Vom Gaskonzern ins Ministerium: Elf Monate Katherina Reiche
Wer verstehen will, warum Diesel in Deutschland seit dem 1. April 2026 teurer ist als je zuvor, muss den Lebenslauf einer Frau lesen: Katherina Reiche, Jahrgang 1973, bis Januar 2025 Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG, einer E.ON-Tochter und einem der größten Gasnetzbetreiber des Landes. Seit Mai 2025 ist sie Bundesministerin für Wirtschaft und Energie. Zwischen beiden Posten lagen vier Monate. Kein Abkühlungszeitraum, keine Karenzzeit. Eine Personalie, die LobbyControl als "strukturell problematisch" und Transparency International als Paradebeispiel für die Drehtür zwischen Wirtschaft und Politik bezeichnete.
Karriere zwischen Konzern und Kabinett
Reiches Wechsel ins Ministerium war nicht ihr erster Seitenwechsel. Von 1998 bis 2015 saß sie für die CDU im Bundestag, war Parlamentarische Staatssekretärin im Umwelt- und im Verkehrsministerium. 2015 wechselte sie zur Privatwirtschaft: Hauptgeschäftsführerin des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU), der auch Gasversorgungsunternehmen vertritt. 2020 stieg sie zur Vorstandsvorsitzenden der Westenergie AG auf. Parallel leitete sie den Nationalen Wasserstoffrat der Bundesregierung, ein Beratungsgremium, das die Bundesregierung in Sachen Wasserstoffstrategie berät.
Als Friedrich Merz sie im Mai 2025 zur Wirtschaftsministerin ernannte, reagierten Lobbyorganisationen ungewohnt einhellig. Über 660.000 Menschen unterzeichneten eine Campact-Petition mit dem Titel "Lobbyministerin stoppen: Energiewende verteidigen". Christina Deckwirth von LobbyControl formulierte den Kernvorwurf: Mit Reiche werde eine Energieunternehmerin zur Energieministerin. Sie werde kaum von Entscheidungen absehen können, die ihren bisherigen Arbeitgeber berühren.
Die Lobbykontakte der ersten Wochen
Die Befürchtungen bestätigten sich schnell. Correctiv dokumentierte im Juli 2025, dass Reiche in ihren ersten zehn Amtswochen eine fossil geprägte Energiepolitik vorantrieb. Der Grünen-Abgeordnete Michael Kellner stellte parlamentarische Anfragen zu Reiches Lobbykontakten und dokumentierte zahlreiche Treffen mit Vertretern ihres früheren Arbeitgebers E.ON. Das Wirtschaftsministerium reagierte auf Transparenzanfragen zu diesen Kontakten mit einer bemerkenswerten Abwehrhaltung: Für acht getrennte Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz (IFG) verlangte es zunächst bis zu 4.000 Euro. Erst nach Androhung einer Klage durch Abgeordnetenwatch reduzierte das Ministerium die Gebühren.
Correctiv berichtete im Januar 2026 über einen weiteren Vorfall: Reiches Ministerium hatte die Abschaffung der Gasspeicherumlage vorbereitet, ohne prüfen zu lassen, ob dies mit den Klimazielen vereinbar ist. Die Umlage, finanziert aus dem Klima- und Transformationsfonds, umfasst 3,4 Milliarden Euro jährlich. Dass ausgerechnet eine ehemalige Gaskonzernchefin diese Prüfung überging, nährte den Verdacht, dass industrielle Interessen Vorrang vor Klimazielen genießen.
Die 12-Uhr-Regel: Ein Lehrstück des Scheiterns
Das sichtbarste Projekt ihrer Amtszeit ist das Kraftstoffpreisanpassungsgesetz, am 26. März 2026 vom Bundestag mit 445 gegen 138 Stimmen beschlossen. Die Kernregel: Tankstellen dürfen ihre Preise nur noch einmal täglich erhöhen, um 12 Uhr mittags. Preissenkungen bleiben jederzeit möglich. Verstöße werden mit bis zu 100.000 Euro Bußgeld geahndet. Reiche bewarb das Gesetz als Durchbruch gegen den "Raketen-und-Federn-Effekt", bei dem Preise schnell steigen, aber nur langsam fallen.
