Blutstammzelltransplantation: Leipziger Forscher lösen Nebenwirkungsproblem
Für viele Patienten mit Leukämie oder anderen bösartigen Blutkrankheiten ist die hämatopötische Zelltransplantation die letzte und gleichzeitig wirksamste Therapieoption. Das Verfahren wirkt: Spenderstammzellen bauen ein neues Immunsystem auf und bekämpfen verbleibende Tumorzellen. Aber in 30 bis 50 Prozent der Fälle kommt es danach zur sogenannten Graft-versus-Host-Erkrankung, bei der die transplantierten Immunzellen den Empfängerkörper als Feind erkennen und angreifen. Forscher am Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) in Leipzig haben im Januar 2026 einen Mechanismus publiziert, der genau dieses Problem lösen könnte.
Das Problem hinter dem Erfolg
Die Graft-versus-Host-Erkrankung, kurz GvHD, ist das zentrale ungelöste Problem der Transplantationsmedizin. Wenn Spender-T-Zellen das fremde Gewebe des Empfängers attackieren, entstehen Organschäden, Hautreaktionen und schwere Infektionen. Die bisherige Behandlung setzt systemische Immunsuppressiva ein: Medikamente, die das gesamte Immunsystem dämpfen. Das verhindert zwar die Abstoßungsreaktion, macht Patienten aber zugleich anfällig für alle Arten von Infektionen und kann Organe dauerhaft schädigen. Für viele Patienten ist die GvHD damit nicht das Ende der Gefahr, sondern der Beginn einer weiteren Leidensphase nach einer eigentlich erfolgreichen Transplantation.
Die Lösung: Prävention vor der Transplantation
Das Forscherteam um Prof. Stephan Fricke, Direktor des klinischen Netzwerks am Fraunhofer IZI, verfolgte einen anderen Ansatz: Statt die Immunreaktion nach der Transplantation zu bekämpfen, sollen die problematischen Immunzellen bereits vor dem Eingriff immunotolerant gemacht werden. Das Werkzeug: Anti-CD4-Antikörper, die auf die Spender-T-Zellen angewendet werden, bevor diese auf den Patienten übertragen werden.
In Labor- und Tiermodellen genügte eine einzige Behandlung, um GvHD über den gesamten Beobachtungszeitraum zu verhindern. Entscheidend ist, was dabei nicht passiert: Die allgemeine Immunfunktion der Zellen bleibt erhalten. Die transplantierten Zellen können weiterhin Tumorzellen erkennen und bekämpfen, sogenannte Graft-versus-Leukämie-Effekte, die für den Therapieerfolg essenziell sind. Nur die Reaktion gegen das Empfängergewebe wird selektiv unterbunden. Die Studie erschien am 27. Januar 2026 im Fachmagazin Blood, dem führenden Journal der internationalen Hämatologie, unter dem DOI 10.1182/blood.2025031370.
Leipzig als Zentrum der Zelltherapieforschung
Das Fraunhofer IZI arbeitet an diesem Problem nicht isoliert. Das Forschungsprogramm ist eingebettet in den SaxoCell-Cluster4Future-Verbund, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie dem Freistaat Sachsen. Leipzig hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der führenden deutschen Standorte für Zelltherapie entwickelt: Neben dem Fraunhofer IZI sind mehrere Biotechnologieunternehmen und die Universitätsklinik Teil eines engen Forschungsverbundes, der klinische Anwendung und Grundlagenforschung direkt verknüpft.
Für den Standort Deutschland ist das von industrieller Bedeutung. Personalisierte Zelltherapien gelten als einer der wichtigsten Wachstumsmärkte der Biomedizin. Die EU-weite Nachfrage nach CAR-T-Zelltherapien und allogenen Transplantationen wächst jährlich zweistellig. Ein Problem zu lösen, das jeden zweiten Transplantierten betrifft, hätte direkte Auswirkungen auf die Anzahl der Patienten, die von dieser Therapie dauerhaft profitieren können.
Was die Forschung noch nicht weiß
Die bisherigen Ergebnisse stammen aus Labor- und Tiermodellen. Der Übergang auf den Menschen ist der kritische nächste Schritt, und er ist noch nicht abgeschlossen. Klinische Phase-I/II-Studien sind geplant, ein konkreter Startzeitpunkt wurde noch nicht kommuniziert. Die Forschungsgruppe erwartet, bis Ende 2026 eine Förderungszusage für die klinische Phase beantragen zu können.
Am 15. April 2026 präsentiert das Fraunhofer IZI Zwischenergebnisse seiner Zelltherapieprogramme auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie in München, darunter auch Daten aus dem GvHD-Projekt. Ob die klinische Phase 2026 noch beginnt oder sich auf 2027 verschiebt, dürfte dort klarer werden.