Studie: Kommentarspalten unter Journalismus sind toxischer als gedacht
Wer die Kommentarspalten unter journalistischen Beiträgen auf Facebook, Instagram oder YouTube durchliest, bekommt selten ein optimistisches Bild der öffentlichen Diskussionskultur. Diese Alltagsbeobachtung wird nun durch eine systematische Untersuchung der 14 deutschen Landesmedienanstalten empirisch untermauert. Der Transparenz-Check Digitale Diskussionsräume, der vergangene Woche veröffentlicht wurde, zeichnet ein ernstes Bild: Die Debatten zu journalistischen Beiträgen in sozialen Medien sind häufig von einem rauen, teils toxischen Klima geprägt.
Die Methodik der Untersuchung
Für die Studie wurden im Juli 2025 insgesamt 39 Kommentarsektionen unter journalistisch-redaktionellen Beiträgen auf den drei großen Plattformen Facebook, Instagram und YouTube analysiert. Zusätzlich untersuchten die Forscherinnen und Forscher die Kommentarbereiche unter Online-Beiträgen etablierter Medien wie Bild, Spiegel, Süddeutscher Zeitung und Zeit. Insgesamt flossen 9.418 einzelne Kommentare in die Auswertung ein. Es handelt sich damit um eine der umfangreichsten deutschen Untersuchungen zur Qualität von Online-Debatten im journalistischen Kontext.
Toxizität als Normalzustand
Die Ergebnisse bestätigen, was viele Nutzerinnen und Nutzer intuitiv wahrnehmen: Ein erheblicher Teil der Kommentare bewegt sich unterhalb der Schwelle dessen, was man als konstruktive Auseinandersetzung bezeichnen würde. Persönliche Angriffe, Verallgemeinerungen und Geringschätzung prägen die Diskussionsräume. Christian Krebs, Direktor der niedersächsischen Landesmedienanstalt, fasst die Lage zusammen: Die sozialen Medien würden von den Nutzern zunehmend als Orte wahrgenommen, an denen konstruktive Debatten kaum noch möglich seien und teilweise auch nicht mehr gewünscht erschienen.
Diese Wahrnehmung hat Konsequenzen. Wenn öffentliche Diskussionsräume als feindlich empfunden werden, ziehen sich gerade jene zurück, die zu einer sachlichen Debatte beitragen könnten. Übrig bleiben die Lautesten, die Provokantesten, die Wütendsten. Es entsteht eine Abwärtsspirale, in der die Qualität der Debatte sich selbst zerstört.
Moderation als Gegenmittel
Ein zentrales Ergebnis der Studie bietet allerdings auch Anlass für vorsichtigen Optimismus: Moderierte Debatten verlaufen signifikant harmonischer als unmoderierte. Wo Redaktionen oder Plattformbetreiber aktiv in die Diskussion eingreifen, problematische Beiträge kennzeichnen oder entfernen und die Gesprächsführung übernehmen, verbessert sich die Qualität der Kommentare spürbar. Das ist ein Befund mit unmittelbarer praktischer Relevanz, denn er zeigt, dass die Verrohung der Online-Debatte kein Naturgesetz ist, sondern durch konkrete Maßnahmen eingedämmt werden kann.
Das Problem liegt im Aufwand. Professionelle Community-Moderation kostet Geld und Personal, beides Ressourcen, die in vielen Redaktionen knapp sind. Gerade kleinere Medienhäuser können es sich kaum leisten, Kommentarspalten rund um die Uhr zu betreuen. Die Folge: Viele Medien haben ihre Kommentarfunktionen auf den eigenen Webseiten längst eingeschränkt oder abgeschaltet und verlagern die Diskussion auf Social-Media-Plattformen, wo sie die Moderation weitgehend den Plattformbetreibern überlassen.
Verantwortung der Plattformen
Die Studie wirft damit auch die Frage nach der Verantwortung der großen Plattformen auf. Facebook, Instagram und YouTube profitieren davon, dass Medieninhalte auf ihren Plattformen diskutiert werden, denn Kommentare erzeugen Engagement, und Engagement bedeutet Werbeeinnahmen. Gleichzeitig investieren die Plattformen nach Einschätzung der Medienanstalten nicht ausreichend in die Qualität dieser Diskussionen.
Der europäische Digital Services Act, der seit 2024 vollständig in Kraft ist, verpflichtet große Plattformen zwar zu systemischen Risikoanalysen und Gegenmaßnahmen. Doch die Umsetzung dieser Vorgaben bleibt hinter den Erwartungen zurück. Die Landesmedienanstalten als zuständige Aufsichtsbehörden stehen vor der Herausforderung, die Einhaltung dieser Regeln wirksam durchzusetzen.
Was die Studie für die Demokratie bedeutet
Die Befunde reichen über die Medienpolitik hinaus. Öffentliche Diskussionsräume sind eine Voraussetzung für demokratische Meinungsbildung. Wenn diese Räume so vergiftet sind, dass sich Menschen nicht mehr trauen, ihre Meinung zu äußern oder sachlich zu diskutieren, hat das Auswirkungen auf die Qualität des demokratischen Diskurses insgesamt. Die Studie der Landesmedienanstalten liefert dafür eine datengestützte Grundlage und macht deutlich, dass die Verbesserung der digitalen Debattenkultur nicht nur eine medien-, sondern eine gesellschaftspolitische Aufgabe ist.