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Wirtschaft

Ifo-Gutachten: Irankrieg-Energiepreisschock bremst Deutschlands Erholung

Fünf führende Wirtschaftsinstitute sehen Deutschland 2026 nur mit 0,6 Prozent wachsen. Der Grund: Der Irankrieg hat Öl über 100 Dollar und Gaspreise auf das Doppelte getrieben. Strukturreformen, so die Diagnose, sind dringender als je zuvor.

9. April 2026, 9:57 Uhr 615 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Deutschland wächst 2026 mit 0,6 Prozent. Das ist wenig, aber mehr als in den Vorjahren. Das Problem: Der Irankrieg hat die Energiepreise so stark nach oben getrieben, dass die erhoffte Erholung ausbleibt und die Inflationsrate wieder ansteigt. Das ist die Kernbotschaft der Gemeinschaftsdiagnose Frühjahr 2026, die DIW Berlin, ifo Institut, Kiel Institut, IWH und RWI am 1. April gemeinsam vorgelegt haben.

Öl über 100 Dollar, Gas auf dem Doppelten

Im Januar 2026 kostete ein Barrel Brent-Rohöl noch 65 Dollar. Seit dem Beginn des Irankriegs Ende Februar und der zeitweiligen Schließung der Straße von Hormuz ist der Preis auf über 100 Dollar gestiegen. Der europäische Gaspreis (TTF) hat sich auf 60 Euro je Megawattstunde verdoppelt. Für die energieintensive deutsche Industrie ist das ein erheblicher Kostenschock, der die ohnehin schwache Wettbewerbsposition weiter verschlechtert.

Die Energiestory erklärt, warum die Institute ihre Prognose deutlich unter den Erwartungen des Jahresanfangs angesetzt haben. Ohne den Irankrieg hätten sie rund 0,9 bis 1,0 Prozent Wachstum für 2026 projiziert. Mit dem Energiepreisschock sind es 0,6 Prozent.

Inflation und Arbeitsmarkt unter Druck

Die Inflationsrate steigt 2026 auf durchschnittlich 2,8 Prozent, für 2027 erwarten die Institute 2,9 Prozent. Für Haushalte bedeutet das: Die Kaufkraft, die sich nach 2024 leicht erholt hatte, erodiert wieder. Beim Arbeitsmarkt zeichnet sich eine Schwächephase ab: 2026 erwarten die Institute einen Beschäftigungsrückgang von rund 100.000 Personen, nach einer Stagnation 2025. Die Arbeitslosenquote steigt auf 6,4 Prozent.

Besonders beunruhigend ist die Mittelfristperspektive: Die Institute prognostizieren, dass Deutschlands Produktionspotenzial bis zum Ende des Jahrzehnts vollständig stagnieren wird. Das wäre ein historisch einmaliges Versagen der Wachstumsdynamik.

Doppelter Gegenwind für Exporteure

Deutschlands exportorientierte Industrie trifft ein doppelter Gegenwind. Erstens: US-Strafzölle, die trotz diversen Ausnahmen weiter auf wichtige Branchen wie Automobil und Maschinenbau wirken. Zweitens: Eine Aufwertung des Euro gegenüber dem Dollar seit Frühjahr 2025, die deutsche Waren auf dem Weltmarkt verteuert. Die Exportdynamik, die Deutschland lange als Wachstumsmotor diente, bleibt damit vorerst schwach.

Das Bundeswirtschaftsministerium kommentierte die Diagnose als Weckruf. Strukturreformen seien dringender denn je, hieß es in einer Pressemitteilung. Die Koalition unter Friedrich Merz hat ein Sondervermögen für Infrastruktur und Verteidigung aufgelegt, dessen Wachstumsimpulse aber erst mit Verzögerung wirken.

Fiskalimpuls stabilisiert, reicht aber nicht

Das Sondervermögen der Bundesregierung liefert einen expansiven Fiskalimpuls, der die wirtschaftliche Lage stabilisiert. Ohne diesen Impuls wäre das Wachstum nach Einschätzung der Institute nahe null. Doch die staatlichen Ausgaben allein können den Energiepreisschock nicht kompensieren. Die Institute fordern daher begleitende Strukturreformen: eine schnellere Genehmigungspraxis für Infrastrukturprojekte, eine Reform der Energiebesteuerung und Investitionen in die Digitalisierung des öffentlichen Sektors.

Die Diagnose spiegelt ein grundlegendes Dilemma: Deutschland braucht günstigere Energie, um seine Industrie wettbewerbsfähig zu halten. Aber die Abhängigkeit von Importen, die der Irankrieg so dramatisch sichtbar gemacht hat, lässt sich nicht kurzfristig auflösen.

Ausblick

Für 2027 erwarten die Institute ein Wachstum von 0,9 Prozent, vorausgesetzt die Energiepreise beruhigen sich nach einem Ende des Irankrieges wieder. Die nächste Gemeinschaftsdiagnose erscheint im Herbst und wird zeigen, ob die Islamabad-Gespräche zu einer Entspannung an den Energiemärkten beigetragen haben.

KI-gestützt erstellt

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