ADAC und Verbraucherzentrale Bundesverband hatten das Ergebnis vorhergesagt: Die fünf großen Mineralölkonzerne, die rund zwei Drittel des deutschen Kraftstoffmarkts kontrollieren, würden das einmalige Erhöhungszeitfenster nutzen, um antizipierte Risikozuschläge sofort einzupreisen. Genau das geschah. In den ersten sechs Tagen nach Inkrafttreten erreichten die Spritpreise täglich neue Allzeithochs. Diesel kletterte am 3. April auf 2,447 Euro pro Liter. Das war höher als der bisherige Rekord während der Ukrainekrise 2022. Super E10 stieg auf 2,09 Euro, Super E5 auf bis zu 2,24 Euro pro Liter.
Ramona Pop, Vorstand der Verbraucherzentrale Bundesverband, nannte die Regel eine "Enttäuschung". Der ADAC sprach von einem "Fehlstart der Spritpreisbremse". Im EU-Vergleich zahlen deutsche Autofahrer Spitzenpreise: Nur die Niederlande und Dänemark liegen ähnlich hoch. In Malta kostet Super E5 dagegen 1,34 Euro, in Bulgarien 1,44 Euro pro Liter.
Das österreichische Vorbild, das keines ist
Reiche berief sich bei der 12-Uhr-Regel auf das österreichische Modell, das dort seit rund 15 Jahren gilt. Was sie nicht erwähnte: Der österreichische Automobilclub ÖAMTC kritisiert dasselbe Phänomen der antizipierten Risikozuschläge auch dort. Das österreichische Parlament selbst diskutierte am 23. März 2026, drei Tage vor der deutschen Abstimmung, die Ineffektivität des Modells im Nationalrat. Deutschland übernahm also eine Regelung, deren Schwächen im Herkunftsland bereits parlamentarisch diskutiert wurden.
Der Iran-Krieg als Verstärker
Verschärft wurde die Lage durch den Iran-Krieg, der Ende Februar 2026 ausbrach. Die Blockade der Straße von Hormus trieb den Rohölpreis von etwa 72 auf zeitweise über 120 US-Dollar pro Barrel. Am 8. April 2026 trat ein zweiwöchiger Waffenstillstand in Kraft, der den Brent-Preis auf rund 92 bis 95 US-Dollar drückte, ein Rückgang von etwa 13 Prozent. Doch an deutschen Zapfsäulen kam dieser Preisverfall nicht an. Kartellamt-Präsident Andreas Mundt forderte die Tankstellen auf, die gesunkenen Rohölpreise umgehend weiterzugeben, räumte aber ein: Das Kartellamt habe "kein Instrument für schnelle Preiskorrekturen". Benzin stieg zwischen Februar und April 2026 um 14 Prozent, Diesel sogar um 30 Prozent.
Energiepolitik gegen die Energiewende
Die Spritpreise sind das öffentlich sichtbarste Problem. Weniger beachtet, aber langfristig gravierender ist Reiches Kurs in der Energiepolitik. Zwei Vorhaben stechen heraus.
Erstens: Reiche will die feste Einspeisevergütung für Photovoltaikanlagen bis 25 Kilowatt ab 2027 abschaffen. Ihr Argument: Kleine PV-Anlagen seien inzwischen wirtschaftlich tragfähig und bräuchten keine staatliche Förderung mehr. Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge nannte die Pläne einen "Solarkiller". 15 von 16 Landesenergieministern sprachen sich öffentlich für den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien aus. Reiches Ministerium plant dennoch die Reform.
Zweitens: Die Bundesregierung will zunächst 12 Gigawatt neue Gaskraftwerke ausschreiben, der Tender-Start ist für Herbst 2026 geplant. Mittelfristig sollen es mindestens 20 Gigawatt werden. Die offizielle Begründung: Versorgungssicherheit und Brückentechnologie. Kritiker sehen darin eine Festlegung auf fossile Infrastruktur für Jahrzehnte, die den Ausbau erneuerbarer Energien verdrängt. Für eine ehemalige Gaskonzernchefin ist der Ausbau der Gasinfrastruktur schwer von persönlichen Industrieinteressen zu trennen.
