Ein Jahr Liberation Day: Trumps Zölle haben Amerika nicht reicher gemacht
Am 9. April 2025 kündigte Donald Trump die 90-tägige Aussetzung der meisten seiner Strafzölle an und löste damit eine der größten Börsenrallys seit 2008 aus. Der S&P 500 stieg an jenem Tag um 9,52 Prozent. Ein Jahr später ist die Euphorie verflogen. Die Handelsstatistiken, Arbeitsmarktzahlen und Gerichtsentscheidungen zeichnen das Bild einer Zollpolitik, die ihre zentralen Versprechen nicht erfüllt hat.
Was versprochen wurde
Trump hatte am 2. April 2025, dem selbsternannten Liberation Day, Zölle auf fast alle Handelspartner angekündigt. Das erklärte Ziel: die Rückkehr von Industriearbeitsplätzen in die USA, ein ausgeglichenes Handelsdefizit und höhere Staatseinnahmen, die Steuersenkungen finanzieren sollten. Sieben Tage später folgte die 90-Tage-Pause für die meisten Länder bei gleichzeitiger Erhöhung der China-Zölle auf 125 Prozent. Seitdem haben sich die US-Zölle auf chinesische Waren auf 145 Prozent akkumuliert.
Die ernüchternde Bilanz
Das US-Warenhandelsdefizit ist 2025 auf ein Allzeithoch gestiegen. Von Januar 2025 bis April 2026 hat der US-amerikanische Fertigungssektor netto 100.000 Arbeitsplätze verloren. Die Agrarexporte sanken, das US-Agraräußenhandelsdefizit 2025 stieg um 10,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Für amerikanische Haushalte wurden die Zölle vor allem als Verteuerungsprogramm spürbar. Lebensmittelpreise stiegen durch alle 2025er Zollmaßnahmen kumuliert um 2,8 Prozent, frische Produkte um 4 Prozent. Fed-Chef Jerome Powell sagte im März 2026, dass Zölle zwischen einem halben und drei Vierteln eines Prozentpunkts der verbleibenden US-Inflation erklären. Demokratische Senatoren des Joint Economic Committee schätzten, dass amerikanische Familien 2026 rund 2.500 Dollar zusätzlich belastet werden, nach rund 1.700 Dollar im Vorjahr.
Der Staat hat allerdings erhebliche Zolleinnahmen erzielt: In den ersten fünf Monaten des Fiskaljahres wurden 151 Milliarden Dollar eingenommen, fast viermal so viel wie im gleichen Vorjahreszeitraum.
Der Supreme Court und die Rückerstattungen
Am 20. Februar 2026 fällte der Oberste Gerichtshof ein Urteil mit weitreichenden Folgen: Trump hatte die IEEPA-Notstandsbefugnisse nicht nutzen dürfen, um Zölle zu verhängen. Das Gericht befand, dass der Kongress diese Vollmacht nicht delegiert hatte. Der Zollbehörde CBP wurde aufgetragen, rund 166 Milliarden Dollar an zu Unrecht erhobenen Zöllen zurückerstatten. Für viele mittelständische Importeure, die monatelang auf Liquidität verzichtet hatten, kam das Urteil zu spät.
Die deutschen Exporte in die USA sanken 2025 um 9,4 Prozent auf den niedrigsten Stand seit 2021.
US-China: Das Rahmenabkommen
Im Mai 2025 einigten sich Washington und Peking, die gegenseitigen Zölle auf je 10 Prozent zu senken. Dieses Rahmenabkommen wurde im November 2025 bis zum 10. November 2026 verlängert. Die Erleichterung gilt jedoch nur für die gegenseitigen Zölle aus dem April-Paket. Die älteren Zölle aus Trumps erster Amtszeit sowie die Fentanyl-Zölle von 20 Prozent bleiben bestehen. Auf bestimmte chinesische Warengruppen liegen damit weiterhin Sätze von 145 Prozent.
Was die Ökonomen sagen
Das Council on Foreign Relations hat die Zollpolitik als systematisches Scheitern an eigenen Zielen bewertet. Der Handelsökonom Chad Bown von der Peterson-Institution schreibt, die Zölle hätten nicht einmal im Ansatz die Fertigungskapazitäten zurückgebracht, die Trump versprochen hatte. Der Harvard-Ökonom Jason Furman schätzte den durchschnittlichen Wohlfahrtsverlust US-amerikanischer Haushalte auf 3.800 Dollar pro Jahr.
Auf der anderen Seite verweisen Befürworter auf die höheren Zolleinnahmen und die verbesserte Verhandlungsposition gegenüber China. Das Rahmenabkommen vom Mai 2025 wäre ohne den Druck der Zölle kaum zustande gekommen, argumentiert das Hudson Institute.
Ausblick
Das IEEPA-Urteil des Supreme Courts zwingt die Regierung, ihre Zollstrategie auf eine neue Rechtsgrundlage zu stellen. Die Administration prüft, welche Zölle über Section 232 oder Section 301 neu verhängt werden können. Am 10. November 2026 läuft das US-China-Rahmenabkommen aus. Ohne Verlängerung oder neuen Deal droht eine Neuauflage der Eskalation von 2025.