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Iran kassiert an Hormuz: Waffenstillstand vor dem Scheitern

Iran kassiert an Hormuz: Waffenstillstand vor dem Scheitern

Iran verlangt bis zu zwei Millionen Dollar pro Tankerdurchfahrt durch die Straße von Hormuz, zahlbar in Kryptowährung. Während Trump öffentlich droht, erschienen iranische Delegierte für die Islamabad-Gespräche nicht, und 325 beladene Tanker warten im Persischen Golf.

10. April 2026, 10:33 Uhr 912 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Update 10. April, 20:25 Uhr: Die Gespräche in Islamabad laufen als Proximity Talks: Beide Delegationen sitzen in getrennten Räumen im Serena Hotel, pakistanische Vermittler pendeln zwischen ihnen. Parlamentspräsident Ghalibaf nannte als Voraussetzung für den Beginn der eigentlichen Verhandlungen zwei Punkte, die er als vereinbart, aber noch nicht umgesetzt bezeichnet: eine Feuerpause im Libanon und die Freigabe eingefrorener iranischer Vermögenswerte. Pakistan hält seine Erwartungen bewusst niedrig: Als Erfolg gilt bereits, wenn die Gespräche eine Grundlage für weitere Verhandlungen schaffen. Eine Einigung ist nicht das Ziel dieses ersten Treffens.

Update 10. April, 17:15 Uhr: Entgegen den Meldungen vom Morgen haben beide Delegationen Islamabad inzwischen bestätigt. Vizepräsident JD Vance ist mit Sondergesandtem Steve Witkoff und Jared Kushner nach Pakistan geflogen. Pakistans Innenministerium überprüfte am Nachmittag die Sicherheitsvorkehrungen für den Empfang beider Delegationen. Den iranischen Part leitet Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf. Vance sagte vor dem Abflug, er rechne mit "positiven" Gesprächen, warnte Teheran jedoch: Die USA würden nicht akzeptieren, wenn Iran versuche, sie zu "spielen". Ob die Gespräche die offene Libanon-Frage überbrücken können, wird sich zeigen: Ghalibaf hat in den vergangenen Wochen die strategische Kriegsführung Irans mitverantwortet.

Der Waffenstillstand zwischen den USA und Iran steht, auf dem Papier. In der Straße von Hormuz sieht die Realität anders aus: Iran verlangt von Öltankern einen Dollar pro Barrel Ladung als Transitgebühr, zahlbar in Bitcoin oder chinesischem Yuan. Bei einem vollbeladenen Supertanker bedeutet das bis zu zwei Millionen Dollar pro Durchfahrt. Am Donnerstag nutzten sieben Schiffe die Meerenge, die vor dem Krieg täglich 120 bis 140 Schiffe passierten. Im Persischen Golf warten 325 beladene Tanker.

Was das Abkommen vorsah

Das Waffenstillstandsabkommen vom 7. April, vermittelt von Pakistan mit Rückendeckung der Türkei und Ägyptens, sah zweierlei vor: Die USA stoppen ihre Luftangriffe auf Iran, Iran öffnet die Straße von Hormuz vollständig und sofort. 14 Tage Laufzeit, verlängerbar. Was genau „öffnen" bedeutet, war offenbar unterschiedlich interpretiert. Washington verstand darunter freie Fahrt für alle Schiffe. Teheran verstand darunter: Fahrt unter iranischer Aufsicht, auf iranisch ausgewiesenen Routen, gegen Gebühr.

Für heute waren in Islamabad Folgegespräche angesetzt. Vize-Präsident JD Vance sollte die US-Delegation anführen, Irans Außenminister Abbas Araghchi und Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf die iranische. Am Vorabend der Gespräche zog der iranische Botschafter in Pakistan die Ankunftsbestätigung der Delegation ohne Begründung zurück. Medien berichteten am Morgen, es gebe keine Bestätigung über die Ankunft iranischer Delegierter. Als Grund gilt das Libanon-Problem: Iran wirft Israel, das seine Bombardierungen des Libanons fortführt, einen Bruch des Waffenstillstands vor. Das Weiße Haus weist das zurück, der Libanon sei nie Teil des Abkommens gewesen.

