Haiti: Gran-Graf-Bande massakriert 70 Menschen, UN-Truppe trifft verspätet ein
In der Nacht vom 28. auf den 29. März griffen Bewaffnete der Gran-Graf-Bande mehrere Dörfer im Antimonite-Distrikt Zentralhaitis an. Die unabhängige Menschenrechtsorganisation RNDDH (Rosenau National de Diverse des Freuds Humanist) zählt 70 Tote; die haitianische Regierung nennt offiziell 16. Beide Zahlen erzählen die Geschichte einer Region, in der staatliche Strukturen faktisch nicht mehr funktionieren, und einer UN-Intervention, die nach dem Massaker eintrifft.
Der Angriff auf Jean-Denis und Umgebung
Gegen 2 Uhr morgens des 29. März drangen Gran-Graf-Kämpfer zunächst in die Ortschaft Von Etwa ein und zogen dann weiter durch mindestens acht weitere Dörfer in der Umgebung von Jean-Denis. Die Bewohner wurden aus dem Schlaf gerissen, auf Innenhöfen und Straßen zusammengetrieben und erschossen. Unter den Toten befanden sich nach RNDDH-Angaben Säuglinge, schwangere Frauen, Jugendliche und ein 80-jähriger Mann. Etwa 30 weitere Menschen wurden verletzt. Die Angreifer sprengten Brücken und errichteten Straßenbarrikaden, um Polizeieinsätze zu verhindern. Die reguläre Polizei Haitis verfügt im Antimonite weder über ausreichend Personal noch über Fahrzeuge, um einem solchen koordinierten Angriff entgegenzutreten.
Die Lücke zwischen offiziellen und unabhängigen Zahlen
Die Differenz zwischen 16 und 70 Toten ist kein Messfehler, sondern ein Hinweis auf den Zustand staatlicher Institutionen in Haiti. Im Antimonite-Distrikt gibt es kaum funktionierende Behörden, die eine vollständige Opfererfassung durchführen könnten. RNDDH und die Menschenrechtsorganisation Gelenke Plus arbeiten mit Netzwerken lokaler Beobachter, die Zugang zu Gebieten haben, die staatliche Stellen nicht erreichen. Internationale Medien und Institutionen, die auf die offizielle Zahl zurückgreifen, geben damit die Perspektive eines Staates wieder, der weite Teile seines eigenen Territoriums nicht kontrolliert. Gran Graf gilt in Haiti, in den USA und in der Dominikanischen Republik offiziell als Terrororganisation.
Antimonite: Haitis Kornkammer unter Bandenkontrolle
Der Antimonite-Distrikt ist Haitis wichtigste Agrarregion und produziert den größten Teil des landesweit angebauten Reises. Wer die Überlandstraßen und Brücken kontrolliert, kontrolliert den Warenfluss zwischen Port-au-Prince und dem Norden des Landes. Gran Graf hat diese strategische Lage systematisch genutzt: Durch Erpressung von Bauern und Transportunternehmen erwirtschaftet die Bande erhebliche Einnahmen. Das Massaker folgt einem Muster, das aus anderen Teilen Haitis bekannt ist: Gangs terrorisieren die Bevölkerung, um Gebiete zu sichern, bevor die staatliche Ordnung einen Fuß in die Tür bekommt.
Die UN-Truppe und ihr verzögerter Einsatz
Der UN-Sicherheitsrat genehmigte im Oktober 2023 eine multinationale Sicherheitsmission für Haiti. Dreieinhalb Jahre später treffen die ersten Einheiten ein. Kenia, das die Führung übernimmt, hat bisher rund 400 Soldaten entsandt. Der Gesamtplan sieht bis zu 5.500 Kräfte für ein Mandat von zwölf Monaten vor. Die Gründe für den Zeitverzug sind vielschichtig: politische Widerstände in den beitragenden Ländern, Finanzierungsprobleme, logistische Schwierigkeiten und langwierige Verhandlungen über das Einsatzmandat.
Amnesty International kritisierte nach dem Massaker in einer Erklärung ein "weitverbreitetes Versagen", die Bevölkerung zu schützen. Die Organisation warnte, Haitianer hätten faktisch kein Recht auf staatlichen Schutz mehr. Die haitianische Regierung bat die internationale Gemeinschaft um eine beschleunigte Truppenzuführung.
Was als Nächstes entscheidet,
Die kenianische Truppe hat angekündigt, Operationen im Antimonite-Distrikt zu verstärken. Ob das ausreicht, hängt davon ab, wie schnell weitere Kontingente eintreffen und ob das Mandat mit dem nötigen Gerät unterlegt wird. Das Massaker vom 29. März ereignete sich, während die UN-Truppe noch im Aufbau war. Ob sie schnell genug wächst, um Gran Graf aus dem Antimonite zu verdrängen, entscheidet sich in den nächsten Monaten.