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International
Erste direkte US-Iran-Verhandlungen seit 1979 in Islamabad gescheitert

Erste direkte US-Iran-Verhandlungen seit 1979 in Islamabad gescheitert

Nach 21 Stunden Verhandlungen in Islamabad verließ US-Vizepräsident Vance Pakistan ohne Einigung. Stunden später kündigte Trump die Blockade der Straße von Hormus an. Täglich passieren dort rund 20,9 Millionen Barrel Öl.

12. April 2026, 4:26 Uhr 763 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Update 12. April, 16:22 Uhr: Kurz nach Vances Abreise aus Islamabad hat Präsident Trump auf Truth Social eine drastische Eskalation angekündigt: Die US-Marine werde damit beginnen, sämtliche Schiffe zu blockieren, die in die Straße von Hormus einlaufen oder sie verlassen. Konkret ordnete Trump an, alle Schiffe aufzubringen, die Iran Durchfahrtsgebühren entrichtet haben. Die Meerenge zwischen Iran und Oman ist das bedeutendste Energietransitnadelöhr der Welt: Täglich passieren dort rund 20,9 Millionen Barrel Rohöl, was etwa 25 bis 27 Prozent des globalen Seehandels mit Erdöl entspricht. Zusätzlich transit rund ein Fünftel der weltweiten Flüssiggaslieferungen (LNG) durch die Enge. Der Brent-Rohölpreis war nach Bekanntgabe der Verhandlungen von über 110 Dollar auf knapp unter 100 Dollar gefallen. Analysten halten infolge der Blockadeankündigung Kurse bis 150 Dollar pro Barrel für möglich.

Erstmals seit der Islamischen Revolution 1979 saßen Vertreter der USA und des Iran direkt am Verhandlungstisch. Das Ergebnis nach 21 Stunden: keine Einigung. US-Vizepräsident JD Vance verließ Islamabad am Sonntagmorgen und hinterließ laut eigenen Angaben ein „finales und bestes Angebot". Nimmt Teheran es nicht an, entfällt die diplomatische Grundlage für den seit dem 9. April fragilen Waffenstillstand.

47 Jahre Stille, dann Islamabad

Seit dem Sturm auf die US-Botschaft in Teheran im November 1979 gab es keine direkten Gespräche zwischen Regierungsvertretern beider Länder auf dieser Ebene. Indirekte Kontakte über Drittstaaten gab es vereinzelt, etwa beim Atomabkommen JCPOA von 2015, das über europäische Vermittler ausgehandelt wurde. Ein direktes Gespräch dieser Größenordnung war zuletzt nicht denkbar. Den Rahmen schuf erst der seit rund sechs Wochen andauernde Krieg: Pakistan übernahm die Rolle des neutralen Gastgebers, der beide Seiten an einen Tisch brachte.

Die US-Delegation unter Vance umfasste Sondergesandten Steve Witkoff und Berater Jared Kushner. Den Iran vertraten Außenminister Abbas Araghchi und Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf. Beide Seiten hatten Männer entsandt, die direkten Zugang zu Trump und Chamenei haben. Das Treffen war in mehrfacher Hinsicht ohne Präzedenz: Es fand unter Kriegsbedingungen statt, nicht nach einer Phase behutsamer Annäherung. Es war der erste persönliche Kontakt zwischen amtierenden Regierungsvertretern dieser Ebene seit fast einem halben Jahrhundert.

21 Stunden dauerten die Gespräche. Dann bestieg Vance Air Force Two. In einem Statement erklärte er, ein „finales und bestes Angebot" hinterlassen zu haben. Araghchi bezeichnete die US-Forderungen als „unzumutbar" und warf Washington vor, einen Vorwand für das Scheitern gesucht zu haben. Die iranische Seite signalisierte anschließend keine Bereitschaft, das Gespräch fortzusetzen.

Uran, Hormus, Sanktionen: Drei Knackpunkte

Kern der US-Forderungen war Irans Nuklearprogramm. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) dokumentierte zuletzt rund 440 Kilogramm auf 60 Prozent angereichertes Uran im Besitz des Landes. Für waffenfähiges Material wären 90 Prozent Anreicherungsgrad nötig. Der technische Schritt dorthin ist bei vorhandener Infrastruktur vergleichsweise schnell vollziehbar. Dieser Uranvorrat macht den Iran de facto zur nuklearen Schwellenmacht, auch ohne offiziell erklärtes Waffenprogramm. Washington verlangte eine drastische Beschränkung des Anreicherungsprogramms und konkrete Abrüstungsschritte. Der Iran lehnte jede Begrenzung seines Anreicherungsrechts ab.

Zweiter Streitpunkt war die Straße von Hormus. Durch die Meerenge fließen täglich rund 20 Prozent der globalen Ölversorgung. Seit Kriegsbeginn haben Gebühren und Kontrollen den Warentransit eingeschränkt, mit direkten Folgen für die Energiemärkte in Europa und Asien. Die USA verlangten freien Durchgang. Teheran forderte seinerseits vollständige Aufhebung aller Sanktionen, Freigabe eingefrorener Vermögenswerte und Garantien gegen künftige Angriffe auf iranisches Territorium.

Politische Kalküle auf beiden Seiten

Die Formulierung vom „finalen Angebot" ist kein diplomatisches Versehen. Sie verschiebt die Verantwortung für das Scheitern auf den Iran. Stimmt Teheran nicht zu, gilt aus US-Sicht: Nicht Washington hat die Gespräche scheitern lassen, sondern Teheran. Für Trump ist das innenpolitisch wichtig. Der Vorwurf, zu wenig versucht zu haben, verliert damit seine Grundlage.

Ghalibaf verfolgt eine komplementäre Logik. Als Parlamentspräsident in einem System, das innenpolitische Standhaftigkeit mit Regimestabilität verknüpft, hat er kein Interesse daran, als derjenige zu gelten, der unter Kriegsdruck das Atomprogramm aufgab. Für den Iran war Islamabad damit auch eine Botschaft nach innen: Man ist verhandlungsbereit, aber nicht verhandlungsschwach.

Waffenruhe ohne politisches Fundament

Seit dem 9. April gilt eine Waffenruhe. Beide Seiten haben sich gegenseitig Verstöße vorgeworfen. Schon vor dem Treffen in Islamabad war der Stillstand brüchig. Das Scheitern der Verhandlungen entzieht ihm nun die politische Grundlage. Ohne Aussicht auf eine Einigung fehlt beiden Seiten der Anreiz, ihn langfristig zu halten.

Ein neues Treffen ist nicht geplant. Die US-Delegation ist abgereist. Teheran hat keine Initiative für eine Fortsetzung angekündigt. Der nächste Schritt hängt davon ab, ob der Iran das US-Angebot aufgreift. Lehnt er ab, stehen militärische Eskalation oder verschärfte Sanktionen offen auf der Tagesordnung. Welches Instrument Washington zuerst einsetzt, dürfte sich in den kommenden Tagen abzeichnen.

KI-gestützt erstellt

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