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Gesellschaft
Staatsschutz ermittelt nach Anschlag auf israelisches Restaurant in München

Staatsschutz ermittelt nach Anschlag auf israelisches Restaurant in München

Unbekannte zerstörten in der Nacht auf Freitag drei Scheiben des Münchner Restaurants Eclipse und warfen Pyrotechnik hinein. Der Staatsschutz ermittelt wegen antisemitischem Motiv. 2024 wurden in Deutschland 6.236 antisemitische Straftaten erfasst, mehr als je zuvor.

10. April 2026, 16:50 Uhr 612 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Um 0:45 Uhr berichteten Anwohner der Hessstraße in Münchens Maxvorstadt von lauten Knallgeräuschen. Als die Polizei eintraf, lagen die Scheiben des israelischen Restaurants Eclipse an drei Stellen in Scherben. Unbekannte hatten Pyrotechnik in das Lokal geworfen. Der Schaden wird auf mehrere tausend Euro geschätzt, verletzt wurde niemand. Die Täter sind flüchtig. Der Staatsschutz übernahm noch in der Nacht die Ermittlungen, der Zentrale Antisemitismusbeauftragte der bayerischen Justiz koordiniert das Verfahren.

Ein Münchner Ort seit fast zwanzig Jahren

Das Eclipse existiert seit 2007 und ist mit rund 70 Sitzplätzen eines der bekanntesten israelischen Restaurants der Stadt. Für die jüdische Gemeinde Münchens ist es mehr als ein Lokal. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, erklärte am Morgen: „Das ist mehr als ein Angriff auf ein israelisches Restaurant. Es ist ein Angriff auf eine Münchner Gesellschaftsinstitution und einen wichtigen Ort für die jüdische Gemeinschaft.“ Grigori Dratva, Familienmitglied und Mitarbeiter des Eclipse, reagierte mit nüchherner Entschlossenheit: „Wir haben uns in München immer sicher gefühlt. Wir lassen uns nicht einschüchtern.“ Das Restaurant öffnete noch am Freitag, mit provisorisch abgedichteten Fenstern.

Anstieg antisemitischer Straftaten auf Rekordstand

Der Anschlag steht nicht für sich. Im Jahr 2024 registrierte die Polizei bundesweit 6.236 antisemitische Straftaten, ein Anstieg von knapp 21 Prozent gegenüber 2023 (5.164 Delikte) und der höchste Stand seit Beginn der Erfassung. Rabbi Gady Gronich von der Conference of European Rabbis ordnete den Münchner Vorfall in diesen Trend ein: „Das ist kein Einzelfall, sondern Teil eines gefährlichen Musters, das wir seit dem 7. Oktober 2023 beobachten.“

Was dabei besonders auffällt: Die Täterstruktur hat sich verschoben. Noch bis vor wenigen Jahren wurden antisemitische Straftaten überwiegend dem rechtsextremen Spektrum zugeordnet. Im Jahr 2024 fiel dieser Anteil erstmals unter 50 Prozent. Ausländische Ideologie macht inzwischen 31 Prozent aus, religiöse Ideologie weitere 11 Prozent. Der Bundesbeauftragte für jüdisches Leben, Felix Klein, kommentierte die PKS-Zahlen im Mai 2025 als „erschütternd“: Die Gefahr komme nicht mehr aus einer einzigen Richtung.

Reaktionen aus Politik und Gesellschaft

Münchens neuer Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) nannte den Vorfall „unertragbar“ und kündigte an, den Kampf gegen Antisemitismus zu einem Schwerpunkt seiner Amtszeit zu machen. Die israelische Botschafterin in Deutschland, Talya Lador, wählte eine pragmatische Antwort auf den Anschlag: Sie empfahl, das Eclipse zu besuchen und gutes Essen dort zu genießen. Die Polizei überprüfte noch in der Nacht die Sicherheitskonzepte für alle jüdischen Einrichtungen der Stadt und passte sie an. Für Freitagabend rief die Initiative „Jüdisches Leben München/DACH gegen Hass“ zur Solidaritätskundgebung vor dem Restaurant auf. Mehrere hundert Menschen kamen.

Ermittlungsstand und offene Fragen

Zur Herkunft oder Motivation der Täter machte die Polizei zunächst keine Angaben. Das Motiv Antisemitismus gilt als wahrscheinlich, ist aber noch nicht bestätigt. Der Einsatz von Pyrotechnik legt eine geplante Aktion nahe, nicht eine spontane Eskalation. Ob ein Zusammenhang mit dem laufenden Iran-Krieg und der aufgeladenen Stimmung rund um den Nahostkonflikt besteht, ist Teil der Ermittlungen.

Der Zentrale Antisemitismusbeauftragte der bayerischen Justiz hat die Koordinierung übernommen. Das bedeutet: Sollten Täter gefasst werden, drohen ihnen nach aktueller Rechtslage erhöhte Strafen bei nachgewiesener antisemitischer Motivation. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) plant zwar eine Gesetzänderung mit höheren Mindeststrafen für Angriffe auf Einsatzkräfte. Für Angriffe auf Einrichtungen jüdischen Lebens gibt es bislang keinen vergleichbaren gesonderten Straftatbestand. Wann die Täter gefasst werden, ist offen.

KI-gestützt erstellt

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