Koalitionskrise und parteiinterner Widerstand
Der Koalitionspartner SPD reagiert zunehmend offen feindselig. Finanzminister Lars Klingbeil nannte Reiches Vorschläge zu den Spritpreisen "wirkungsschwach" und fordert stattdessen eine Übergewinnsteuer auf Krisenprofite der Energiekonzerne sowie eine Mobilitätsprämie für einkommensschwache Haushalte. Reiche lehnt die Übergewinnsteuer als "verfassungsrechtlich bedenklich" ab, den Direktzuschuss als "marktwirtschaftlich schädlich". SPD-Energiepolitikerin Nina Scheer warf Reiche vor, "faktenfremd" zu argumentieren und Klimaziele "ins Lächerliche" zu ziehen.
Bemerkenswert ist, dass der Widerstand inzwischen aus den eigenen Reihen kommt. Christian Bäumler, Vizevorsitzender des CDU-Arbeitnehmerflügels CDA, forderte Reiches Ablösung und wurde deutlich: "Wer sich wie Reiche gegen ein Machtwort des Kanzlers stellt und einen Kompromiss mit der SPD ablehnt, will eine andere Koalition." Bäumler verlangt ein Mobilitätsgeld für Normalverdiener und eine Mehrwertsteuersenkung auf Grundnahrungsmittel. Wenn selbst der eigene Parteiflügel den Rücktritt fordert, ist die politische Isolierung weitgehend vollständig.
Das strukturelle Problem: Die Drehtür
Der Fall Reiche ist kein Einzelfall. Der Wechsel zwischen Regulierern und Regulierten, in der Fachsprache "Drehtür" oder "Revolving Door", ist ein systemisches Problem demokratischer Regierungen. In den USA verlief die Karriere von Andrew Wheeler ähnlich: Vom Kohlelobbyisten zum Chef der Umweltbehörde EPA unter Donald Trump (2019 bis 2021). Deutschland liegt im Corruption Perceptions Index von Transparency International 2024 bei 79 von 100 Punkten auf Rang 9 weltweit, ein guter Wert, der aber nichts über die Qualität der Drehtür-Regulierung aussagt.
Das deutsche Karenzzeit-Gesetz sieht vor, dass ehemalige Regierungsmitglieder bis zu 18 Monate nach ihrem Ausscheiden keine Lobbytätigkeit aufnehmen dürfen. In Reiches Fall griff die Regelung nicht, weil der Weg umgekehrt verlief: von der Wirtschaft in die Politik. Für diese Richtung gibt es in Deutschland keine gesetzliche Karenzzeit. Genau diese Lücke nutzte Reiche.
Ausblick: Was als Nächstes geschieht
Am 13. April tagt der Koalitionsausschuss, um über ein konkretes Entlastungspaket zu den Spritpreisen zu entscheiden. Kanzler Merz hat Reiche bereits öffentlich zur Mäßigung aufgefordert. Ob sie im Amt bleibt, hängt davon ab, ob sie den Kompromiss mit der SPD mitträgt oder weiter blockiert.
Parallel läuft die Frist für den EEG-Reformentwurf, der die Solarförderung ab 2027 kippen würde. Die erste Lesung im Bundestag wird für Mai 2026 erwartet. 15 von 16 Landesenergieministern haben sich bereits dagegen positioniert. Die Gaskraftwerksausschreibung soll im Herbst 2026 starten.
Elf Monate nach ihrer Ernennung ist die Bilanz ernüchternd: Eine Spritpreisregel, die das Gegenteil bewirkte. Eine Energiepolitik, die den Ausbau fossiler Infrastruktur priorisiert und erneuerbare Energien bremst. Lobbykontakte, die das Ministerium mit Gebührenforderungen zu verschleiern versuchte. Und ein Koalitionsstreit, der bis in die eigene Partei reicht. Die Frage ist nicht mehr, ob Reiche politisch beschädigt ist. Die Frage ist, wie lange Merz an ihr festhält.