Israel startet größte Angriffswelle auf Hisbollah trotz Waffenruhe
Update 9. April, 12:00 Uhr: Die Hisbollah hat am Donnerstagvormittag ihre Raketenangriffe auf Nordisrael wiederaufgenommen und begründete dies mit israelischen Verletzungen der Waffenruhe. EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas erklärte, die Beirut-Angriffe seien kaum als Selbstverteidigung einzustufen, und forderte, die Waffenruhe auf den Libanon auszudehnen. UN-Menschenrechtschef Volker Türk bezeichnete die Zerstörung als "nichts weniger als erschreckend". Iran drohte, aus der Waffenruhe auszusteigen, sollten israelische Angriffe auf libanesisches Territorium nicht enden.
Während die Welt die Waffenruhe zwischen den USA und Iran begrüßte, eskalierte Israel seinen Krieg gegen die Hisbollah im Libanon dramatisch. Am Mittwoch flog die israelische Luftwaffe die nach eigenen Angaben größten koordinierten Angriffe seit Beginn der Kampfhandlungen Anfang März. Innerhalb von zehn Minuten wurden mehr als 100 Hisbollah-Ziele in Beirut, im Südlibanon und im Bekaa-Tal angegriffen. Die libanesische Zivilschutzbehörde meldete über 250 Tote allein durch diese Angriffswelle.
Ausmaß der Zerstörung
Das israelische Militär bezeichnete die Operation als größten koordinierten Schlag im laufenden Krieg. Die Angriffe richteten sich nach Militärangaben gegen Waffenlager, Kommandostrukturen und Raketenstellungen der Hisbollah in der gesamten Tiefe des libanesischen Territoriums. In Zentralbeirut wurde ein Gebäude ohne Vorwarnung getroffen, was besondere Empörung auslöste.
Seit Beginn der israelischen Offensive am 2. März sind im Libanon nach libanesischen Behördenangaben mehr als 1.500 Menschen getötet worden, darunter 126 Kinder. Über 1,2 Millionen Menschen wurden vertrieben. Die israelische Bodenoperation im Südlibanon, die am 16. März begann, hat die humanitäre Lage weiter verschärft.
Israels Position: Libanon ist nicht Teil der Waffenruhe
Premierminister Benjamin Netanjahu machte unmissverständlich klar, dass Israel die Waffenruhe mit Iran nicht auf den Libanon ausdehnen werde. Er erklärte, der Kampf gegen die Hisbollah gehe weiter, bis alle Ziele erreicht seien. Das israelische Sicherheitskabinett bestätigt diese Linie. Trump und Vizepräsident Vance stimmten dieser Interpretation zu und erklärten, der Libanon sei nicht Teil der Vereinbarung gewesen.
Israel argumentiert, die Angriffe auf die Hisbollah seien notwendige Selbstverteidigung. Die Miliz habe seit März hunderte Raketen und Drohnen auf israelisches Territorium abgefeuert. Während des ersten Monats der Kampfhandlungen schoss die Hisbollah nach israelischen Angaben bis zu 1.800 Raketen auf Israel ab. Die israelische Luftwaffe führte im Gegenzug hunderte Luftangriffe durch.
Iranische Reaktion und Gefahr für die Waffenruhe
Teheran sieht die Lage völlig anders. Iran betrachtet den Libanon als integralen Bestandteil des Waffenruhe-Abkommens. Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf erklärte, drei zentrale Klauseln des vereinbarten Zehn-Punkte-Plans seien durch die israelischen Angriffe bereits verletzt worden. Er nannte die Verhandlungen unter diesen Umständen unsinnig.
Diese Diskrepanz bedroht die gesamte Waffenruhe. Sollte Iran die israelischen Aktionen als Vertragsbruch werten und die Feuerpause aufkündigen, könnten die Kampfhandlungen zwischen den USA und Iran wieder aufflammen. Vermittler Pakistan, das die Waffenruhe eingefädelt hatte, erklärte, der Libanon sei aus seiner Sicht durchaus Teil der Vereinbarung. Diese widersprüchlichen Interpretationen offenbaren einen fundamentalen Konstruktionsfehler des Abkommens.
Hisbollah nimmt Beschuss wieder auf
Die Hisbollah hatte die Waffenruhe nach ihrer Bekanntgabe am 7. April zunächst weitgehend eingehalten, während Israel seine Offensive intensivierte. Am 9. April feuerte die Miliz Raketen auf Nordisrael, Sireneneinsätze wurden aus dem Raum Kiryat Shmona gemeldet. Als Begründung nannte die Hisbollah israelische Verletzungen der Feuerpause. Das taktische Kalkül hat sich damit geändert: Nachdem die internationale Reaktion auf die Beirut-Angriffe deutlich kritischer ausfiel als erwartet, scheint die Miliz nicht mehr bereit, die Zurückhaltung einseitig aufrechtzuerhalten.
Humanitäre Krise verschärft sich
Die Vereinten Nationen und internationale Hilfsorganisationen schlagen Alarm. Die Versorgungslage im Südlibanon und in Teilen Beiruts ist nach Wochen der Bombardierung und Bodenkämpfe katastrophal. Krankenhäuser arbeiten an der Kapazitätsgrenze. Nach Angaben des früheren libanesischen Gesundheitsministers sind landesweit noch sechs Wochen Medikamentenvorräte vorhanden. Die UN haben für März bis Mai einen Hilfsappell über 308 Millionen Dollar gestartet, finanziert ist bislang weniger als ein Drittel davon.
Ausblick: Libanon als Achillesferse der Friedensbemühungen
Die Libanon-Frage könnte zum entscheidenden Stolperstein für die gesamten Friedensbemühungen werden. Wenn die Verhandlungen in Islamabad am Samstag beginnen, wird die Einbeziehung des Libanon ein zentrales Thema sein. Ohne eine Lösung, die auch die israelisch-libanesische Front einschließt, bleibt jede Waffenruhe im Iran-Konflikt unvollständig und instabil. Die nächsten 48 Stunden werden zeigen, ob die fragile Feuerpause halten kann oder ob der Nahe Osten in eine noch tiefere Krise stürzt.