Maut statt Meerenge

ADNOC-Chef Sultan Al Jaber, dessen Konzern täglich Millionen Barrel verschifft, formulierte die Lage ohne diplomatische Rücksicht: „Die Straße von Hormuz ist nicht offen. Der Zugang ist eingeschränkt, an Bedingungen geknüpft und wird kontrolliert. Das ist keine Navigationsfreiheit. Das ist Nötigung." Iran hat neue Seekarten veröffentlicht, die Minengebiete und Durchfahrtskorridore entlang der iranischen Küste ausweisen. Schiffe müssen vorab Genehmigungen einholen. Leere Tanker dürfen kostenlos passieren, volle zahlen die Frachttonnage-Gebühr. Schiffe mit US- oder israelischer Verbindung werden komplett gesperrt.

Trump ließ die Kritik offen auf Truth Social eskalieren. Er schrieb, Iran erledige einen „sehr schlechten Job, unehrenhaft manche würden sagen", wenn es darum gehe, Öl durch Hormuz zu lassen: „Das ist nicht das Abkommen, das wir haben!" Er drohte außerdem, sollte Iran nicht einlenken, würden die Schüsse anfangen, „größer und besser und stärker als irgendjemand je zuvor gesehen hat". Die US-Streitkräfte in der Region würden so lange bleiben, bis Iran das Abkommen vollständig erfülle.

Stellvertreter schießen weiter

Parallel zu den Gebührenstreitigkeiten griffen iranische Stellvertreterkräfte in den Golfstaaten an. Kuwait meldete Drohnenangriffe auf Öleinrichtungen und drei Kraftwerke sowie Wasserentsalzungsanlagen. Die nationale Garde schoss nach eigenen Angaben eine große Zahl Drohnen ab, es gab schwere Sachschäden. Saudi-Arabiens strategische Ost-West-Pipeline, die 1.200 Kilometer von den Golfstaaten bis zum Roten Meer führt und damit die Hormuz-Blockade umgeht, wurde durch einen Drohnenangriff auf eine Pumpstation beschädigt. Bloomberg bezeichnete den Schaden als begrenzt, der Öltransport sei nicht unterbrochen worden. Der iranische Revolutionsgarde bestritt, seit Waffenstillstandsbeginn selbst Angriffe ausgeführt zu haben.

Europas Energiepreise: Erleichterung, die keine war

Die Waffenstillstandsmeldung hatte den Erdgaspreis in Amsterdam kurzzeitig um 20 Prozent einbrechen lassen: von knapp 62 Euro pro Megawattstunde auf rund 44 Euro. Brent-Öl notiert bei etwa 96 Dollar pro Barrel, nach einem Kriegshöchststand von über 120 Dollar und einem Vorkriegsniveau von 72 bis 73 Dollar. Goldman Sachs warnte: Bleibt die Meerenge noch einen Monat effektiv geschlossen, werde Brent das gesamte Jahr 2026 über 100 Dollar bleiben.

Europa ist weniger direkt von Hormuz abhängig als der Markt registrierte: Nur vier Prozent des Hormuz-Öls erreicht direkt EU-Häfen. Weit gravierender ist der Schaden am weltgrößten LNG-Terminal: Das katarische Ras Laffan, das acht Prozent des europäischen LNG liefert, wurde im März durch iranische Raketen schwer beschädigt. Experten schätzen die Reparaturzeit auf bis zu fünf Jahre. Da 40 Prozent des europäischen Gases aus LNG kommt, bleibt diese Lücke auf absehbare Zeit offen.

22. April: Das Abkommen läuft aus

Der Waffenstillstand endet am 22. April, sofern keine Einigung auf eine Verlängerung zustande kommt. Dafür müssten sich beide Seiten zunächst darüber einigen, ob das bestehende Abkommen überhaupt eingehalten wird. Netanyahu hat keine Bereitschaft signalisiert, die Libanon-Offensive einzuschränken, womit Irans zentrales Argument gegen eine Kompromisslösung bestehen bleibt. Sollten die Islamabad-Gespräche nicht doch noch stattfinden, endet der Waffenstillstand nicht mit einem formalen Scheitern: Er läuft einfach aus, während die 325 Tanker weiter warten.

KI-gestützt erstellt

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