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Netanyahu kündigt Direktgespräche mit Beirut an, während die Angriffe auf 303 Tote eskalieren

Netanyahu kündigt Direktgespräche mit Beirut an, während die Angriffe auf 303 Tote eskalieren

Israel verkündet, erstmals direkte Verhandlungen mit der libanesischen Regierung aufnehmen zu wollen. Gleichzeitig sind bei den israelischen Angriffen seit dem 8. April bereits 303 Menschen gestorben. Deutschland, Frankreich, Großbritannien und die EU fordern in einer gemeinsamen Erklärung, der Waffenstillstand mit Iran müsse den Libanon einschließen.

9. April 2026, 19:25 Uhr 880 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Update 11. April, 12:22 Uhr: Hintergrund des Sinneswandels: US-Präsident Donald Trump telefonierte am 9. April direkt mit Netanjahu und bat ihn, die Militäroperationen im Libanon zu reduzieren. Netanjahu hatte bis zu diesem Gespräch intern die Position vertreten, den Libanon aus dem Waffenstillstandsrahmen zwischen USA und Iran herauszuhalten. Trumps direkter Druck bewog ihn zu der Kehrtwende: Statt Ausschluss nun direkte Gespräche. Die Verhandlungen für den 14. April im US-Außenministerium sind offiziell bestätigt.

Update 11. April, 06:23 Uhr: Der Libanon hat direkten Verhandlungen mit Israel für Dienstag, den 14. April, zugestimmt. Erste Runde findet im US-Außenministerium in Washington statt: Israels Botschafter Yechiel Leiter und Libanons Botschafterin Nada Hamadeh Moawad treffen unter Leitung des US-Botschafters Michel Issa aufeinander, Außenminister Marco Rubios Büro koordiniert das Format. Israels Regierung stellt klar, es handele sich nicht um Waffenstillstandsgespräche, sondern um Verhandlungen über die Bedingungen, unter denen Israel die Angriffe einstellen würde. Beirut knüpft die Teilnahme an die Forderung, Israel müsse die Luftangriffe vor Verhandlungsbeginn pausieren. Die israelischen Angriffe haben sich unterdessen weiter intensiviert: Über 350 Menschen wurden seit Mittwoch getötet, südliche Beiruter Vororte wurden nach libanesischen Behördenangaben so schwer bombardiert wie seit Kriegsbeginn nicht.

Israels Premierminister Benjamin Netanyahu hat am Mittwochabend angekündigt, erstmals direkte Gespräche mit der libanesischen Regierung über die Entwaffnung der Hisbollah führen zu wollen. Die Ankündigung kam, während die israelische Luftwaffe ihre Angriffe auf libanesischem Gebiet fortsetzte: Seit dem 8. April sind nach libanesischen Behördenangaben mindestens 303 Menschen getötet worden, allein in Zentral-Beirut starben mehr als 180 Zivilisten. Das ist die höchste Opferzahl an einem einzigen Tag seit Beginn des Libanonkrieges.

Doppelstrategie: Bomben und Verhandlungsangebot

Netanyahus Ankündigung folgt einer Logik, die Israel seit Beginn des Konflikts verfolgt: militärischen Druck aufbauen, bis der Gegner zu Konzessionen bereit ist. Der Vorschlag, direkt mit Beirut zu verhandeln, richtet sich nicht an die Hisbollah, sondern an die libanesische Staatsregierung unter Premierminister Nawaf Salam. Israel will Salam dazu bringen, die Hisbollah offiziell zu entwaffnen oder zumindest aus dem Süden des Landes zurückzudrängen, als Bedingung für ein Ende der Angriffe.

Salam hatte am 9. April einen nationalen Trauertag ausgerufen und Israels Angriffe als Verbrechen gegen das libanesische Volk bezeichnet. Ob seine Regierung auf Netanyahus Angebot eingehen wird, war am Abend des 9. April offen. Hisbollah selbst antwortete auf die Eskalation mit Raketenangriffen auf israelisches Gebiet.

Europa fordert Ende der Angriffe

Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien veröffentlichten gemeinsam mit der EU-Kommission eine Erklärung, in der sie Israel auffordern, die Angriffe auf den Libanon sofort einzustellen. Der Waffenstillstand zwischen den USA und Iran, der am 7. April vereinbart worden war, müsse für den Libanon gelten. Bundeskanzler Friedrich Merz, der Israel in der Vergangenheit stets eng unterstützt hatte, schloss sich dieser Forderung ausdrücklich an. Merz nannte die Fortführung der Angriffe nach dem Waffenstillstand schwer nachvollziehbar.

Die europäische Reaktion markiert eine seltene öffentliche Differenz zwischen Berlin und Jerusalem. Deutschland hatte Israel seit dem Hamas-Angriff vom Oktober 2023 politisch und diplomatisch weitgehend gedeckt. Die neue Regierung unter Merz setzt nun auf ein anderes Signal: Unterstützung für Israels Recht auf Selbstverteidigung gegen Iran, aber klare Distanzierung von den Libanonangriffen.

Die Opferzahlen und das Schweigen Washingtons

Allein bei den Luftangriffen auf Zentral-Beirut am Abend des 8. April und am Morgen des 9. April kamen nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums mehr als 180 Menschen ums Leben, darunter Kinder und Anwohner von Wohnvierteln ohne militärische Bedeutung. Al Jazeera und PBS NewsHour berichteten übereinstimmend von gezielten Angriffen auf Wohngebäude in dicht besiedelten Stadtteilen. Die Gesamtzahl der Todesopfer seit dem 8. April liegt bei mindestens 303, mehr als 1.150 Menschen wurden verletzt.

Das Weiße Haus schwieg zu den neuen Opferzahlen. US-Vizepräsident JD Vance, der sich gerade auf die Reise nach Islamabad vorbereitet, machte gegenüber Journalisten keine Aussagen zur Frage, ob Washington Israel zur Einstellung der Angriffe auffordern werde. Die Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrates verwies auf Trumps frühere Aussage, Libanon sei ein separater Konflikt.

Was das Verhandlungsangebot bedeutet und was nicht

Netanyahus Direktgespräch-Angebot ist interpretationsbedürftig. Israel hat keine Waffenruhe im Libanon angeboten. Der Vorschlag bedeutet: Wir verhandeln über die Bedingungen, unter denen wir aufhören zu bomben. Die Hauptbedingung, vollständige Entwaffnung der Hisbollah oder deren Rückzug hinter den Litani-Fluss, ist dieselbe, die Israel seit Monaten stellt und die Beirut bisher nicht akzeptiert hat.

Ob das Direktgespräch-Angebot ein ernstes Verhandlungssignal ist oder eine diplomatische Absicherung für die Fortsetzung der Angriffe, wird sich in den nächsten 48 Stunden zeigen. Die Islamabad-Gespräche zwischen Iran und den USA, die für den 10. April geplant sind, stehen unter erheblichem Druck: Irans Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf, der zur iranischen Delegation gehört, erklärte auf X, Iran habe dem Prozess von Anfang an misstraut und die USA hätten bereits Verpflichtungen gebrochen. Die Waffenruhe läuft am 21. April aus. Zwölf Tage.

KI-gestützt erstellt

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