Selenskyjs Syrien-Besuch: Strategisches Kalkül gegen Russlands Einfluss
Es war ein Besuch mit historischer Symbolkraft: Am 5. April 2026 traf der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in Damaskus ein und wurde dort als erstes europäisches Staatsoberhaupt seit dem Ende der Assad-Diktatur empfangen. Nur der Emir von Katar war vor ihm als ausländisches Staatsoberhaupt im neuen Syrien zu Gast gewesen. Syriens Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa bereitete dem Gast einen Empfang, der in seiner Förmlichkeit an eine Staatsvisite erinnerte.
Mehr als Symbolik
Hinter dem diplomatischen Zeremoniell steckt ein nüchternes strategisches Kalkül. In bilateralen Gesprächen auf Präsidentenebene sowie in trilateralen Verhandlungen unter Einbeziehung des türkischen Außenministers Hakan Fidan, der Selenskyj nach Damaskus begleitet hatte, ging es um konkrete Kooperationsfelder in den Bereichen Sicherheit, Militär und Wirtschaft.
Selenskyj sprach von neuen Beziehungen und neuen Chancen, al-Scharaa von Erfahrungsaustausch und verstärkter Wirtschaftskooperation. Doch der eigentliche Kern der Gespräche lag im militärischen Bereich: Es wird nun darüber verhandelt, dass die Ukraine und die Türkei die neue syrische Armee ausbilden. Al-Scharaa hatte zuvor die Umwandlung zweier ehemaliger russischer Militärbasen in Syrien in syrische Armeeausbildungseinrichtungen angekündigt.
Russlands syrische Achillesferse
Hier liegt die geopolitische Brisanz des Besuchs. Moskau unterhielt in Syrien zwei strategisch bedeutsame Stützpunkte: die Luftwaffenbasis Khmeimim und den Marinestützpunkt Tartus am Mittelmeer. Diese Basen waren zentral für Russlands Machtprojektion im östlichen Mittelmeer und in Nordafrika. Der Sturz des Assad-Regimes, das Russland jahrelang militärisch gestützt hatte, war bereits ein schwerer Rückschlag für den Kreml.
Die Aussicht, dass diese Basen nun unter ukrainischer und türkischer Beteiligung zu syrischen Ausbildungszentren umfunktioniert werden könnten, würde den russischen Einflussverlust in der Region zementieren. Zwar hatte al-Scharaa im Januar 2026 den russischen Präsidenten Putin getroffen und dabei keinen Abzug der russischen Truppen gefordert. Doch die neue Kooperation mit Kiew und Ankara verschiebt die Kräfteverhältnisse weiter zu Ungunsten Moskaus.
Die türkische Verbindung
Die Rolle der Türkei in diesem diplomatischen Dreieck ist entscheidend. Selenskyj hatte vor seinem Syrien-Besuch in der Türkei Station gemacht und dort mit Präsident Erdogan neue Schritte der Sicherheitskooperation vereinbart. Auch gemeinsame Gasinfrastrukturprojekte und die Erschließung von Gasfeldern standen auf der Agenda. Die trilateralen Gespräche in Damaskus unter Einbeziehung des türkischen Außenministers unterstreichen Ankaras Ambitionen, als Ordnungsmacht im Nachkriegssyrien aufzutreten.
Für die Ukraine ergibt sich eine bemerkenswerte strategische Konstellation: Durch die Kooperation mit dem neuen Syrien kann Kiew Russland an einer empfindlichen Stelle treffen, ohne dass ein einziger Schuss fällt. Die ukrainische Militärexpertise, die im Kampf gegen russische Streitkräfte gewonnen wurde, wird zum diplomatischen Kapital in einer Region, in der Russland gerade Boden verliert.
Grenzen und Risiken
Dennoch wäre es verfrüht, den Besuch als diplomatischen Durchbruch zu feiern. Syrien befindet sich weiterhin im Übergang, und die Stabilität des neuen Regimes ist keineswegs gesichert. Al-Scharaas Balanceakt zwischen verschiedenen Mächten, darunter auch Russland, könnte die versprochenen Kooperationen verzögern oder verwaschen. Zudem bleibt abzuwarten, wie der Iran und andere regionale Akteure auf die neue Achse Kiew-Ankara-Damaskus reagieren.
Für Selenskyj ist der Syrien-Besuch Teil einer breiteren diplomatischen Offensive im Nahen Osten, die darauf abzielt, die internationale Isolation Russlands zu vertiefen und neue Verbündete jenseits des westlichen Bündnissystems zu gewinnen. Ob diese Strategie langfristig aufgeht, wird nicht zuletzt davon abhängen, wie belastbar die neuen Partnerschaften in einer der unberechenbarsten Regionen der Welt tatsächlich sind.