizin sind vorerst ausgenommen, sollen aber in zwölf Monaten erneut geprüft werden. Orphan Drugs für seltene Krankheiten sind befreit. Für Länder mit Handelsabkommen, darunter die gesamte EU, Japan und Südkorea, gilt eine Sonderrate von 15 Prozent. Großbritannien kommt auf 10 Prozent.
Die Onshoring-Logik
Sechzehn Großunternehmen haben bereits Vereinbarungen zur US-Produktion unterzeichnet und zahlen vorerst nur 20 Prozent. Wer zusätzlich US-Preisvereinbarungen akzeptiert, ist vollständig befreit. Auf dieser Liste stehen Pfizer, Novo Nordisk, AstraZeneca, Roche, Sanofi und das deutsche Unternehmen Böhringer Ingelheim. Für diese Konzerne hat sich die Kalkulation verschoben: Investitionen in amerikanische Produktionsanlagen sind nicht mehr optional, sondern zollpolitisch erzwungen.
Die tatsächlichen Auswirkungen auf die US-Importzahlen sind zunächst begrenzt. Die USA importierten 2024 Pharmaprodukte im Wert von 274 Milliarden Dollar, aber rund 80 Prozent kamen aus Staaten mit Sonderraten. Nur knapp 12 Milliarden Dollar der Importe werden voraussichtlich mit dem vollen Satz von 100 Prozent belegt. Der kurzfristige fiskalische Effekt ist damit überschaubar.
Die eigentliche Gefahr: der Investitionsabzug
Die Pharmaindustrie reagiert mit einer ungewöhnlichen kollektiven Warnung an die EU. Die Vorstandsvorsitzenden von AstraZeneca, Biogen, Eli Lilly, Gilead, GSK, Merck, Novartis, Novo Nordisk, Pfizer, Roche, Sanofi und weiteren Konzernen schrieben EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gemeinsam: Falls die EU nicht schnelle, radikale Reformen einleite, drohe ein Abzug von bis zu 103,2 Milliarden Euro an Pharmainvestitionen in Richtung USA bis 2029.
Han Steutel, Präsident des deutschen Verbands der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa), nannte die Maßnahmen "eine Zäsur im weltweiten Handel mit Medikamenten" und warnte, dass "dringend benötigte Investitionen am Standort Deutschland mehr denn je auf dem Prüfstand stehen". Deutschland ist einer der größten Pharmaproduzenten Europas und einer der wichtigsten Exporteure in die USA.
Mittelständler trifft es am härtesten
Wen die 100-Prozent-Zölle voll treffen, sind nicht die Konzerne, die Deals verhandeln konnten, sondern kleinere Biotechs und Spezialisten. Das US-amerikanische Think-Tank ITIF (Information Technology and Innovation Foundation) rechnet vor, dass die VC-Finanzierung für Small-Molecule-Forschung seit 2021 bereits um fast 70 Prozent gesunken ist. Klinische Studien für neue Moleküle seien um 25 Prozent zurückgegangen. ITIF-Experte Stephen Ezell warnt, die Zölle würden US-Patienten, die auf importierte Spezialmedikamente angewiesen sind, unnötig schaden, besonders bei seltenen Erkrankungen ohne US-Produktionskapazitäten.
Was als nächstes passiert
Für Großunternehmen laufen die Übergangsfristen bis August 2026, für kleine bis Oktober 2026. Die vollständigen Zollbefreiungen für Onshoring-Vereinbarungen enden automatisch am 20. Januar 2029, dem Ende von Trumps Amtszeit. Ob ein Nachfolger die Regelung fortführt, ist offen. Die EU-Kommission prüft nach eigenen Angaben Gegenmaßnahmen, hat aber noch keine konkreten Schritte angekündigt. Für die deutschen Pharmaunternehmen, die jetzt über US-Werke nachdenken, lautet die eigentliche Frage nicht ob sie investieren, sondern wann, und was danach in Deutschland übrig bleibt.